Sevgi und Turgut reden über Integration

18. Februar 2013, 14:35
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Gespräch einer Tochter mit ihrem Vater vor dem gemeinsamen Migrationshintergrund - Ein Dramolett

Die Tochter, Sevgi, zwölf Jahre alt, muss als Hausaufgabe das Thema Integration behandeln - und was liegt da näher, als ihren 48-jährigen Vater Turgut, einen zurzeit arbeitslosen Bau- und Kanalarbeiter, zu befragen.

Sevgi: Hallo, Papa. Soundcheck. Papa, erzähl mir mal die Geschichte, warum du an der rechten Hand nur vier Finger hast.

Turgut: Das hab ich euch Kindern doch schon hundertmal erzählt.

Sevgi: Ich weiß, aber ich brauch's für die Schule. Einmal geht's noch. Was Sozialkritisches kommt immer gut. Dann beneiden mich alle.

Sevgi zwinkert ihrem Vater schelmisch zu.

Turgut: Ich hab meinen fünften Finger für Österreich gegeben.

Sevgi: So hast du es aber noch nie erzählt.

Turgut: Aber ja doch, es war im Jahr 2002. Da haben wir die Kanalisation unter dem Parlament neu gelegt. Als ich ein leckes Rohr auswechseln wollte, ist mir der Finger ins Gewinde gekommen, und dann ist die ganze - wie heißt das deutsche Wort für bok? - auf mich geronnen ...

Sevgi: Iiii, Papa, bitte!

Turgut: Egal, ich hab mich infiziert, zuerst ist der Finger rot angelaufen, dann blau, dann schwarz und ...

Sevgi drückt die Stopptaste.

Sevgi: Papa, das geht so nicht. Irgendwie klingt das wie politische Anspielungen ...

Turgut: Was kann ich dafür? Es ist die Wahrheit.

Sevgi: Ich weiß, aber es kommt komisch rüber. Als würdest du irgendwelche Hintergedanken ...

Turgut: Ich und Hintergedanken? Dafür bin ich doch viel zu dumm. Ich hab mein ganzes Leben so viel leisten müssen, da hatte ich keine Zeit für Bildung.

Sevgi: Aber Papa, Intelligenz hat doch nichts mit Bildung zu tun. Fangen wir von vorne an.

Sevgi betätigt die Stopptaste, löscht das File und drückt die Record-Taste. Dabei presst sie fachfräuisch die Lippen zusammen und streckt die Zungenspitze raus.

Sevgi: Papa, wieso spricht der Opa so schlecht Deutsch?

Turgut: Das hat nichts zu bedeuten. Bereits sein Türkisch war schlecht, weil er es von seinen Ziegen gelernt hatte.

Sevgi: Wieso, Papa, sprichst du so schlecht Deutsch?

Turgut: Weil ich's von den Österreichern g'lernt hab'.

Sevgi: Wieso aber spreche ich so gut Deutsch?

Turgut: Weil du's aus diesen gescheiten Büchern hast und unfähig bist, dich der hiesigen Lebensart anzupassen. Ich hab es dir schon hundertmal gesagt: Wenn du den Integrationsbogen überspannst, dann kann es passieren, dass du nicht wie ich und Opa vor der Tür dieser Gesellschaft sitzen bleibst, sondern beim Hinterausgang landest.

Sevgi: Papa, hältst du dich für integriert?

Turgut: Schon, schon, aber a bissl mehr könnt's vielleicht sein.

Sevgi: Papa, wieso bist du zu wenig integriert?

Turgut: Ich weiß nicht, vielleicht, weil ich arbeitslos bin?

Sevgi: Papa, wieso bist du so arbeitslos?

Turgut: Ich weiß nicht, vielleicht, weil ich zu wenig integriert bin.

Sevgi: Papa?

Turgut: Was ist denn jetzt schon wieder?

Sevgi: Der Czischek von der Siebenerstiegen ist doch auch ein Hackler wie du.

Turgut: Ich glaub' schon.

Sevgi: Wieso muss der nicht integriert werden?

Turgut: Du stellst aber blöde Fragen. Weil er Czischek heißt und nicht Çiçek wie wir.

Sevgi: Wieso ist dann der Herr Czischek von der Siebenerstiegen arbeitslos?

Turgut: Weil ihn der Arbeitsmarkt gerade nicht braucht.

Sevgi: Heißt das, du könntest, wenn du dich besser integrieren würdest, irgendwann auch von dir sagen, dass dich der Arbeitsmarkt gerade nicht braucht?

Turgut: Mei, Sevgi, das wär' natürlich schön, aber so hoch komm ich in meinem Leben doch nicht mehr; darum ist es mein größter Wunsch, dass du es einmal so weit schaffst.

Sevgi: Papa, du meinst, Integration bedeutet, wenn es ein Çiçek schafft, vom arbeitslosen Kanalarbeiter zum arbeitslosen Akademiker zu werden.

Turgut: Dann wird man uns bestimmt mehr respektieren.

Sevgi: Papa, aber vielleicht meinen die, wir sollen so werden, denken und fühlen wie die Österreicher, die schon hier waren, als der Opa zugewandert ist.

Turgut: Nein, nein. Denk nicht immer so bös von unseren Gastgebern. Das meinen nur die Rechten. Es geht nicht um Assimilation. Wir können weiter Alewiten bleiben, wir müssen nur mehr leisten und uns mehr bilden.

Sevgi: Wenn Integration in Leistung und nicht in Anpassung besteht, heißt das, dass du und Opa zu wenig geleistet haben?

Turgut: Nein, aber wenn man so wie du und ich einen Migrationshintergrund hat, dann ist man sichtbarer, und wenn man sichtbarer ist, muss auch die Leistung sichtbarer sein, und dann muss man sich doppelt anstrengen, damit sie sichtbar bleibt.

Sevgi: Aber was unterscheidet denn die Leistung der integrierten von der der nicht integrierten Hackler?

Turgut: Die integrierten Hackler gebrauchen den Sozialstaat und wir nutzen ihn aus. Das sagt zumindest der Czischek von der Siebenerstiegen.

Sevgi: Aber das stimmt doch gar nicht. Der Onkel Erhan und die Tante Deniz haben nie Sozialleistungen bezogen und sind nie zum Doktor gegangen, obwohl sie Sozialversicherung und Steuern gezahlt haben. Und wenn du gleich ins Spital gegangen wärst, könntest du deinen Finger jetzt noch haben.

Turgut: Genau. Das ist es ja, weil wir zu stolz und ungebildet sind. Das unterscheidet uns von den Österreichern.

Sevgi: Heißt das, Integration durch Bildung bedeutet, zu wissen, welche Sozialleistungen uns zustehen, damit wir sie kassieren können?

Turgut: Genau, dann werden uns die Österreicher bestimmt mehr achten.

Sevgi: Und heißt das, dass wir österreichische Türken alle studieren sollen, damit man uns mehr respektiert.

Turgut: So hab ich es verstanden. Der Czischek von der Siebenerstiegen wird uns sicher nicht mehr Tschuschen schimpfen, sondern sagen: Grüß Gott, Herr Professor Çiçek, und Küss die Hand, Frau Doktor Çiçek, wann darf ich ihnen denn wieder den Abfluss reparieren? Und ich bin ja so dankbar, dass Sie gesellschaftlich aufgestiegen sind. Weil jetzt gibt es endlich niemanden mehr, auf den ich runterschauen kann, weil nur noch ich ganz unten bin. Das ist direkt eine Befreiung, Herr Professor, denn menschlich war dös gar nicht schön, gel.

Sevgi starrt ihren Vater mit offenem Mund an.

Sevgi: Und du meinst, mit Leistung und Bildung werden wir gleichwertige Österreicher?

Turgut: Na ja, bis vor kurzem war das der Stand der Dinge, bis der Herr Integrationsstaatssekretär hinzugefügt hat, dass das allein doch nicht ganz ausreicht. Man muss halt schon Österreich im Herzen haben.

Sevgi: Papa, ist dein Herz nicht zu groß für ein so kleines Land?

Turgut: Wenn ich ein bisschen engherziger würde, könnt’ sich’s ausgehen.

Sevgi: Aber du hast doch gesagt, es geht nicht um Anpassung.

Turgut: Du kannst einem schon auf die Nerven gehen, Sevgi. Ein bisschen muss man sich schon der Wiener Lebensart anpassen.

Sevgi: Was ist die Wiener Lebensart, Papa?

Turgut: Ich bin mir nicht sicher. Aber frag am besten einen richtigen Wiener, den Czischek von der Siebenerstiegen zum Beispiel, der verkörpert die Wiener Lebensart wie kein anderer.

Sevgi: Nein, den mag ich nicht. Der sagt immer, was für ein liebes Madl ich bin, und hinter unserm Rücken schimpft er uns Tschuschen und Fundamentalisten.

Turgut: Ja eben.

Langes Schweigen. Turgut überlegt, ob er etwas Falsches gesagt hat.

Turgut: Aber es geht noch um andere kulturellen Unterschiede.

Sevgi: Aha? Und was, Papa, sind die kulturellen Unterschiede zwischen uns und dem Czischek von der Siebenerstiegen?

Turgut: Na zum Beispiel ... denkt angestrengt nach ... na zum Beispiel wissen wir nicht, in welcher Richtung Mekka liegt, und er nicht, an welchem Tag die Glocken nach Rom fliegen.

Sevgi: Heißt das, dass wir richtige Österreicher werden, wenn wir aufhören, nicht mehr zu wissen, in welcher Richtung Mekka liegt, und dafür lernen, nicht zu wissen, an welchem Tag die Glocken nach Rom fliegen?

Turgut: Ich glaub schon. Aber du vereinfachst alles. Bei der österreichischen Kultur geht es schon um mehr, gel? Das ist so kompliziert, dass es die oft selbst nicht wissen. Ja? Uralte Volkskultur, das lernt unsereiner in fünf Generationen nicht.

Sevgi: Zum Beispiel?

Turgut: Jodeln, übern Durst trinken, alte Leute ins Altersheim stecken, der Life Ball und der Feminismus.

Sevgi: Der Feminismus?

Turgut: Ja ja, das ist alte alpine Sitte, die kommt aus Tirol, glaub ich. Sicher bin ich mir aber nicht. Das ist, wenn junge Tiroler fordern, dass muslimische Frauen Minirock tragen, damit’s mehr zum Schauen haben.

Sevgi: Papa, jetzt kenn i mi nimmer aus. Sind wir Österreicher oder Türken?

Turgut: In Österreich sind wir Türken und in der Türkei Österreicher.

Sevgi: Aber wir haben doch die Staatsbürgerschaft. Was ist der Unterschied zwischen österreichischen Staatsbürgern wie uns und anderen Österreichern?

Turgut: Der Unterschied ist: Wir sind vor zwei Generationen aus Erzincan hierhergekommen und die Österreicher, die hier leben, vor fünf Generationen aus Brünn oder Vöcklabruck.

Sevgi: Papa, was sind Türken?

Turgut: Das sind Griechen, Armenier, Lazen, Kurden, Assyrer, Juden, Albaner, Tscherkessen, Turkmenen, Bosnier und Türken, die man gezwungen hat, Türken zu sein.

Sevgi: Und woraus bestehen die Österreicher?

Turgut: Ich glaub', das sind Schweizer, die sich Vorarlberger nennen, die Tiroler Feministen natürlich, Tschechen, ja? Und Slowenen, die seit dreihundert Jahren Deutsch sprechen, aber so schlecht, dass man sie Steirer nennt.

Sevgi: Du Papa, sei mir net bös, aber ich glaub', das Interview kann ich nicht gebrauchen. Niemand in der Klasse wird verstehen, was Integration ist.

Turgut: Das ist, weil du mit deiner unnützen G'scheitheit immer alles so kompliziert machst. Geh doch an die Humboldt-Universität, wenn's dir hier nicht passt.

Sevgi: Okay, once again.

Turgut: Red daitsch bitte.

Sevgi: Okidoki. Papa, was heißt Integration?

Turgut: Integration, ja, Integration, das ist, wenn man Leute wie uns, also mit Migrationshintergrund, in die Gesellschaft holt.

Sevgi: Wieso muss man uns in die Gesellschaft holen? Wir sind doch schon in der Gesellschaft.

Turgut: A geh. Sevgi, Sevgi, du bist so g'scheit, dass es fast schon an Bledheit grenzt. Wenn wir schon in der Gesellschaft wären, dann hätt' doch der ganze Migrationshintergrund überhaupt kein Sinn net bittesehr.

Sevgi: Aber was ist dann Gesellschaft?

Turgut: Gesellschaft, Gesellschaft, Gesellschaft, das ist mehr als nur die Summe von Leuten, die in einem Land leben.

Sevgi: Und zwar?

Turgut: Du machst mich ganz nervös mit deinen Fragen.

Sevgi: Lass dir Zeit, Papa, lass dir Zeit.

Turgut: Ich hab's. Du kennst doch die Ja-Natürlich-Werbung aus dem Fernsehen. Ja? Die Gesellschaft ist wie der Bauernhof in der Ja-Natürlich-Werbung, wo der Bauer und das Schweinchen in Harmonie zusammenleben, weil sie beide eine ähnliche Hautfarbe haben. Und dann gibt es ein paar fremde Perlhühner wie uns, denen man vorwirft, dass sie sich nicht integrieren wollen, weil wir nicht so viel Fleisch ansetzen wie sie ...

Sevgi: Aber wir leben schon seit Generationen auf dem Bauernhof ...

Turgut: Ja schon, aber die Schweinchen schimpfen uns, dass wir gefälligst auch Schweinchen werden sollen, und die Bauern, dass wir uns gefälligst anstrengen sollen, selbst Bauern zu werden.

Sevgi: Dann soll uns der Bauer besseres Futter geben, und außerdem: Die Schweinchen werden nie einen Perlhuhn-Bauern über sich dulden. Wir sind genau so viel wert wie die Schweinchen. Schmecken wir dem Bauern etwa nicht am Feiertag, knusprig gebraten?

Turgut: Ach Schatz, das darfst du nicht so eng sehen. Die Gesellschaft, ich meine, der Ja-Natürlich-Biobauernhof braucht Fremde, das war schon immer so. Wenn wir Fremden nicht wären, würden vielleicht der Bauer und das Schweinchen einander fremd werden ... Weil das Schweinchen herausfände, was der Bauer mit ihm vorhat, und ihm dann in einem Präventivschlag möglicherweise die Aorta rausbeißen würde.

Sevgi: Du glaubst also, unser Migrationshintergrund hat eine therapeutische Funktion, um die Harmonie zwischen Bauer und Schweinchen aufrechtzuerhalten.

Turgut: Ich würde nie solche komplizierten Wörter gebrauchen, aber ist es nicht schön, zur Harmonie der eigenen Gastgeber beizutragen? Auch wenn man Opfer bringen muss dafür.

Sevgi: Du bist ein hoffnungsloser Optimist, Papa.

Turgut: Ja, das bin ich, sonst hätt’ ich mich schon längst zu Perlhuhn-Sudschuk verarbeiten lassen können. Ich find es schön, dass man uns endlich als Leistungsträger ernst nimmt, und uns die Chance gibt, aus unsren miserablen Lebensverhältnissen rauszukommen.

Sevgi dreht das Aufnahmegerät ab.

Sevgi: So, Papa, ich habe dir lange genug zugehört. Ich werd dir sagen, was ich von dem Leistungsgerede halte.

Turgut: Aber das ist mein Interview.

Sevgi: Man hat den armen Schweinchen ohne Migrationshintergrund jahrelang eingeredet, dass sich Leistung bezahlt macht und dass sie alle viel zu wenig leisten würden. Die haben dann doppelt so viel geleistet, und ihre Leistung hat sich trotzdem nicht ausgezahlt, obwohl sie zusehen mussten, wie die Leute, die nicht wussten, wo ihre Leistung ist, immer reicher geworden sind. Und weil den Schmäh mit der Leistung niemand mehr kaufen will, verkauft man ihn uns, so wie man die abgelaufenen Molkegetränke an die Leute mit Armutshintergrund verkauft, oder wie man die tiefgefrorenen Salmonellenhühnerkeulen an die Leute mit Savannenhintergrund verkauft.

Turgut: Du kannst immer nur kritisieren, hinterfragen, kritisieren, schlecht machen. Blablabla. Das ist eine total unösterreichische Eigenschaft. Hier ist man konsensorientiert. Oh Gott, den Planeten gibt es nicht, wohin man dich abschieben kann, Möchtegern-Lisa-Simpson, neunmalkluge Überassimilierungstussi.

Sevgi: Nein, Papa, ich kann alles belegen. Weißt du, dass die Hackler ohne Migrationshintergrund genauso wenig aufsteigen wie wir. Nur zwölf Prozent der AHS-Schüler kommen aus Hacklerhaushalten. Ich frag mich jetzt: Wer integriert die Hackler ohne Migrationshintergrund? Wieso will man nur uns integrieren? Sollen wir das als Bevorzugung gegenüber den österreichischen Hacklern sehen, oder als Strafe dafür, dass wir nicht so sind wie sie? Und wer macht die Drecksarbeit, wenn wir alle aufgestiegen sind? Die Rate funktionaler Analphabeten ist in Österreich bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund nur geringfügig höher als bei solchen ohne Migrationshintergrund. Alle Studien haben bis jetzt ergeben, dass der soziale Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund nur zu einem Drittel auf Bildungsunterschieden beruht, zu zwei Dritteln aber auf ungleichen Chancen am Arbeitsmarkt bei gleicher Bildung. Unser Opa war Gastarbeiter und Analphabet; aber von den Leuten, die in den letzten 20 Jahren eingewandert sind, haben ein Drittel einen Schulabschluss von Matura aufwärts, und ein weiteres Drittel einen Fachschulabschluss. Dennoch arbeiten 56 Prozent von ihnen in minderqualifizierten Berufen. Die Österreicher wollen qualifizierte Arbeitskräfte? Die haben sie, nur kriegen die keine Arbeit in ihrer Qualifikation. Das sind die Apotheker, die sie im Taxi spazieren fahren, die Hochbauingenieurinnen, die ihre Stiegenhäuser putzen, und die Politologen, die ihnen am Naschmarkt Falafel verkaufen. So schaut es mit der Leistung aus, so schaut es mit der Bildung aus und so schaut es mit der Integration aus.

Turgut: Bei Gott, ich verfluche den Tag, an dem ich dir zum achten Geburtstag statt einer Puppe die Gesammelten Werke von Max Weber schenkte. Und tu das verdammte Handtuch vom Kopf.

Sevgi: Aber meine Haare sind noch nass.

Turgut: Und was, wenn der Integrationskommissar kommt?

Sevgi: Aber der kommt doch erst um vier.

Turgut: Du weißt, dass er oft schon vor dem Termin in unsere Zwanzig-Quadratmeter-Wohnung platzt, um uns beim Unintegriertsein zu erwischen. Ich kann mir dann wieder anhören, dass ich dich zum Tragen von an' Kopftuch zwinge.

Sevgi: Aber das ist ein Handtuch und kein religiöses Symbol.

Turgut: Na und, dann wirft er mir halt vor, dass ich dich zum Sikh erziehe. Runter mit dem Handtuch.

Sevgi: Beni rahat bırak! (1)

Turgut: Tıpkı annen gibisin! (2)

Sevgi: Asıl sen benim annem gibisin! (3)

Turgut: Eğer bana bir daha annen gibi olduğumu söylersen. Anında hastaneyi arayip, annene nasıl saygisizca beni ona benzete bildi ğini söylüyorum! (4)

Sevgi: (mit leiser Stimme) Hey, Papa, Deutsch reden, Papa! Ganz cool bleiben. Deutsch reden. Der Integrationskommissar horcht vielleicht schon an der Tür.

Turgut: Tamam. Ich meine: okay. Tut mir Leid, Sevgi. Meine Nerven. Du verwirrst mich. Ich kann nicht damit umgehen, wenn jemand dauernd recht hat. Und noch weniger kann ich damit umgehen, wenn jemand recht hat, aber man damit nichts anfangen kann, weil es einem nur Ärger bringt. Ja verdammt, was sollen wir machen? Du bist doch sonst immer so klug. Wie kommen wir aus dieser ... was ist das österreichische Wort für bok?

Sevgi: Scheiße, Papa. Scheiße.

Turgut: Manchmal kommt es mir vor, sie halten einen in der Scheiße, und werfen einem gleichzeitig vor, dass man nicht rauswill.

Sevgi legt ihren Arm um Turguts Schultern.

Sevgi: Ich weiß, Papa, ich weiß.

Langes Schweigen. Es ist mucksmäuschenstill. Nur der Integrationskommissar an der Tür verrät sich durch Hüsteln, von der Ferne aus einem Restaurant am Yppenplatz trägt der Frühlingswind den letzten Seufzer einer soeben erschlagenen Goldbrasse und das dezent angefischelte Rieslingrülpsen eines Chefredakteurs heran.

Doch da, der rettende Einfall.

Sevgi: Ich hab's.

Turgut: Sprich, Tochter, wie kommen wir aus der ... du weißt schon ... raus?

Sevgi: Wir sind wirklich blöd. Dabei ist die Lösung so einfach.

Turgut: Ja?

Sevgi: Also. Ich meld mich morgen bei der Ballettschule an.

Turgut: Aber du hast doch meine Füße geerbt.

Sevgi: Das macht nichts. Denn in fünf Jahren, wenn ich achtzehn bin, lass ich mich nackert fotografieren, löse einen Skandal aus, werde zur berühmten Vorzeigemigrantin, passe mich also der hiesigen Werte- und Verwertungsgemeinschaft an, auch die Tiroler Feministen werden mich lieb haben, und habe als Quotenmigrantin meine eigene Talkshow und Kosmetikpflegeserie.

Turgut: Und ich?

Sevgi: Du, Papa, wirst Hedgefonds-Manager.

Turgut schlägt sich auf den Kopf.

Turgut: Mein Gott, dass ich nicht früher darauf gekommen bin.

Sevgi: Morgen noch holen wir bei der Wirtschaftskammer deine Konzession.

Turgut: Wie schnell die Wolken verfliegen und die Sonne scheinen kann. Meine Sevgi, du bist und bleibst die Klügste in der Familie.

Der Integrationskommissar tritt auf.

Integrationskommissar: Ich war so frei, an der Türe zu lauschen und sie ohne anzuklopfen zu öffnen, und finde ihre Ideen ganz supertoll. Herzlichen Glückwunsch. Darf ich mitkuscheln?

Der Integrationskommissar umarmt Vater und Tochter und holt aus seinem Aktenkoffer eine Flasche Champagner brut integral und drei Gläser.

Turgut: Sevgi, gimme a five!

Sevgi: Papa, gimme a four! (Richard Schuberth, daStandard.at, 18.2.2013)

Richard Schuberth lebt als freier Autor in Wien. Sein Stück "Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses", eine "Donau-Farce", erscheint im März beim Drava Verlag und wird vom Autor am 4. April in Form einer szenisch-musikalischen Lesung im Porgy & Bess in Wien präsentiert.

 

1) Lass mich in Ruh!

2) Du bist wie deine Mutter.

3) Du bist wie meine Mutter.

4) Wenn du noch einmal sagst, ich bin wie deine Mutter, ruf ich deine Mutter im Spital an und sag ihr, wie respektlos du bist, weil du mir vorwirfst, dass ich wie sie bin.

  • Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (l.) und die Integrationsbotschafterin Karina Sarkissova während eines Besuchs in der Neuen Mittelschule "Albert Schweitzer" in Graz.
    foto: apa/markus leodolter

    Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (l.) und die Integrationsbotschafterin Karina Sarkissova während eines Besuchs in der Neuen Mittelschule "Albert Schweitzer" in Graz.

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