Tamiflu: "Wir haben im Prinzip keine Alternative"

Interview18. Februar 2013, 07:36
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In Grippezeiten stellt sich immer die Frage: Medikament ja oder nein - Pamela Rendi-Wagner über Tamiflu-Hersteller Roche, die Studienlage und den Sinn von Impfungen

STANDARD: In ganz Europa wird Roche, Hersteller des Grippemittels Tamiflu, vorgeworfen, Daten über die Wirksamkeit zurückzuhalten. Die Europäische Gesundheitsbehörde spricht von einem einzigen Patienten, der eine Resistenz gegen das Mittel entwickelt hat. Ist die Diskussion damit vom Tisch?

Rendi-Wagner: Das sind zwei verschiedene Dinge. Tatsächlich wirft Cochrane, eine Kollaboration von Instituten, die zugelassene Arzneimittel auf ihren Nutzen prüft, Roche vor, klinische Daten zurückzuhalten. Cochrane glaubt, dass Tamiflu nicht so wirksam ist, wie Roche es bei der Zulassung angegeben hat. Das hat aber nicht direkt etwas mit Resistenzen zu tun. Resistenzen treten durch unkontrollierte oder missbräuchliche Einnahme von Medikamenten auf. Das verändert Viren derart, dass Mittel wie in den Niederlanden wirkungslos werden.

STANDARD: Sind die Zweifel von Cochrane denn begründet?

Rendi-Wagner: Cochrane kommt zum Schluss, dass Tamiflu bei Patienten mit grippeähnlichen Erkrankungen zwar Symptome lindert, die Aufenthalte im Krankenhaus oder Komplikationen wurden jedoch nicht bedeutsam vermindert. Das war bereits bekannt und ist in die neue Fachinformation aufgenommen. Auch scheint es nach Cochrane häufiger als bisher angenommen zu Nebenwirkungen wie etwa Durchfall zu kommen. Die europäischen Zulassungsbehörde EMA hat deshalb die Wirkung von Tamiflu neu bewertet. Die Experten kommen zu dem Schluss, dass der Nutzen dennoch höher ist als das Risiko.

STANDARD: Wie können sich die Bedingungen für ein Medikament ändern?

Rendi-Wagner: Neuere Untersuchungen zeigen, dass Tamiflu so früh wie möglich, am besten innerhalb der ersten zwölf Stunden nach dem ersten Auftreten von Grippe-Symptomen wie zum Beispiel hohem Fieber, eingenommen werden sollte. Danach lässt die Wirkung nach.

STANDARD: Aber die meisten Menschen gehen doch erst zum Arzt, wenn das Fieber nicht sinkt.

Rendi-Wagner: Das ist das Problem.

STANDARD: Wieso wird dann Tamiflu nach wie vor empfohlen?

Rendi-Wagner: Tamiflu ist durch die Europäische Zulassungsbehörde zugelassen, die Zulassungsentscheidung ist nicht national. Die Therapieentscheidung obliegt dem Arzt. Im Prinzip haben wir zumindest für bestimmte Patientengruppen, wie etwa Kleinkinder, keine Alternative. Tamiflu ist das einzige Mittel, das als Tablette verabreicht werden kann. Bei dem Arzneimittel Relenza, das ähnlich gegen Grippe wirkt, handelt es sich um ein Inhalationspräparat. Es ist erst seit fünf Jahren zugelassen. Bei Asthmatikern oder älteren Menschen kann Relenza zu akuten Atembeschwerden führen.

STANDARD: Auch die Grippeimpfung gerät regelmäßig unter Beschuss. Ist sie bei älteren Menschen nicht wirksam?

Rendi-Wagner: Dass die Schutzwirkung der Grippeimpfung mit dem Alter abnimmt, ist keine Neuigkeit. Es gibt eine nicht unbedeutende Zahl von Experten, die daher fordern, nicht nur Risikogruppen - also Pflege- und Krankenhauspersonal, Schwangere, Menschen mit Grunderkrankungen sowie ältere Menschen - zu impfen, sondern die Gesamtbevölkerung. Damit würde man eine Art Herdenschutz erreichen. Gerade Kinder, die schnell und häufig erkranken, stecken ihre Großeltern an. (Edda Grabar, DER STANDARD, 18.2.2013)

Pamela Rendi-Wagner, Infektiologin, leitet die Sektion III für öffentliche Gesundheit und medizinische Angelegenheiten im Gesundheitsministerium.

  • "Dass die Schutzwirkung der Grippeimpfung mit dem Alter abnimmt, ist keine Neuigkeit."
    foto: standard

    "Dass die Schutzwirkung der Grippeimpfung mit dem Alter abnimmt, ist keine Neuigkeit."

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