Meisterklasse mit bösen Folgen

17. Februar 2013, 19:20
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Thomas Bernhards "Der Untergeher" dramatisiert

Graz - Drei junge Männer lernen einander während einer Meisterklasse in Salzburg kennen, einer von ihnen ist Glenn Gould. Sein kompromissloses Künstlertum veranlasst die beiden anderen bald, ihre Laufbahn als Pianisten aufzugeben. Während der eine jahrzehntelang versucht, ein Buch über den kanadischen Ausnahmekünstler zu schreiben, geht der andere unter, er nimmt sich kurz nach Goulds Tod das Leben. Thomas Bernhards Roman Der Untergeher, als Rückblick komponiert, ist eine musikalisch strukturierte, kompakte Abhandlung großer Fragen um Kunst, Vollkommenheit und geglücktes Leben.

Glenn Gould, Wertheimer und der Ich-Erzähler stehen darin für drei verschiedene Positionen. Gould für das geniale Virtuosentum, Wertheimer für den gescheiterten Künstler, und der Ich-Erzähler für den, der über Kunst und Künstler nachdenkt und schreibt. Großer Ernst und große Komik erwachsen der Form dieses Romans, der wie (der echte) Gould es postulierte, als Kunstwerk Staunen und Heiterkeit schafft.

Nun also die Bühnenfassung, am Grazer Schauspielhaus inszeniert von Christiane Pohle. Erfahren im Umgang mit dem Werk Thomas Bernhards brachte sie den Monolog mit Respekt in eine quasi halbszenische Form. Der Ich-Erzähler, von Christoph Luser mit präziser Arroganz dargestellt, berichtet die (fiktive) Geschichte vom gemeinsamen Studium bei Horowitz in den 1950er-Jahren an, über Glenn Goulds (realen) Auftritt bei den Salzburger Festspielen 1959 und Tod im Oktober 1982 bis zum Selbstmord Wertheimers. Hauptakteur ist der Text. In impressionistischen bis slapstickhaften Szenen erscheinen Gould (zu brav: Claudius Körber), Wertheimer (zu lustig: Sebastian Reiß), dessen Schwester (tragisch: Birgit Stöger), die Wirtin und der Knecht Franz (saftig: Gerhard Balluch).

Dorothee Curio präsentiert die Bühne im Probenzustand, offen, mit einigen Requisiten wie Notenständer, Klavierhocker, Sessel. Dass die beiden Pianisten Bence Földi und Simon Schuller statt der Goldberg-Variationen (die das Kompositionsprinzip von Bernhards Roman bilden) die Chromatischen Variationen von Bizet (die GG zwar auch aufnahm) aus atmosphärischen Gründen spielen, kann man nur vermuten.

Theater ist hier Denkraum, nicht Illusionsort. Doch angesichts einiger ermüdender Längen bleibt die Frage, warum ein mit allen Zeichen größter Kunstbeherrschung als Roman konzipierter Text in ein anderes Genre gezwungen wird. Das beantworten auch stimmige Elemente wie etwa das leise in den Himmel wachsende Giraffenskelett nicht.   (Beate Frakele-Baron, DER STANDARD, 18.2.2013)

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