Zumindest Podolski freut sich

19. Februar 2013, 05:30
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Ein angeschlagenes Arsenal empfängt im Achtelfinal-Hinspiel die Bayern. Bei den von allen Seiten gelobten Gästen scheint bloß ein Defizit denkbar: zu viel Optimismus

London - Ja mei, die Bayern. Nach ein paar Seitenblicken auf die älplerische Folklore in Schladming samt Silber-Felix kann man sich im Freistaat nun wieder zu 105 Prozent der Hauptsache widmen. Und die heißt FC Bayern München, sie san schließlich immer noch sie. Liebe und Glaube an den Stern des Südens sind weiterhin ungebrochen, da kann nicht einmal die heilige katholische Kirche mithalten. Papst hin, Papst her.

Und trotzdem rumort es im Anhänger. Zwei Jahre ist der letzte Titel her, das geht auf keine Kuhhaut. Triumph und Dominanz sind in München der Normalfall, Erfolg das Selbstverständnis beim Rekordmeister (21) und Rekordpokalgewinner (15). In dieser Saison aber scheint endlich wieder alles beim Alten: Als Tabellenführer mit 15 Punkten Vorsprung zwölf Runden vor Schluss beschert die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes der Bundesliga die fadeste Rückrunde aller Zeiten, im Cup könnte der freche Thronprätendent aus Dortmund im direkten Viertelfinal-Duell Ende Februar ebenfalls auf seinen Platz verwiesen werden.

Psychologie der Ersatzbank

Die größte Herausforderung für den bedächtigen Übungsleiter Heynckes ist derzeit, die zu Reservisten degradierten Mario Gomez, Arjen Robben und Jérôme Boateng an der Verbreitung schlechter Vibes zu hindern. Besonders beim Flügelsensibelchen aus den Niederlanden ("Es ist besser ich gehe zum Bus, sonst sage ich Sachen") ist insofern höchster Streicheleinsatz geboten. Und so rücken neben dem Trainer auch Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge und der dafür besonders prädestinierte Sportdirektor Matthias Sammer aus, um neben den Werten des Kollektivs und den Gefahren des Egoismus insbesonders auch die innige Wertschätzung jedes einzelnen Kadermitglieds zu besingen.

Auch eine gewisse Autosedierung angesichts der Liga-Ergebnisse 2013 - 2:0, 3:0, 4:0, 2:0 - und ihres widerstandslosen Zustandekommens könnte eine gewisse Gefahr darstellen.  "Wir sind froh, dass wir jetzt in London spielen müssen", wurde Tormann Manuel Neuer in der Süddeutschen Zeitung zitiert. Deutschlands Nationalkeeper litt zuletzt an akuter Unterbeschäftigung, was im Spiel gegen Schalke 04 dazu führte, dass er sich zwecks halbwegser Warmhaltung während der laufenden Partie von seinem nicht eingesetzten Kollegen Thomas Müller ein paar Bälle zuwerfen ließ. Luxusprobleme, zweifellos. Geht das so weiter, könnte sich Josep Guardiola ab Sommer gar ein bisschen überflüssig vorkommen.

Mit Van Buyten

Und schließlich ist da auch noch die Champions League. Heftig schmerzt noch das Fiasko dahoam, als man das letztjährige Endspiel im eigenen Haus als klar besseres Team gegen Chelsea London hatte verloren geben müssen. Auf dem Weg zur Genugtuung und der ersten internationalen Großtat seit 2001, als sich die Münchner gegen Valencia im Elfmeterschießen den CL-Pokal sicherten, soll Achtelfinal-Gegner FC Arsenal am Dienstag kein Hindernis sein. Javi Martinez ist wieder fit, dafür fehlen neben dem erkrankten Claudio Pizarro in Holger Badstuber (verletzt) und Boateng (gesperrt) zwei Innenverteidiger. Daher wird Daniel van Buyten von Beginn an einlaufen. "Es kribbelt schon", erklärte der belgische Abwehrrecke.

David Alaba wird es als Linksback mit Theo Walcott zu tun bekommen, Arsenals verlässlichstem Torschützen und einem Mann mit überragender Sprintqualität. Der Österreicher könnte gezwungen werden, seine Durchbrüche in die Spitze diesmal nur sehr dosiert anzusetzen, würde doch ein zu weites Aufrücken dem englischen Teamspieler gerade recht kommen.

Arsenal nach erneuter Blamage unter Zugzwang

In London differiert die Stimmung deutlich von der weiß-blauen Variante. Arsenal war am Samstag vom Platz gebuht worden, das 0:1 in der fünften Runde des FA Cups gegen Zweitligist Blackburn war so gar nicht nach dem Geschmack der Ränge. Schließlich war dies bereits die zweite Erniedrigung der Gunners durch unterklassige Opposition gewesen, vor zwei Monaten hatte die Endstation im Ligapokal auf den Namen Bradford City gehört und war der vierten Leistungsklasse entsprungen.

"Schmerzvoll" war das Gesehene bei Arsène Wenger angekommen, dem Manager, dessen spekulatives Herausrotieren einer Reihe von Stammkräften den Rovers in die Beine gespielt hatte. Erst in der finalen Phase und im Angesicht der Niederlage hatte das Agieren seiner Mannschaft eine gewisse Dringlichkeit verströmt. Ein Lattenschuss von Routinier Tomas Rosicky blieb die knappste Annäherung an einen Treffer.

Mit 21 Punkten hinter Manchester United auf Platz fünf der Premier League liegend, wäre ein schlechtes Hinspiel-Resultat gegen die Bayern schon beinahe gleichbedeutend mit der achten titellosen Kampagne hintereinander. Kein geringer Druck ist das, der auf den Engländern lasten wird.

Dass es mittlerweile zum guten Ton zu gehören scheint, an Arsenal herumzumäkeln, liegt wohl nicht zuletzt an einer auch hier sehr hoch liegenden Anspruchslatte. Drei Meisterschaften, vier FA Cups und vier Charity Shields schwemmte die Ära Wenger bisher in den Trophäenschrank. Diese erreichte 2003/04 einen unüberbietbaren Höhepunkt, als die "Invincibles" in der Liga keine einzige Niederlage hinnehmen mussten.

Insofern ist der eloquente Wenger, der den Klub prägte wie wohl niemand sonst in seiner Geschichte (der legendäre Herbert Chapman einmal ausgenommen), in seinem 16. Jahr in London bis zu einem gewissen Grad auch Opfer seines eigenen Erfolgs.

Podolski freut sich

Dass Wenger unter Anspannung steht, zeigte sich am Montag, als er sich auf der Pressekonferenz zu einem kleinen Scharmützel mit einem Journalisten hinreißen ließ. Man lebe in einer Welt voller Experten, aber viele von diesen hätten nicht notwendigerweise Recht. "Wir müssen zeigen, dass wir mental stark genung sind, mit jeder Meinungsäußerung umzugehen." Vergessen was die Leute sagen, Konzentration auf die eigenen Stärken - das sei nun gefragt, so der 63-Jährige in seiner kleinen Medienschelte.

Da kann es nicht schaden, eine Frohnatur wie Lukas Podolski um sich zu haben. "Poldi freut sich, dass wir in seiner Stadt sind und wir uns sehen", wusste Sebastian Schweinsteiger nach einem Telefonat mit dem ehemaligen Bayern-Kollegen zu berichten. Und der im Sommer von Köln nach London gewechselte Stürmer schwärmt: "Bei Arsenal herrscht eine tolle Atmosphäre und Ruhe, die man wohl selten findet. So dass man sich total auf Fußball konzentrieren kann." Na bitte. (Michael Robausch, derStandard.at - 19.2. 2013)

CHAMPIONS LEAGUE, Achtelfinale:

Arsenal London - Bayern München (London, Dienstag 19.2. 20.45 Uhr)

Arsenal: Szczesny - Sagna, Mertesacker, Koscielny, Vermaelen - Wilshere, Arteta - Walcott, Cazorla, Podolski - Giroud. - Trainer: Wenger

München: Neuer - Lahm, van Buyten, Dante, Alaba - Schweinsteiger, Martínez - Müller, Kroos, Ribéry - Mandzukic. - Trainer: Heynckes

Schiedsrichter: Svein Oddvar Moen (Norwegen)

FC Porto - Málaga CF (Porto, Dienstag 19.2. 20.45 Uhr)

  • "Ich vertraue in unsere Qualitäten": Arsène Wenger über das Achtelfinale gegen die Bayern.

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    Gegen Blackburn glänzten Gervinho und seine Kollegen nicht unbedingt durch Effizienz: 26 Torschüsse, kein Goal.

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    Bei den Bayern spielt die niederländische Diva Arjen Robben derzeit zwar keine tragende Rolle, muss aber trotzdem bei Laune gehalten werden.

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