In der Generika-Abwärtsspirale

18. Februar 2013, 07:50
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Ein Medikamentenpatent läuft aus, billigere Generika ersetzen es - Diese Dynamik nutzen Krankenkassen, um Preise zu drücken - Sind die Billigprodukte wirklich gleich gut für Patienten?

"Blockbuster" - so nennt die Pharmaindustrie umsatzstarke Medikamente, die mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr Umsatz bringen. Der Begriff wurde sogar von Hollywood übernommen. In beiden Bereichen geht es um Gewinne, bei Medikamenten im Milliardenbereich. Allein: Arzneimittel sind nicht nur Umsatzbringer, sie sind auch patentgeschützt. Eine Konkurrenz, die den Preis drücken könnte, gibt es so nicht - zumindest während der Zeit des weltweit garantierten Patentschutzes. Dieser läuft nach 20 Jahren aus, dann führen billige Nachahmerprodukte - sogenannte Generika - zu massivem Preisverfall.

Sehr zum Leidwesen der Industrie, die dann massive Verluste hinnehmen muss. Seit einigen Jahren bringen Generika die Branche sogar an die Grenze der Belastbarkeit. Da sich alle Player im Markt auf Blockbustern konzentriert haben, findet derzeit Patentverlust statt.

Gut für das Budget

"Mittlerweile sind 89 Prozent der verordneten Produkte patentfrei und generikafähig", sagt Bernd Leiter, Sprecher des österreichischen Generikaverbandes und Geschäftsführer des Generikaanbieters Stada. Den Krankenkassen bringt das viel. "Die Einsparungen durch Preisreduktionen wie Patentabläufe sowie Solidarbeiträge betrugen für den Zeitraum 2009 bis 2011 rund 1,3 Milliarden Euro", rechnet Jan Oliver Huber, Generalsekretär des Branchenverbandes Pharmig, vor.

Denn heimische Ärzte sind von den Krankenkassen angewiesen, ökonomisch zu verschreiben, was nichts anderes bedeutet, als günstigste Medikamente zu wählen. Theoretisch kann das also auch zur Folge haben, dass ein chronisch Kranker einmal ein Produkt A, dann wieder ein Produkt B einnehmen muss. Abgesehen von der Verwirrung für Patienten ist die viel schwierigere Frage, ob die beiden Produkte tatsächlich gleich oder doch nur ähnlich sind.

"Für die Zulassung von Generika ist eine detaillierte Bioäquivalenzstudie durchzuführen, die genauso streng ist wie die klinische Prüfung für Originalprodukte. Es wird dabei genau festgestellt, ob das Medikament im menschlichen Körper genau gleich wirkt wie das Original", sagt Dagmar Holst, stellvertretende ärztliche Direktorin der Wiener Gebietskrankenkasse und medizinische Leiterin des Bereiches Behandlungsökonomie.

Doch Unterschiede

Derartige Abteilungen gibt es bei den Kassen seit einem halben Jahr. Sie haben die Aufgabe, mit Mythen über die Wirkung von Generika aufzuräumen. "Es geht um Beratung, Information und Kommunikation", erklärt Holst und räumt in Sachen Wirkungsweise ein: "Es kann natürlich Unterschiede bei Hilfsstoffen wie etwa Farben geben, doch die dürfen keinen Einfluss auf die therapeutische Wirkung haben." Reagiert ein Patient dennoch anders oder ist eine Umstellung schwierig wie bei bestimmten Krebsarten oder psychischen Erkrankungen, wo es auf die Therapietreue der Patienten ankommt, kann ein Arzt natürlich auch das Originalprodukt verordnen. Die Regel lautet, so Holst, dass ein Arzt verpflichtet ist, bei vergleichbaren Medikamenten das Günstigste einzusetzen. Wirke es aber ausnahmsweise bei einem Patienten anders, sei es eben nicht vergleichbar.

Tatsächlich ist die Diskussion allerdings theoretisch, denn in Österreich versuchen die Krankenkassen nicht Originalprodukte durch billigere Generika zu ersetzen, sondern mit Generika den Preis der Originalprodukte zu drücken. Anders formuliert: Ein billigeres Original ist in jedem Fall besser als ein gleich teures Generikum. "Es gibt bei der Preisgestaltung eine festgelegt Stufenform", so Holst, "das erste Generikum, das auf den Markt kommt, muss 48 Prozent billiger sein, als das Original, das zweite 15 Prozent billiger als das erste und das dritte zehn Prozent billiger als das zweite. Sobald das dritte Generikum am Markt ist, muss das Originalprodukt auf dessen Preis hinunter, sonst fällt es aus der Kassenerstattung raus."

Verbesserungspotenziale

Die Folge dieser Politik ist, dass der offizielle Generikaanteil in Österreich niedriger ist als in anderen Ländern. "Nur 38 Prozent der Dosis-Einheiten vom Gesamtmarkt sind generisch", sagt Leiter. Holst widerspricht: "Im zweiten Quartal 2012 lag der Anteil bei 51 Prozent aller Verordnungen." Das sei die wichtige Zahl. Leiter ist dennoch überzeugt, dass die Arzneimittelausgaben in Österreich für 2011 um 256 Millionen Euro geringer ausfallen hätten können, wenn Generika überall dort eingesetzt worden wären, wo es möglich gewesen wäre. Im Durchschnitt seien Originalprodukte nämlich um 55 Prozent teurer als Generika. Das gesamte Potenzial zu heben ist aber selbst aus der Sicht des Generikaverbandes nicht realistisch. Pharmig-Generalsekretär Huber anerkennt zwar ein Einsparungspotenzial durch Generika, sieht in deren Einsatz jedoch "kein Allheilmittel zur Sanierung des Gesundheitsbudgets".

Leiter sieht aber noch einen Vorteil durch Generika: Sie seien Motor für Innovationen. "Die Labors der Originalproduzenten melden Erfolge. 2012 brachte Neueinführungen. Zwar würden bis 2015 umsatzstarke Produktpatente ablaufen, dennoch können Originalhersteller die Patentabläufe mit neuen Produkten kompensieren. Anders formuliert: Weil der Druck steigt und Umsätze wegbrechen, strengen sich Pharmakonzerne wieder mehr an. (Martin Schriebl-Rümmele, DER STANDARD, 18.2.2013)

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    Wie gleich ist gleich? - Nirgendwo ist diese Frage wichtiger als bei Arzneimitteln. Doch ökonomischer Druck mischt das Geschäft in Österreich auf.

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