Erste Kultursauna für Helsinki

19. Februar 2013, 16:58
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Die öffentlichen Saunen von Helsinki gehören zu einer aussterbenden Art. Zwei Künstler bauen nun die erste Kultursauna

Es ist ein klirrend kalter Februarnachmittag, die Sonne steht tief am Horizont. Vor dem unscheinbaren Gemeindebau aus den 1920er-Jahren sitzt eine Gruppe lachender Männer auf einer schmalen Bank, direkt neben dem Gehsteig, nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet, jeder eine Bierdose in der Hand. Es ist der Eingang zur Kotiharjun-Sauna, der ältesten öffentlichen Sauna Helsinkis, die noch traditionell mit Holz beheizt wird.

Hier versammeln sich Gäste jeden Alters und jeder sozialen Schicht, vereinzelt auch Touristen. Sauniert wird, wie überall in Finnland, wenn es über den engsten Familienkreis hinausgeht, getrennt: die Männer im Erdgeschoß, die Frauen im ersten Stock. Die Originaleinrichtung aus dem Jahr 1928 erinnert an ein altes Sommerbad, denn die eigentliche Sauna ist zum Erstaunen keine holzverkleidete Kabine, sondern ein riesiger, vier Meter hoher Raum mit Fenstern, einem Steinbetonboden und Ruß geschwärzten Ziegelwänden. Rund um das Herzstück, den Holzofen, der vor sich hin glüht und dabei beängstigende Geräusche abgibt, stapeln sich meterlange Holzscheite, es riecht wie in einem Sägewerk.

Wer reinkommt, dreht erst mal kurz an einem kleinen Hahn, der für an der Seite des glühenden Monsters angebracht ist, und lässt damit Wasser in das Innere fließen, was den Ofen beinahe zum Explodieren bringt. Dann setzt man sich hin, genießt, geht raus, nimmt eine Dusche, geht wieder rein. So verbringt man den ganzen Nachmittag, die Herren von lautem Gelächter begleitet, die Damen bei leisen Gesprächen.

Zum Geburtstag eine Sauna

Ein Leben ohne Sauna ist für viele Finnen offensichtlich undenkbar: Auf 5,1 Millionen Einwohner kommen angeblich 1,7 Millionen private Saunen, das bedeutet, dass jeder dritte Finne eine Sauna besitzt. Das Saunieren ist aber nicht nur ein privates Vergnügen, es ist Teil der öffentlichen Kultur und des Soziallebens. Man geht in die Sauna, um Freunde zu treffen oder Geschäfte zu machen. Mobile Saunen auf fahrbaren Anhängern werden häufig tageweise vermietet: für Geburtstags- und Weihnachtsfeiern, ja sogar bei Hochzeiten; als kleine Hütten mit Giebeldach oder in runder Ausführung, als liegende Tonnen. Viele Firmen leisten sich neben Konferenzräumen auch Saunen, und selbst in die hohe Politik hat die Saunakultur Einzug gehalten: Zur Ausstattung des finnischen Parlamentsgebäudes gehören ein Schwimmbad und eine Sauna. Dort sind, nackt und bar jedes Status- und Machtsymbols, alle gleich. Das erleichtert das Verhandeln. Nikita Chruschtschow, Helmut Kohl und Michail Gorbatschow kamen auf diese Weise bereits ordentlich ins Schwitzen.

Unweit der Kotiharjun-Sauna, im weiter südlich gelegenen Hafengebiet gegenüber der Altstadt von Helsinki, wird gerade an einem ziemlich ungewöhnlichen Saunaprojekt gearbeitet: der Kulttuurisauna. Auf einem bis dato brachliegenden Grundstück realisieren die Designerin Nene Tsuboi und der Architekt Tuomas Toivonen in Eigeninitiative und selbst finanziert ihren persönlichen Lebenstraum: einen Ort, der Architektur, Stadtentwicklung und Kultur unmittelbar mit dem Schwitzen verbindet. Betreiben wollen sie diese "Programmsauna", die in den kommenden Wochen eröffnen soll, selbst. Mit der Stadt haben sie lediglich einen 30-jährigen Mietvertrag für das Grundstück abgeschlossen.

Selbst die Idee zum Projekt ist nicht ohne Schweiß entstanden, als Toivonen mit einem Londoner Freund in der Arla-Sauna über die Möglichkeiten alternativer Bauprojekte philosophiert hat. Die Arla-Sauna zählt neben der Kotiharjun zu den letzten existierenden öffentlichen Saunen in Helsinki, die wie die Wiener Tröpferlbäder langsam aus dem Stadtbild verschwinden. Beide liegen sie im ehemaligen Arbeiterbezirk Kallio, unweit der Arabia-Keramikfabrik und der Aalto-Universität für Kunst, Architektur und Design, wo sich längst eine Kreativszene mit ihren Ateliers eingenistet hat. Hier jedenfalls scheint die Symbiose aus Kunst und Schweiß bereits zu funktionieren: Zwischen den Saunagängen werden Vorträge und Performances besucht. (Doris Rothauer, DER STANDARD, Album, 16.2.2013)

  • Einfache Holztafeln und später auch Neonschilder markierten früher überall an Gemeindebauten öffentliche Saunen in Helsinki. Deren Zukunft ist aber so ungewiss wie jene des Wiener Tröpferlbads.
    foto: visitfinland.com / elina sirparanta

    Einfache Holztafeln und später auch Neonschilder markierten früher überall an Gemeindebauten öffentliche Saunen in Helsinki. Deren Zukunft ist aber so ungewiss wie jene des Wiener Tröpferlbads.

  • Ausgewählte Sauna- Adressen in Helsinki: Wer das nötige Kleingeld aufbringt, mietet sich in einer Suite mit eigener Sauna ein - zum Beispiel in der Presidential Suite im Radisson Blue Royal Hotel, der Executive Suite im Kämp Hotel oder der Junior Suite im Sokos Hotel Helsinki. Letzteres bietet auch eine VIP-Sauna am Dach. Historische, öffentliche Saunen: Kotiharju Sauna, Harjutorinkatu 1, Mo-Sa, 14-20 Uhr; Arla Sauna, Kaarlenkatu 15, Mi-So, 14-20 Uhr; Die Betreiber der künftigen "Kulttuurrisauna" unterhalten einen Blog über den Fortschritt des Projekts: http://kulttuurisauna.posterous.com

    Ausgewählte Sauna- Adressen in Helsinki: Wer das nötige Kleingeld aufbringt, mietet sich in einer Suite mit eigener Sauna ein - zum Beispiel in der Presidential Suite im Radisson Blue Royal Hotel, der Executive Suite im Kämp Hotel oder der Junior Suite im Sokos Hotel Helsinki. Letzteres bietet auch eine VIP-Sauna am Dach. Historische, öffentliche Saunen: Kotiharju Sauna, Harjutorinkatu 1, Mo-Sa, 14-20 Uhr; Arla Sauna, Kaarlenkatu 15, Mi-So, 14-20 Uhr; Die Betreiber der künftigen "Kulttuurrisauna" unterhalten einen Blog über den Fortschritt des Projekts: http://kulttuurisauna.posterous.com

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