Die Wepsen wollen nicht das Los der Mammuts teilen

18. Februar 2013, 17:51
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Ein kleines Volk in Nordrussland kämpft gegen seinen Untergang: Jahrzehnte war ihre Sprache verpönt, nun droht sie in Vergessenheit zu geraten

Hoch im Norden Russlands liegt die Teilrepublik Karelien. Der Moskauer Nachtzug, der kurz vor zehn Uhr morgens in der Hauptstadt Petrosawodsk einläuft, trifft die Stadt Ende Jänner noch im Dämmerlicht an. Die Tage im Winter sind kurz und kalt, das Klima ist rau. "Sie haben Glück: Vor einer Woche hatten wir hier noch minus 32 Grad", begrüßt Anna Anchimowa den fröstelnden Ankömmling.

Anchimowa ist Mitarbeiterin des Nationalen Museums der Republik Karelien in Petrosawodsk - und zudem eine Wepsin. Sie gehört damit zu einem kleinen Nordvolk, das bereits - ähnlich wie die der Republik ihren Namen gebenden Karelier - seit Jahrhunderten in der Gegend lebt; lange bevor Zar Peter der Große 1703 am Onegasee die Waffenfabrik Petrosawodsk anlegen ließ, womit der starke Zuzug von Russen in die Region begann.

Die erste urkundliche Erwähnung der Wepsen stammt aus dem 6. Jahrhundert. Der Araber Ibn Fadlan bezeichnete sie später, Anfang des 10. Jahrhunderts, in seinem berühmten Reisebericht als Wes. "Wenn die Sonne aufgeht, taucht sie in diesem Land alles in rotes Licht: Erde und Berge und alles, was der Mensch noch erblickt", schrieb er über das sagenhafte Nordland der Wepsen. Das Volk handelte mit Fellen, vor allem der wertvolle Zobel war bei den russischen Nachbarn hoch begehrt. Daneben waren die Wepsen auch erfahrene Steinmetze. In St. Petersburg haben wepsische Meister eine ganze Reihe von Brücken errichtet, erzählt Anna Anchimowa.

Doch in den Stolz auf die eigene Vergangenheit mischt sich Trauer, denn diese Geschichte könnte bald zu Ende gehen. Sprache und Kultur, ja das ganze Volk, sind akut vom Aussterben bedroht. Lange bewahrte die Abgeschiedenheit der Wälder die Wepsen vor Assimilierung und Auflösung. Selbst die von den Russen übernommene Orthodoxie verwebten sie mit ihrem Naturglauben. Doch im letzten Jahrhundert ist die Welt zusammengerückt. Für die Wepsen wurde sie damit zu klein. Wurden 1926 noch gut 33.000 Wepsen gezählt, waren es Ende der 1980er-Jahre nur noch 12.000. Laut der letzten Volkszählung verringerte sich deren Zahl auf 5700. Da sich zu Sowjetzeiten Vertreter kleinerer Völker oft Russen nannten, dürfte der Rückgang sogar noch gravierender sein.

Dabei war die Sowjetmacht für die Wepsen anfangs sogar ein Segen: "Die Bolschewiki schufen spezielle wissenschaftliche Zentren zur Erforschung der Sprachen und Kulturen der in der UdSSR lebenden Völker. Die Herausgabe von Büchern und Zeitschriften in der Sprache der Minderheiten wurde von der bolschewistischen Führung energisch unterstützt", schreibt der Moskauer Historiker Andrej Subow. Seinen Angaben nach wurden 1934 Schulbücher in 104 Sprachen herausgegeben, darunter auch in Wepsisch. Erstmals überhaupt wurde die Sprache damit verschriftlicht.

Druck begann unter Stalin

Doch Stalin misstraute jeder Art nationalen Selbstbewusstseins. Die administrativen Grenzen waren auf eine Zersplitterung der Volksgruppen ausgelegt. Bis heute sind die Wepsen auf drei verschiedene Regionen verstreut: Karelien, Wologda und das Gebiet Leningrad. Überall sind sie eine kleine Minderheit ohne Autonomie.

1937 begannen dann die Repressionen. "Alle wepsischen Lehrbücher wurden verbrannt", erzählt die Petrosawodsker Linguistin Nina Saizewa, die sich als gebürtige Wepsin der Bewahrung ihrer eigenen Sprache verschrieben hat. Vielerorts wurde Wepsisch aus dem Unterricht vollständig verbannt und in den privaten Gebrauch zurückgedrängt. In einigen Schulen wurden die Kinder sogar dafür bestraft, wenn sie sich in den Pausen in ihrer Muttersprache unterhielten, berichtet Saizewa. Der Druck auf die Wepsen habe bis in die 1970er- und 1980er-Jahre angehalten, sagt sie. Die Auswirkungen waren verheerend: Eine ganze Generation vergaß ihre Sprache.

Und so mischt sich tiefe Wehmut in die Töne, wenn der Veteranenchor in Scholtosero das Lied über "das schönste Dorf der Welt" anstimmt. Scholtosero, 50 Kilometer südöstlich von Petrosawodsk, gilt als Zentrum der Wepsen, und doch sprechen nur noch die Alten hier ihre Sprache, bedauert die 70-jährige Elvira Kottina. "Mein Sohn kann noch ein bisschen Wepsisch, mein Enkel nur noch einige Worte", sagt die ehemalige Grundschullehrerin.

Selbst in Scholtosero sind die Wepsen inzwischen eine Minderheit. Um Geld zu verdienen, sind viele in die Stadt ausgewandert, Armenier haben ihre Stelle eingenommen. Und obwohl hier seit knapp 20 Jahren Wepsisch wieder in der Schule gelehrt wird, glaubt Kottina nicht an eine Wiedergeburt ihrer Sprache. Mit ihrer Generation werde das Volk der Wepsen aussterben, ist sie überzeugt.

Tatsächlich ist der Erfolg des Sprachunterrichts bei den Jungen bescheiden: Im vergangenen Jahr hat gerade einmal ein Student seinen Abschluss an der Wepsen-Fakultät in Petrosawodsk gemacht. "Ich bin pessimistischer, als ich es noch vor 20 Jahren war, sagt daher auch Saizewa.

"Einfach ein bisschen reden"

Doch Anchimowa will sich nicht geschlagen geben. Die junge Frau kommt nicht nur regelmäßig zu den Veranstaltungen der Veteranen in Scholtosero, sie leitet in Petrosawodsk auch einen Sprachklub, in dem sich Wepsen treffen, austauschen "und einfach ein bisschen reden" können. Reden ist wichtig, das weiß Anchimowa aus eigener Erfahrung, die das Wepsische nicht von ihren Eltern, sondern von Oma und Tante im Dorf gelernt hat.

Sie hat sich dem Ziel verschrieben, Sprache und Traditionen ihrer Vorfahren zu bewahren - und geht dafür ganz neue Wege. 2011 hat sie mithilfe des Kulturministeriums und der Potanin-Stiftung im Museum das multimediale Bildungsprojekt "Zu Gast bei den Wepsen" gestartet. Sie fuhr in die Dörfer, um Daten über den Alltag der Wepsen zu sammeln, Fotos, Audiomitschnitte, Videos. Das Ganze wird auf einer mobilen Datenbank gelagert und kommt im Unterricht zum Einsatz.

Daneben werden die Kinder spielerisch an die Sprache und Kultur herangeführt. "In interaktiven Spielen sollen sie beispielsweise traditionelle Gegenstände in der Hütte ihrer Oma auf den richtigen Platz stellen", erläutert Anchimowa das Konzept. Die Begeisterung bei den Kleinen sei riesig gewesen, versichert sie. Anchimowa jedenfalls ist überzeugt: "Wir Wepsen sind ein modernes Volk und werden nicht aussterben wie die Mammuts." (André Ballin aus Scholtosero/DER STANDARD, 19. 2. 2013)


Wissen: Uni Wien an Erforschung von Minderheitensprachen beteiligt 

Im Frühjahr 2010 hat unter anderem unter Beteiligung der Universität Wien das Projekt "European Language Diversity for All" (kurz ELDIA) zur Erforschung von Minderheitensprachen begonnen. Die Lage des mit der finnischen Sprache verwandten Wepsisch hat dabei die Universität Helsinki in Kooperation mit der Uni Petrosawodsk untersucht. Die Ergebnisse der Studie sind alarmierend: Bezeichnen bei den über 65-Jährigen gut 90 Prozent der Wepsen Wepsisch noch als ihre Muttersprache, sind es bei den unter 30-Jährigen nur noch etwa fünf Prozent. Gleichzeitig steigt der Anteil derjenigen, die Russisch als alleinige Muttersprache bezeichnen, auf über 70 Prozent.

Hoffnung für das Überleben der wepsischen Sprache gibt allein der langsam steigende Prozentsatz zweisprachiger Wepsen. Während die Älteren sich zumeist auf eine Muttersprache festlegen, geben bei den Jüngeren inzwischen mehr als 20 Prozent der Wepsen an, beide Sprachen gleich gut zu beherrschen.

In Forschungsprojekt ELDIA arbeiten acht Universitäten in sechs europäischen Ländern zusammen, um zu einem besseren Verstehen der Interaktion von lokalen, nationalen und internationalen (Verkehrs-) Sprachen im heutigen Europa beizutragen. (ab)

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ELDIA

  • Wehmütig besingt der Veteranenchor seine Liebe zum Heimatdorf Scholtosero, wo auch das Wepsen-Museum (siehe unteres Foto) steht. Doch während die Alten pessimistisch sind, glaubt Anna Anchimowa (stehend hinter den Sängerinnen) an eine Zukunft ihres Volkes.
    foto: ballin

    Wehmütig besingt der Veteranenchor seine Liebe zum Heimatdorf Scholtosero, wo auch das Wepsen-Museum (siehe unteres Foto) steht. Doch während die Alten pessimistisch sind, glaubt Anna Anchimowa (stehend hinter den Sängerinnen) an eine Zukunft ihres Volkes.

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