Doppelmoral beim Fleischverzehr

Leserkommentar19. Februar 2013, 16:55
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Rational betrachtet ist der Verzehr von Pferdefleisch nicht verwerflicher als jeder andere

Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, dass sich die Empörung der KonsumentInnen im gegenwärtigen Pferdefleischskandal gegen die unvollständige Deklaration der Inhaltsstoffe richtet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, wie ein Vergleich mit anderen Nahrungsmitteln sofort erhellt: Mit Sicherheit gäbe es keinen auch nur annähernd so lauten Aufschrei, wenn sich in Weizenbrot nicht deklarierter Roggen oder in Apfelmus nicht deklarierte Birnen befänden. Selbst die Entdeckung des "Analogkäses" führte zu keiner vergleichbaren Verunsicherung.

Warum sind die VerbraucherInnen nun aber so viel mehr verstört, wenn sich in ihrem Rindfleisch-Fertiggericht neben dem angeführten Fleisch von Paarhufern nun auch nichtdeklariertes Fleisch von Unpaarhufern befindet?

Die undeklariert verarbeiteten Pferde waren für die Verwertung als Lebensmittel vorgesehen und wurden offenbar auch in EU-Schlacht- und -Zerlegebetrieben verarbeitet. Solange sie noch lebten, ging es ihnen vermutlich auch wesentlich besser als ihren bovinen Leidensgenossen.

Ebenso scheint es kaum relevante Unterschiede in der Leidensfähigkeit zwischen Pferden und Rindern zu geben, die eine derartig außerordentliche Reaktion erklären könnten.

Welche Tiere "dürfen" wir essen?

Zweifellos berührt die Frage, welche Tiere wir wissentlich oder unwissentlich verzehren, unsere Moralvorstellungen. Ist es noch zu einfach, auf unsere soziokulturelle Konstruktion des Pferdes als Haus-, des Rindes als Nutztier zu verweisen? Immerhin unterscheidet sich unsere Beziehung zu diesen beiden höheren Säugetieren ja dadurch, dass wir die einen nur zur Lebensmittelproduktion ausbeuten, die anderen fallweise auch zu unserem Vergnügen reiten oder manchmal sogar ein freundschaftliches Verhältnis mit ihnen pflegen.

Und hier könnte der Schlüssel zu des Rätsels Lösung liegen: Aus letztgenanntem Grund wahren wir in der öffentlichen und vielfach auch privaten Wahrnehmung ein engeres Verhältnis zu Pferden als zu Rindern, welche die meisten von uns ja überhaupt nur mehr aus der Werbung kennen. Wir fühlen stärker mit den einen als mit den anderen - auch wenn sie das identische Schicksal erleiden.

Bei den uns so besonders vertrauten Heimtieren Hund und Katze führt unsere empathische Hierarchie sogar so weit, dass genau diese beiden Spezies als einzige Tiere nicht "zur Gewinnung von Nahrung oder anderen Produkten" getötet werden dürfen.

Ethik hat einen Anspruch auf Universalität. Eine intersubjektive Moralphilosophie muss daher streng rational operieren. Unsere Multistandardtheorie in Bezug auf Rinder, Pferde und Hunde hält einer rationalen Überprüfung nicht stand. (Olivia Ladinig, Leserkommentar, derStandard.at, 19.2.2013)

Olivia Ladinig ist Psychologin und Mitarbeiterin der Veganen Gesellschaft Österreich.

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