Ein Doderer in Pillenform

18. Februar 2013, 17:23
3 Postings

Mit hoher Meisterschaft auf knappstem Raum zeichnet Autor Peter Rosei (66) in seinem Roman "Madame Stern" das Porträt einer Giergesellschaft, die sich über ihre eigene Kulturlosigkeit hinwegtröstet

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind beabsichtigt.

Wien - Es hat nicht nur den Anschein, als ob Peter Roseis Romane immer schmäler würden. Auf gerade einmal 153 Buchseiten wird ein ganzes Zeitalter besichtigt: unsere allerjüngste Wiener Vergangenheit, unter besonderer, keineswegs zufälliger Berücksichtigung des schönen Landes Kärnten. Doch die Wurzeln von Madame Stern, so der Titel von Roseis neuem Werk, reichen tiefer.

Ein Zeitalter wird eingehend unter die Lupe genommen, und durch das Brennglas fällt ein geheuchelt freundlicher Blick. Roseis Genauigkeit sieht der liebenden Anteilnahme zum Verwechseln ähnlich. In Wahrheit plant er, darin ein getreuer Jünger des großen Honoré de Balzac, nicht weniger als die Inszenierung eines Weltuntergangs. Madame Stern ist ein Kleinbürgerroman. Und es liegt in der Natur der unteren Mittelschicht, die eigenen, oft aus Ungeschick resultierenden Niederlagen als Anschlag auf die Allgemeinheit zu missverstehen.

Ein Kärntner Handelsvertreter für Süßwaren profitiert von "flott eingefädelten Nebengeschäften mit Werbekugelschreibern". Johann Josef Maiernigg macht sich selbstständig; er eröffnet in Klagenfurt ein Elektrofachgeschäft. Der Mann ist ein kluger Profiteur des Wiederaufschwungs: Er beklebt das ganze Land mit seinem Namenszug. Maiernigg, so lässt er die Zielgruppe auf Plakaten wissen, ist "der Preisschreck". Er ermöglicht Jungfamilien den Ratenkauf von Waschmaschinen. Dem drohenden Kampf mit den entstehenden Großhandelsketten weicht er instinktsicher aus. Maiernigg, dessen lebenslustigen Sohn es zu "Höherem" drängt, macht bald darauf in Immobilien.

Am anderen Ende der geografischen Skala verschlägt es den Leser nach Wien-Hütteldorf. Dort blicken "putzige Einfamilienhäuser" auf die " vielfingrigen Gleiskörper der Westbahn". Eine Hausfrau, einem Buchhalter in liebloser Ehe verbunden, findet ihr ganzes Glück in regelmäßigen Besuchen der Wiener Staatsoper. Der Buchhalter erhängt sich bald, was den Fortgang der Ereignisse aber kaum hemmt.

Sehen und gesehen werden

Tochter Gisela ("Gisi"), wenig ansehnlich, jedoch zielsicher im Ersinnen sozialer Strategien, erbt den mütterlichen Opernfimmel. Ihre wahre Begabung liegt im Erweis der Tatsache, dass man die Oper am Ring nicht allein deshalb aufsucht, um etwas zu sehen und zu hören, sondern vor allem, um gesehen zu werden.

Madame Stern handelt von der Todsünde des Stolzes, heruntergebrochen auf die Ebene der Geltungssucht. Mit jedem Schritt hin zum Opernhaus bemächtigt sich der Mutter Stern eine wundersame Hebung und Straffung - " spätestens im Burggarten wurde aus ihr, der doch eher schlichten Frau von der Peripherie, eine Dame, eine richtige Dame, die ihr Leben nicht zwischen zerknitterten Einkaufszetteln, Herd und auszulüftenden Betten verbringt." Herz und Sinn der Stern erheben sich.

Das Töchterchen, in der Zwischenzeit zur Bankdirektorin erblüht, wird das mütterliche Handeln des sentimentalen Scheins entkleiden. In ihrer Opernloge umgibt sie sich mit Zuträgern, die ihr die Mühen der Kunstbetrachtung abnehmen: zugereiste Grafen, ungepflegte Anwälte und Hochschullehrer. Einen hochverschuldeten Verleger hat Gisela als Gebieterin über das Kreditwesen ihrer Bank bereits auf dem Gewissen. Er ist ins Wasser des Donaukanals gegangen.

Das Bündnis, das die reife "Macherin" mit dem jungen Finanzminister Maiernigg schließt, besiegelt eine Schicksalsgemeinschaft von Parvenus. Der "Deal", den die beiden miteinander einfädeln, wird von Rosei kaum mit Worten berührt. Er mündet in einen politischen Skandal, der auch Gisela mit in den Abgrund reißt. Die Aufsteiger eint ein Gefühl der Gier. Zwischen ihnen, könnte man sagen, herrscht die Anziehung zweier Wesensgleicher.

Abriss des Gierkapitalismus

Ihnen beiden steht die Einsicht zu Gebote, dass die Gesellschaftsordnung ein Vertikalsystem ist. Roseis knapper, wunderbar lapidarer Abriss des " Gierkapitalismus" ähnelt einem Paternoster.

Seit den Segnungen der Ära Kreisky schienen alle Hürden für den Aufstieg beseitigt: der Mangel an Geld wie jener betrübliche an Takt und Kultur. Wer "aus einfachen Verhältnissen" stammt, hat alle Chancen. Nur leider feit aller Ehrgeiz nicht vor ein paar fundamentalen Irrtümern. In Österreich nimmt man den Schein, schon der Bequemlichkeit halber, für das Wesen. Der Hinweis, dass sich hinter der Figur des Ministers Maiernigg mit der elastischen Frisur ein Finanzminister der Ära Schüssel verbergen könnte, führt gewiss nicht in die Irre. Mit Blick auf diese Ähnlichkeit gilt keine Unschuldsvermutung.

Roseis famoses Buch hat mehr im Sinn: Es entblößt lässig einen Sozialcharakter. Diesem darf nachgesagt werden, dass er ebenso Opfer ist wie Täter. Die Helden von gestern findet man heute an den Wühltischen der Billigkaufhäuser wieder. Darin liegt keine Spur von Gerechtigkeit. Sondern es zeigt sich das Walten eines Geschicks, das denjenigen, die an es glauben, unbegreiflich bleibt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 19.2.2013)

Peter Rosei, "Madame Stern". Roman. Residenz, St. Pölten 2013

  • Als das Wünschen noch geholfen hat: Der in Wien und im Burgenland lebende Autor Peter Rosei porträtiert den Sozialcharakter des Parvenus in Politik und Gesellschaft.
    foto: standard/regine hendrich

    Als das Wünschen noch geholfen hat: Der in Wien und im Burgenland lebende Autor Peter Rosei porträtiert den Sozialcharakter des Parvenus in Politik und Gesellschaft.

Share if you care.