Rotwild als TBC-Überträger wahrscheinlich

17. Februar 2013, 17:56
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Nach Tirol will auch Vorarlberg Rotwild wegen Tuberkulosegefahr dezimieren

Bregenz - Österreich gilt als TBC-frei. Seit Jahren häufen sich aber die Fälle von Tuberkulose (TBC) bei Lechtaler Wild und Vieh. Nun sind auch die Ställe von zwei Montafoner Bergbauern leer. 17 Tiere, der gesamte Viehbestand, mussten wegen TBC-Verdachts getötet werden. Am Freitag kam ein weiterer Hof, ebenfalls in der Berggemeinde Silbertal, auf die schwarze Liste.

Wo sich die Tiere infiziert haben, steht noch nicht fest. Alm oder Maiensäß kommen in Betracht. Die Veterinär-Behörde muss nun sämtliche Kontakttiere überprüfen. Allein in den ersten beiden Fällen sind das 250 Tiere von 27 Betrieben, die auf derselben Alm den Sommer verbringen.

Faktum vor Überprüfung

Als Überträger der TBC-Erreger ist das Rotwild unter Verdacht. Was in Tirol längst als Faktum anerkannt wird, will man in Vorarlberg erst überprüfen. "Wir müssen zuerst die Untersuchungsergebnisse abwarten, bevor wir sagen können, ob die Tiere wirklich mit dem Wildstamm infiziert sind", sagt der Bludenzer Bezirks-Veterinär Markus Netzer und warnt vor "voreiligen Maßnahmen".

Die Vorsicht hat auch wirtschaftliche Hintergründe: Das Silbertal ist ein beliebtes Jagdgebiet. Zum Teil illustre Herren teilen sich das Revier in die 2200 Hektar große Genossenschaftsjagd und zwölf Eigenjagden. Beispielsweise gehen dort Schweizer Industrielle und Rechtspolitiker wie Christoph Blocher auf die Pirsch. Die Verpachtung ist eine lukrative Sache, die Jagd ein teures Hobby.

"Den Jagdherren geht es ja nicht ums Wildbret, das dürfte bekannt sein", sagt Waldaufseher Emil Fleisch und übt Kritik an der Fütterungspraxis, " es gibt zu viele und zu große Futterstellen." Dort stehe das Wild zu dicht, Krankheiten werden übertragen. Durch die Fütterung würde die natürliche Auslese gestört. "Infizierte Tiere, die sonst verenden würden, überleben den Winter."

"Das ist Massentierhaltung"

In Silbertaler Revieren stehen bis zu 200 Stück Wild bei Futterstellen. " Krass ausgedrückt ist das Massentierhaltung", sagt Bezirksveterinär Netzer. "Maximal 80" dürften es an einem Futterstand sein, sagt der Tiroler Landesveterinär Josef Kössler.

In Tirol wurden rigorose Maßnahmen gesetzt, um die Landwirtschaft vor der Seuche zu schützen. Qualität und Menge der Futterstellen werden vorgeschrieben, der Einsatz von Kraftfutter eingeschränkt. Der Rotwildbestand wurde durch ein Reduktionsgatter radikal dezimiert. Im Überwachungsgebiet wird jedes erlegte Tier auf TBC untersucht. Die Zahl der bestätigten Wildbretinfektionen sank 2012 auf 25.

Der Umwelt- und Landwirtschaftslandesrat von Vorarlberg, Erich Schwärzler (VP), will nun durchgreifen. "Die Abschusszahlen müssen um 30 Prozent erhöht werden", kündigte er an. Die Jägerschaft räumt Überbestand ein, befürchtet aber erschwerte Jagdbedingungen.

Durch großen Jagddruck würden sich die Tiere in schwer zugängliches Gelände zurückziehen, warnte Landesjägermeister Ernst Albrich via ORF. Vom Abschuss in Reduktionsgattern wie in Tirol will man in Vorarlberg nichts wissen. Schwärzler: "Ich hoffe doch, dass unsere Jäger mit dem Problem fertigwerden." (Jutta Berger, DER STANDARD, 18.2.2013)

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    17 Kühe von zwei kleinen Bergbauern aus dem Montafon mussten wegen TBC-Verdachts gekeult werden. 250 weitere Kühe kamen zuvor mit ihnen in Kontakt und müssen nun alle untersucht werden.

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