Abwechslung mit Bärenfallen

17. Februar 2013, 19:05
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Die 63. Berlinale ging am Samstag mit einem Goldenen Bären für den Rumänen Calin Peter Netzer ("Child's Pose") zu Ende. Im Wettbewerb gab es viele eigenständige Filme, wenngleich keine Sensationen zu sehen

Den Gewinner des Goldenen Bären als Konsenskandidaten zu bezeichnen ist nicht ganz verkehrt. In einem Berlinale-Jahrgang ohne eindeutige Favoriten - über jeden einzelnen Wettbewerbsfilm gab es widersprüchliche Ansichten - hat sich die Jury unter Vorsitz von Wong Kar-wai mit Child's Pose (Pozitia Copilului) für einen Qualitätsfilm entschieden, der bekannte Stärken des rumänischen Kinos aufweist, ohne dieses mit neuen Ideen zu füttern.

Mit klarem Blick auf die sozialen Gefälle der Gesellschaft, stimmigem Einfühlungsschauspiel und in Handkamerabildern ohne allzu viel Tiefenschärfe erzählt Calin Peter Netzer von einer ungesunden Mutter-Sohn-Beziehung. Ein Unglücksfall steht am Beginn des Films: Barbu überfährt mit dem Auto ein Kind, seine Mutter macht sich daraufhin wie eine Löwin daran, den Sohn die juristischen Konsequenzen dieser Tat, das Gefängnis, zu ersparen. Als Vertreterin der betuchten Elite ihres Landes hält sie die entsprechenden Mittel parat.

Der Hauptpreis für Child's Pose

war nicht der einzige, der am Samstagabend an einen osteuropäischen Film ging. Der Bosnier Danis Tanovic hat in An Episode in the Life of an Iron Picker eine Zeitungsmeldung zum Anlass genommen, mit den Betroffenen, einer Roma-Familie, gleich selbst den Film zu realisieren. Auch hier ist der Kampf von Individuen mit staatlichen Strukturen zentral, nur von der anderen Seite aus betrachtet und mit weniger Raffinesse umgesetzt: Tanovic zeigt einen Mann, der in ständiger Bewegung versucht, seiner schwangeren Frau eine Notoperation zu ermöglichen - diese Rastlosigkeit engt den Film jedoch ziemlich ein.

Ein wenig überkam einem bei der Aufteilung der Preise das Gefühl, dass diese stets nach demselben Muster erfolgt. Mit Csak a szél hatte auch 2012 ein Roma-Film den Großen Preis der Jury gewonnen. Und wie schon im vergangenen Jahr Miguel Gomes' Tabu wurde auch heuer einer der künstlerisch avanciertesten Filme mit dem Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven in der Filmkunst prämiert.

Mysteriöse Zwischenzone

Vic+Flo ont vu un ours von Denis Côté lässt sich in kein Format einpassen. Wie schon andere Filme des Kanadiers spielt dieser an einer Peripherie, in einer gesellschaftlichen Zwischenzone, in der sich mysteriöse Figuren kreuzen und erzählerische Zusammenhänge betont offen bleiben. Mit dem lesbischen Paar Vic (Pierette Robitaille) und Florence (Romane Bohringer) hat Côté allerdings seine bisher eigenwilligsten Heroinnen geschaffen, zwei Delinquenten, die mit Herablassung auf die Welt blicken und ihrer asozialen Natur freien Lauf lassen.

Vic+Flo ont vu un ours funktioniert wie ein Märchen, bei dem man auf die moralische Lektion vergessen hat. Altruistische Figuren wie ein Bewährungshelfer beißen sich die Zähne aus. Fast könnte man meinen, Côté arbeitet bewusst gegen humanistische Erbaulichkeiten im Kino an. In seine klar kadrierten Einstellungen, die den Raum scharf durchmessen, bauen sich untergründige Spannungen auf, die jederzeit wie Bärenfallen zuklappen können.

Neben Côté gab es mit Jafar Panahis verzagt-offener Filmparabel über sein Arbeitsverbot, Closed Curtain (Pardé), Thomas Arslans Western Gold, Hong Sang-soos schwermütig-gewitztem Film Nobodody's Daughter Haewon oder dem beschwingten Frauenporträt Gloria, für das Darstellerin Paulina García hochverdient ausgezeichnet wurde, erfreuliche Diversität im Wettbewerb - selbst wenn so herausragende Arbeiten wie Tabu oder Christian Petzolds Barbara in diesem Jahr fehlten.

Dokumentarfilm war keiner im Rennen um den Bären, dabei gehörten zwei Arbeiten aus diesem Feld zu den besten des Jahrgangs: Nicolas Philiberts La maison de la Radio und Peter Liechtis Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern. Philibert (Sein und Haben) porträtiert den öffentlich-rechtlichen Hörfunksender Radio France in Paris. Dessen Vielfalt an Sendungsformaten stellt er zu einem großartig pointiert montierten Panoptikum zusammen. Dies ist ein Film der sprechenden Gesichter, der flirtenden Augenpaare, der dauergrinsenden Münder - und zugleich immer auch einer, der an die bedrohte Qualität von journalistischer Expertise erinnert.

Die Eltern verstehen

Der Schweizer Peter Liechti verzichtet hingegen auf Talking Heads, wenn er seine Eltern befragt, und zeigt stattdessen zwei Hasenpuppen, die ihre Aussagen "synchronisieren". Das schafft Distanz zu diesem Paar, von dem sich ein jeder an die konservativen Maximen und Werte des Kleinbürgertums gehalten hat.

Vaters Garten ist ein Kunststück an Ambivalenz, denn Liechti erhebt sich nicht über seine Eltern, auch wenn er Distanz nicht verhehlt. Vor allem geht es ihm darum, diese zwei Menschen, die er bisher eben nur in ihren Rollen als Vater und Mutter kannte, endlich zu verstehen - wie klar hier dann Ungeheuerlichkeiten ausgesprochen werden, ist ebenso irritierend wie die Beständigkeit, die aus diesem Lebensmodell spricht.(Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD, 18.2.2013)

Preisträger der 63. Berlinale

  • Bester Film (Goldener Bär): Child's Pose (Pozitia Copilului) von Calin Peter Netzer
  • Großer Preis der Jury: An Episode in the Life of An Iron Picker von Danis Tanovic
  • Beste Regie: David Gordon Green für Prince Avalanche
  • Beste Darstellerin: Paulina García in Gloria (Sebastían Lelio)
  • Bester Darsteller: Nazif Mujic in An Episode in the Life of An Iron Picker (Danis Tanovic)
  • Alfred-Bauer-Preis: Vic+Flo ont vu un ours von Denis Côté
  • Herausragende künstlerische Leistung: Kameramann Azis Zhambakiyev für Harmony Lessons (Emir Baigazin)
  • Bestes Drehbuch: Jafar Panahi und Kamboziya Partovi für Closed Curtain (Pardé)
  • Bester Erstlingsfilm: The Rocket von Kim Mordaunt
  • Bester Kurzfilm: La Fugue von Jean-Bernard Marlin
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    Verzückte Bärenküsse: Regisseur Calin Peter Netzer, ...

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    ... Filmemacher Denis Côté ...

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    ... und "Gloria"-Hauptdarstellerin Paulina García mit ihren Trophäen.

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