Frank Schirrmachers Angriff auf den Informationskapitalismus

17. Februar 2013, 21:07
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Der "F.A.Z"-Herausgeber über Algorithmen und ihre Auswirkung auf völkerrechtliche Ordnungen

Wer bestimmt eigentlich, wie was in der heutigen Welt läuft? Wer weiß was über wen und warum? Wer oder was entscheidet darüber, ob jemand verliert oder gewinnt? Solche Fragen stellen sich immer mehr Menschen. Der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, hat Antworten darauf gesucht und Entwicklungen, Erfahrungen und Einschätzungen in seinem neuesten Buch zusammengefasst. Für ihn sind Egoismus und die Spieltheorie treibende Kräfte. Seit Jahren dominiert der Informationskapitalismus, den Schirrmacher so beschreibt: "Der Informationskapitalismus stellt zusammenhängende Lebensläufe und Identitäten von einzelnen Menschen infrage, er hat die Realwirtschaft für seine Zwecke eingespannt und ist nun im Begriff, konstitutionelle und völkerrechtliche Ordnungen umzuschreiben."

Es geht nicht nur um das Sammeln und Verarbeiten immer gewaltigerer Datenmengen. Vielmehr kommt es darauf an, was damit geschieht: wie Computer losgelöst von menschlichen Eingriffsmöglichkeiten algorithmenbestimmt Entscheidungen treffen und damit Unternehmen oder ganze Staaten in die Knie zwingen können - siehe Eurokrise. Menschen sind nur noch Mitspieler.

"Hat man, wie heute geschehen, den menschlichen Egoismus erst einmal auf eine Formel gebracht, kann man mit ihm eine ganze Gesellschaft berechnen", so Schirrmachers Fazit. Seiner Einschätzung nach bestimmt das Ego des Homo oeconomicus die ganze Welt - sei es durch reines Gewinnstreben oder die Ablehnung all dessen, was unter Gemeinwohl oder Solidarität subsumiert wird.

Dass Informationen weder Wissen noch Verstehen voraussetzen, sondern Sinnpartikel darstellen, die nach kommerziellen Aspekten betrachtet, bewertet und neu zusammengesetzt werden, ist nicht nur Schirrmacher unheimlich. Diese in mathematische Entscheidungsprogramme gegossene Rationalität ist von zentralen Akteuren nicht mehr voll nachvollziehbar - geschweige denn zu steuern. Das hat die Salzburger Finanzaffäre nachdrücklich gezeigt.

Während Mercedes Bunz in ihrem bei Suhrkamp erschienenen Buch "Die stille Revolution" Algorithmen als positive Herausforderungen sieht, wird für Schirrmacher das Bildungsbürgertum infrage gestellt: Wenn Wissen durch automatisierbare sinnfreie Informationen ersetzt wird, sind Bildung, Lebenserfahrung, die ganze universitäre Ausbildung und Forschung - insbesondere Geisteswissenschaften - nicht mehr notwendig. Eine "marktkonforme Demokratie" ist die logische Konsequenz.

Dass der konservative Journalist damit gleich "ohne Zweifel links" agiert, wie Jakob Augstein in seiner Spiegel Online-Kolumne schreibt, ist übertrieben. Schirrmachers Angriff auf den Informationskapitalismus macht ihn noch nicht zur Leitfigur der Kapitalismuskritik. Aber der FAZ-Herausgeber, der im August 2011 zur Finanzkrise festgestellt hat, er "beginne zu glauben, dass die Linke recht hat", ist einen großen Schritt weiter auf Distanz zu den Marktverfechtern gegangen. Mit diesem Buch wird er weitere Diskussionen über den Kapitalismus in all seinen Ausprägungen auslösen. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 18.2.2013)

Info

  • Frank Schirrmacher: "Ego - Das Spiel des Lebens". Blessing-Verlag 2013, 352 Seiten, 20,60 Euro
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    "F.A.Z."-Herausgeber Frank Schirrmacher warnt in seinem neuen Buch "Ego - Das Spiel des Lebens" vor dem Homo oeconomicus und dessen digitalen Hilfsmitteln.

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