Telekom: Kronzeuge gegen Exchefs

18. Februar 2013, 20:55
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Zwei von drei ehemaligen Telekom-Vorstandsmitgliedern schwer belastet hat der mögliche "Kronzeuge" Gernot Schieszler

Zwei von drei ehemaligen Telekom-Vorstandsmitgliedern schwer belastet hat der mögliche "Kronzeuge" Gernot Schieszler am Montag im Prozess um die Kursmanipulationen der Telekom Austria. Einzig Ex-Telekom-General Heinz Sundt nannte der Telekom-Manager nicht explizit.

 

Wie das mittels Scheinaufträgen generierte Bargeld übergeben wurde und warum er sich mit einem "Weinhändler" in einer Art Gefangenendilemma befand, schilderte der "Kronzeuge" im Telekom-Prozess.

Sitzplätze und Sauerstoff hatten am Montag im Verhandlungssaal 203 im Wiener Straflandesgerichts eines gemeinsam: Sie waren Mangelware. Das lag an jener ehemaligen Führungskraft der Telekom Austria (TA), die am Montag ihren großen Auftritt hatte: Gernot Schieszler, ehemals Assistent des früheren TA-Finanzvorstands Stefano Colombo, später Finanzchef der TA-Festnetzsparte (ab 2006) und höchstwahrscheinlich "Kronzeuge" im Prozess um Kursmanipulationen.

Der auf drei Stunden anberaumte Auftritt dauerte gute sechs und verlangte vor allem dem präsumtiven "Kronzeugen" Kondition ab. Richter Michael Tolstiuk genehmigte Schöffen, Staatsanwalt, Angeklagten und Stenografen nur zwei kurze Pausen, was für reichlich Sauerstoffzufuhr im überhitzten Raum kaum ausreichte. Die Luft wurde dünn – auch für die fünf der Untreue oder Beitragstäterschaft Beschuldigten rund um Ex-TA-Festnetzchef Rudolf Fischer, Colombo, Ex-TA-General Heinz Sundt, Exvertriebsmann Josef T. und Broker Johann Wanovits. Von ihnen wurde Schieszler kritisch beäugt. Das darf nicht verwundern, wurden die ehemaligen Chefs von ihrem damaligen Con trolling-Bereichsleiter doch in eine Art "Gefangenendilemma" manövriert, in dem sie sich befinden, seit Schieszler bei Ermittlungsbehörden und Revision auspackte.

Den Begriff brachte Schieszler auf, als er über den Ausbruchsversuch des Josef T. berichtete. T., damals Leiter Großkundenvertrieb, hatte den Chef des Börsenmaklers Euro Invest Bank "zufällig im Burgenland kennengelernt" und mit Schieszler bekannt gemacht, als die 95 TA-Führungskräfte darum bangten, ob der Kurs der TA-Aktie in den letzten Februar-Tagen 2004 den Durchschnittskurs von 11,70 Euro überspringen würde.

Um bei kurssteigerndem Aktienkauf und beleglosen Bargeldübergaben – Rechnungslegung war wegen "medialer Aufregung" und Prüfung des Kurssprungs durch die Finanzmarktaufsicht nicht opportun – das "Vieraugenprinzip" einzuhalten, trat Schieszler stets mit Begleitung auf. So auch im Frühjahr 2004, als er sich mit T. "in einem Lokal im 7. Bezirk" mit "dem Weinhändler", wie Wanovits zwecks Tarnung genannt wurde, traf. T. drohte dort mit (Selbst-)Anzeige, wovon ihn "Weinhändler" und Controller wieder abgebracht hätten. Das könnte ein Motiv gewesen sein, die Geldboten mit Barem zu belohnen, was Wanovits bestreitet.

Der präsumtive Kronzeuge revidierte zwar die Höhe auf insgesamt bis zu 30.000 Euro pro Person bei den ersten zwei Geldübergaben mit Josef T., legte am Montag aber eins nach: Die dritte Übergabe von Geld, das mit Scheinaufträgen über den Agenturkomplex Hochegger/Valora generiert worden war, habe er mit Prokuristen Wolfgang F. erledigt. Um "nicht in dieselbe Situation wie mit Josef T. zu kommen", habe er im Beisein des früheren Einkaufschefs – er gilt seit 2007 als indisponiert und verhandlungsunfähig – kein Bargeld genommen. "Ich wollte mit  F. nicht in einem Boot sitzen", sagte Schieszler, "diese Situation hatte ich ja bereits mit T."

Wie viel Geld der Broker bekommen hat, ließ sich auch anhand von Schieszlers Notizbuch, bekannt geworden als "Shitlist", nicht verifizieren, weil sich die Angaben des Kronzeugen ebensowenig nachprüfen ließen wie die "Provision", die von Cash-Generator Hochegger einbehalten worden war. Laut Schieszler waren zehn Prozent oder zwanzig ausgemacht mit dem Lobbyisten.

Zur Aufhellung des dichten Nebels trugen die Anwälte der fünf Angeklagten, für die ausnahmslos die Unschuldsvermutung gilt,  nur bedingt bei. Was seitens der Exvorstandsmitglieder nicht überraschen sollte, könnte doch jedes Detail gegen einen der drei auch die anderen beiden Kollegialmitglieder belasten. So blieb es an Schieszler, vor allem seinen Exchef zu belasten. Colombo habe die von TA-Mitarbeitern erstellte 380 Seiten starke Osteuropa-Studie gemeinsam mit dem Einkaufsleiter als Hochegger-Auftrag getarnt angekauft, um so 1,5 bis zwei Millionen Euro Cash zu produzieren. Das Geld sollte Honorar für den Kurs-Deal sein, was von der Höhe her keineswegs unumstritten ist. Ex-Technik-Chef Fischer hatte in seinem Teilgeständnis nur 500.000 Euro eingestanden.

Gegen Fischer und andere ist, wie am Montag bekannt wurde, eine weitere Anklage rechtswirksam – wegen Untreue, falscher Beweisaussage sowie Geldwäsche. In dem Fall geht es um angebliche Zahlungen von 960.000 Euro der TA an zwei Agenturen, die den Nationalratswahlkampf des BZÖ 2006 abwickelten. (ung,DER STANDARD, 19.2.2013)

  • Einsamer Blick des einzigen "Kronzeugen" aus einem Fenster im Wiener Straflandesgericht. Gernot Schieszler sagte am Montag im ersten von wahrscheinlich mehreren Telekom-Prozessen aus.
    foto: standard/matthias cremer

    Einsamer Blick des einzigen "Kronzeugen" aus einem Fenster im Wiener Straflandesgericht. Gernot Schieszler sagte am Montag im ersten von wahrscheinlich mehreren Telekom-Prozessen aus.

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