"Mit Puppen hab ich nie gespielt"

Porträt19. Februar 2013, 11:16
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Skispringerin Jacqueline Seifriedsberger trägt nach dem Ausfall von Daniela Iraschko österreichische Medaillenhoffnungen. Sie freut sich auf den Mixed-Bewerb, träumt vom Skifliegen und sieht im Thema Magersucht keine Probleme

Wien/Ried - Lange stand Jacqueline Seifriedsberger im Windschatten ihrer Kollegin Daniela Iraschko, doch nach der Verletzung der Titelverteidigerin, trägt die 22-Jährige im Damen Einzel die österreichischen Medaillenhoffnungen bei der Nordischen Ski-WM in Val di Fiemme . Eine ungewohnte Situation für die junge Athletin. "Jeder blickt auf mich, aber ich nehme diese Herausforderung gerne an. Ich versuche, das auszublenden und fokussiert zu bleiben", erzählt Seifriedsberger im Gespräch mit derStandard.at.

"Eine Medaille wäre ein Traum"

Mit ihrem ersten Weltcup-Sieg in Sapporo und zwei zweiten Plätzen beim Weltcup im japanischen Zao befindet sich Seifriedsberger in WM-Form. "Natürlich möchte ich an meine Leistungen anschließen, aber auf eine Platzierung will ich mich nicht festlegen. Eine Medaille wäre mein Traum, der Rest passiert von allein." Neben Seifriedsberger zählen auch die Weltcup-Führende Sara Takanashi aus Japan oder die letzte Gesamtweltcup-Siegerin Sarah Hendrikson aus den USA zu den Favoritinnen. Die verletzte Daniela Iraschko drückt der Oberösterreicherin fest die Daumen: "Jacqueline vertritt mich gut in Val di Fiemme. Ich vergönne ihr von Herzen eine Medaille."

Premiere für Mixed Bewerb

Es ist die dritte WM für Frauen im Skispringen nach Liberec 2009 und Oslo 2011. Erstmals wird ein Mixed-Teambewerb ausgetragen bei dem jeweils zwei Männer und zwei Frauen einer Nation antreten. Für Seifriedsberger ist dieser Bewerb etwas ganz besonderes "wegen dem Teamspirit". Seit Liberec hat sich einiges verändert. Frauen-Skispringen wurde ins olympische Programm aufgenommen. Außerdem bestreiten die Skispringerinnen im heurigen Winter ihre zweite Weltcup-Saison mit 16 Stationen. "Die Dichte ist viel höher, außerdem gibt es mehr Damen die um einen Stockerlplatz mitspringen. Es ist im Vergleich zum Continental Cup viel schwerer überhaupt in den zweiten Durchgang zu kommen. Ich schätze, dass es in den nächsten Jahren weiter vorwärts geht", ist Seifriedsberger überzeugt.

Nur eine Weltcup-Station in Österreich

Speziell in Deutschland und Japan waren die Zuschauerzahlen bei den Weltcups hoch. In beiden Ländern werden jeweils vier Wettkämpfe ausgetragen, während die Damen in Österreich (Ramsau) nur einmal an den Start gehen. "Es ist schade, dass wir nur eine Weltcup-Station haben. Gerade wir als Ski-Nation sollten da besser vertreten sein. Als in Japan die Springen verschoben wurden, haben die Fans abgewartet und sind noch lange geblieben. Das wäre in Österreich nicht passiert", sagt Seifriedsberger. Auch was den Nachwuchs betrifft, gibt es in Österreich noch Nachholbedarf. "Wir sind derzeit nur zu viert im ÖSV-Kader, hier müsste man noch mehr in der Nachwuchsarbeit machen um mehr Dichte zu bekommen."

Der Konkurrenzkampf im Damen-Weltcup ist groß. "Es ist ein Einzelsport, jede konzentriert sich auf sich, man wünscht sich vor dem Wettkampf viel Glück aber das war's.  Natürlich gibt es die ein oder andere Freundschaft, weil man sich schon viele Jahre kennt, aber eine "beste" Freundin in dem Sinn hab ich im Weltcup-Zirkus nicht." Auseinandersetzungen sollen auch schon mal vorkommen. "Aber da halt ich mich raus, da bin ich nicht der Typ dazu", sagt die Schildornerin.

Liebe auf den zweiten Blick

Bereits im Alter von sechs Jahren hob Seifriedsberger das erste Mal von einer Schanze ab. Mit alpinen Skiern. Der Initiator für eine Sprungkarriere war ihr um fünf Jahre älterer Bruder, der ebenfalls von Schanzen fasziniert war. "Ich wollte immer so sein wie er. Ich bin eigentlich wie ein Bursch aufgewachsen, hab auch Fußball gespielt. Das hat mir getaugt. Ich war nie das klassische Mädchen. Mit Puppen hab ich nie gespielt." Doch es war keine Liebe auf den ersten Blick. Es bedurfte mehrerer Anläufe bis die sechsjährige Jacqueline Gefallen an der Sportart fand.

Hinzu kam die Motivation von Andreas Goldberger. Der ehemalige Überflieger wohnt nicht weit entfernt von Seifriedsbergers Heimat Schildorn und begleitete die jungen Sprungtalente vom SV Waldzell zu den Wettkämpfen. "Er war mein erstes Vorbild, neben Janne Ahonen."

"Kein Widerspruch, nur weil ich ein Mädchen bin"

Ehrgeizig war sie schon immer, eine Karriere im Spitzensport war also vorprogrammiert. "Ich habe immer so lange trainiert, bis ich es konnte." Von ihren Eltern wurde Seifriedsberger immer unterstützt: "Es gab da keinen Widerspruch nur weil ich ein Mädchen bin." Mit 13 Jahren gab sie ihr Debüt im Continental-Cup in Park City. Ein Jahr später wechselte sie ins Skigymnasium Stams. Ihr Klassenkamerad war niemand anderer als Gregor Schlierenzauer, mit dem sie bis heute gut befreundet ist. Als einzige Springerin der Klasse, schloss sie 2008 erfolgreich ab und begann eine Karriere als Heeressportlerin. "Ohne das Bundesheer könnte ich mir das Leben als Spitzensportlerin nicht leisten. Außerdem sind die Trainingsbedingungen viel besser."

Im Frühjahr trainiert die Stams-Absolventin sechs Stunden am Tag und verbringt viel Zeit in der Kraftkammer. Zum Abschalten vor dem Wettkampf setzt die 22-jährige Heeressportlerin auf Musik: "Da darf's auch schon mal Metallica oder AC/DC beim Aufwärmen sein."

Das Thema Magersucht ist laut Seifriedsberger im Weltcup nicht präsent: "Mir ist bei Kolleginnen nichts aufgefallen. Man muss immer auf das Gewicht schauen, aber das lernt man von klein auf und es ist ja auch nicht so, dass man nichts essen darf. Keine muss hungern, wir brauchen ja auch die Kraft. Für mich war das kein Problem, ich bin es seit Stams gewohnt auf das Gewicht zu achten."

135 Meter

Die Frauen springen im Weltcup bisher nur auf Normalschanzen. Der letzte Bewerb in Oslo wird allerdings auf der Großschanze ausgetragen, darauf freut sich die Oberösterreichierin besonders. Ihre Bestweite beträgt 135 Meter auf der Schanze in Bischofshofen. "Skifliegen würde mich auch reizen, ich bin noch nie geflogen."

Für die Zukunft wünscht sich die 22-Jährige mehr Weltcup-Bewerbe sowie mehr Live-Übertragungen im Fernsehen. Auf die Frage ob Frauen-Skispringen denselben Stellenwert wie bei den Männern erreichen kann, antwortet Seifriedsberger überzeugt: "Es ist nur eine Frage der Zeit, wir sind auf einem guten Weg. Es wird schwierig, aber in den nächsten zehn Jahren sollten wir auch dort sein." (Stefanie Riegler, derStandard.at, 19.2.2013)

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    Jacqueline Seifriedsberger zählt bei der WM zum engeren Favoritenkreis.

  • "Das Fliegen kann man nicht beschreiben, muss man selber erlebt haben", sagt Seifriedsberger.
    foto: epa/sergei ilnitsky

    "Das Fliegen kann man nicht beschreiben, muss man selber erlebt haben", sagt Seifriedsberger.

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