Von der Überflüssigkeit des Dirigierens

18. Februar 2013, 18:08
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Thomas Hampson und die Wiener Virtuosen mit einem fulminant absolvierten Allerweltsprogramm

Wien – Den Wiener  Philharmonikern eilt ja der Ruf voraus, gar keine Dirigenten zu brauchen oder im Zweifelsfall ohnehin (und gegen deren Willen) so zu musizieren, wie es ihnen beliebt.

Zwar gibt es zweifellos Musik, deren Komplexität dieses Gerücht ins Land der Legenden verweist; allerdings ist schon etwas Wahres dran. Wenn die Wiener Virtuosen – Mitglieder der Philharmoniker der ersten Reihen – einen ihrer Auftritte ohne Dirigenten absolvieren, lässt sich staunend sehen, wie weit musikalische Selbstorganisation gedeihen kann.

Im Fall von Wagners Siegfried-Idyll und Bizets 1. Symphonie boten sie (mit einer immerhin bis zu rund dreißigköpfigen Besetzung) so etwas wie Kammermusik für Orchester – nicht nur pannenfrei, sondern voller lebhafter Empfindung und Spontaneität.

Natürlich hätte jemand am Pult die eine oder andere Passage stringenter führen können; doch virtuos agierte der Klangkörper bei weitem nicht nur darin, sich zu verständigen, sondern auch darin, hörend aufeinander zu reagieren.

Wenn da vor allem von der Cellogruppe mitunter etwas gar viel forcierte Emphase herüberdrang, war das Geschmackssache. Es passte jedoch zu jenem Pathos, das Thomas Hampson bei einer reduzierten Orchesterfassung von Mahlers Kindertotenliedern in den großen Musikvereinssaal warf.

Dass er sich bemüßigt fühlte, sich phasenweise auch als Dirigent zu gerieren, führte kaum zu einem An-einem-Strang-Ziehen, das nicht auch so zustande gekommen wäre. Manches Rudern und Zucken, womit er das instrumentale Geschehen pantomimisch illustrierte, fiel eher in die Kategorie "unfreiwillige Komik". Rein stimmlich freilich ist Hampson bei Mahler nach wie vor fast konkurrenzlos. Zu seinen reichen Abschattierungen des Leidens bot er dann mit Dvoráks Zigeunermelodien einen starken Kontrast in diesem recht willkürlich zusammengewürfelten Programm.

Für sich genommen war auch dieser orchestrierte Zyklus ein Dokument ungezügelter vokaler und darstellerischer Präsenz des Baritons. Heftige Akklamationen waren unter anderem sein Lohn. (Daniel Ender, DER STANDARD, 19.2.2013)

 

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