Amazon wegen Leiharbeit unter Beschuss

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    foto: apa/strobel

Eine Doku über Arbeitsbedinungen in Versandzentren ruft Politiker auf den Plan, die österreichische Firma Trenkwalder war für die Rekrutierung zuständig

Berlin/Wien/Seattle - Der Internet-Versandhändler Amazon ist in Deutschland wegen der Arbeitsbedingungen in seinen Versandzentren unter Beschuss. Auslöser war eine am Mittwoch ausgestrahlte ARD-Dokumentaion über den teils erschütternden Alltag tausender Leiharbeiter, die von Spanien oder Polen nach Deutschland kommen und viel dort weniger verdienen als erhofft. Für die Rekrutierung der Beschäftigten ist unter anderem die österreichische Firma Trenkwalder zuständig - bei dem Unternehmen war am Sonntag vorerst niemand zu erreichen. Die ARD-Doku hat in Deutschland Politiker sogar auf den Plan gerufen.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) forderte in der "Welt am Sonntag" Aufklärung. "Der Verdacht wiegt schwer, deswegen müssen jetzt so schnell wie möglich alle Fakten auf den Tisch", wird sie zitiert. Eine Sonderprüfung laufe, in Kürze werde der Bericht vorliegen. Die Ministerin drohte der betroffenen Firma sogar mit Lizenzentzug. "Sollte die Sonderprüfung ergeben, dass an den Vorwürfen gegen die Leiharbeitsfirma etwas dran ist, dann steht die Lizenz auf dem Spiel."Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) forderte nach Angaben der Staatskanzlei in Wiesbaden Aufklärung. Die Landesregierung sei für den Fall nicht zuständig, werde aber die Arbeit der zuständigen Bundesagentur verfolgen.

Die ARD-Sendung hatte die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern am hessischen Amazon-Standort Bad Hersfeld gezeigt. Für das Weihnachtsgeschäft wurden demnach Leiharbeiter aus dem Ausland in Deutschland in überbelegten Ferienhäusern untergebracht und mussten teils mehrere Stunden warten, bevor sie in Bussen von ihrer Arbeitsstätte zurück in die Unterkunft gekarrt wurden. Sie hätten auch nicht den versprochenen Lohn erhalten, die Sozialbeiträge für die Beschäftigten seien nicht korrekt abgeführt worden.

Kontakte zur Neonazi-Szene

Zudem berichteten die Autoren des ARD-Beitrags im Hessischen Rundfunk, die ausländischen Arbeitnehmer seien von dem Sicherheitsdienst H.E.S.S. auf Schritt und Tritt kontrolliert worden. Die Firma, die in ihrer Abkürzung den gleichen Namen wie Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess trägt, soll demnach Kontakte in die Neonazi-Szene haben. Mitarbeiter hätten neonazi-typische Kleidungsmarken getragen und der Geschäftsführer der Firma zeige sich auf Fotos im Internet mit verurteilten Rechtsextremen, so die ARD-Journalisten.

H.E.S.S. erklärte in einer Stellungnahme, es sei ein politisch und weltanschaulich neutrales Unternehmen und weise Verbindungen zum Rechtsextremismus zurück.

Im Hessischen Rundfunk berichtete die Autorin des ARD-Beitrags, Diana Löbl, weiter, die ausländischen Arbeitnehmer würden sich nicht beschweren. "Ein Gewerkschaftssekretär sagte zu uns, die Leiharbeiter seien faktisch rechtlos." Sie lebten nur für einige Wochen in Deutschland, die Arbeitsbedingungen seien ihnen auch ziemlich egal. Co-Autor Peter Onneken sagte: "Die Leiharbeiter tauchen auch in unserem Alltag nicht auf, etwa in einer Fußgängerzone. Sie leben in Feriendörfern, die im Winter sonst völlig verwaist wären. Es ist, als wären sie gar nicht da."

"Gehen dem nach"

Amazon erklärte in der "Welt am Sonntag", das Management gehe jedem bekannt gewordenen Vorfall nach und sorge nach Bedarf für Verbesserungen. Im selben Blatt erklärte der für Amazon zuständige Vertreter der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Heiner Reimann, Amazon sei so schnell gewachsen, dass das Unternehmen mit der nötigen Infrastruktur nicht nachgekommen sei: "Toiletten, Kantinen, die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr: Alles ist dieser schieren Masse zusätzlicher Menschen nicht gewachsen."

Nach Angaben von Amazon verdienen alle Mitarbeiter, die länger als ein Jahr in den Amazon-Logistikzentren in Deutschland arbeiten, mehr als 10 Euro brutto in der Stunde; im ersten Jahr mehr als 9,30 Euro brutto, so die "Frankfurter Allgemeinze Zeitung" (FAZ) am Freitag. Die in dem Fernsehbeitrag erwähnten Mitarbeiter aus Spanien, die über Trenkwalder beschäftigt wurden, verdienten nach diesen Angaben bei einer 37,5-Stunden-Woche 1.400 Euro brutto im Monat, in der Nachtschicht bei 32,5 Wochenstunden 1.500 Euro im Monat. Diese Beträge seien auch dann bezahlt worden, wenn von Amazon nicht die volle vertragliche Stundenzahl angefordert wurde, so die Zeitung.

Der Chef des deutschen Zeitarbeit-Branchenverbandes BAP, Volker Enkerts, teilte indes mit, kein Mitgliedsunternehmen sei im Fall Amazon für Unterbringung und Verpflegung der Arbeitnehmer verantwortlich gewesen. Auch sei von keinem BAP-Mitglied die Sicherheitsfirma H.E.S.S. beauftragt worden. Der BAP distanziere sich auf das Schärfste von den dargestellten Arbeitsbedingungen. (APA/Reuters, 17.2.2013)

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höchst verwirrend, dieser artikel!

ZA Die in dem Fernsehbeitrag erwähnten Mitarbeiter aus Spanien, die über Trenkwalder beschäftigt wurden, verdienten nach diesen Angaben bei einer 37,5-Stunden-Woche 1.400 Euro brutto im Monat, in der Nachtschicht bei 32,5 Wochenstunden 1.500 Euro im Monat. Diese Beträge seien auch dann bezahlt worden, wenn von Amazon nicht die volle vertragliche Stundenzahl angefordert wurde, so die Zeitung.ZE

was soll das, eine deutsche zeitung wie eine gegendarstellung zu zitieren, wenn zeitarbeiter in der TV-doku ausdrücklich anderes aussagten?

zusammen mit anderen redaktionellen flüchtigkeitsfehlern erweckt das den eindruck, hier sei eine story nicht ganz "durchdrungen" worden...

Menschenhandel und Sklaverei!

Was Amazon hier gemeinsam mit seinem rechtradikal agierenden Sicherheitsdienst veranstaltet, erfüllt die Tatbestände Menschenhandel und Sklaverei - PFUI!

Könnte man ja auch zum Artikel Pinnen

sorry, wurde weiter unten auch schon gepostet...

Trenkwalder

gehört in Deutschland die lizenz entzogen so schauts aus. Überhaupts sind alle Leiharbeitsfirmen die reinsten Sklavenfirmen, die normalerweise verboten gehören. Moderne Sklaverei im 21 jahrhundert.

Das Problem ist das Rot-Grün mit Harz IV & Co die Grenzen bei Lohn, Arbeitszeit und Arbeitnehmerschutz so derart gesenkt hat.

Es gibt auch Zeitarbeitsfirmen welche dem Arbeitnehmer gleichviel oder sogar mehr zahlen als dem Stammpersonal.

Amazon wird von mir in nächster zeit keine Bestellung von mir erhalten.

sogar mehr zahlen als dem Stammpersonal.

ja in Österreich vieleicht, aber nicht in Deutschland so viel ist sicher.

Stimmt.

Ich kenne die Situation nur aus Österreich. Und auch nur aus zweiter Hand.

Ich wollt damit nur klar machen das Zeitarbeit nicht per se schlecht ist, so wie es viele hier darstellen.

Kein Problem, Amazon-Konto gelöscht. Wenn dies nur genug machen, dann lernt der Konzern vielleicht sogar etwas, wobei dies extrem unwahrscheinlich ist, da diese ausschließlich dem Geld verpflichtet sind, und sich um Mitarbeiter nicht scheren.
Und das Sklaventreiber wie Trenkwalder ihre Arbeiter von Neonazis drangsalieren lassen ist wirklich schockierend.

Also ich sehe die Dokumentation etwas anders

Ich habe nur Missstände und Versäumnisse von Trenkwalder gesehen. Von Amazon hat man ja gar nichts gesehen.

Die Unterbringung der Leiharbeiter hat doch mit Amazon nichts zu tun. Seit wann kümmert sich der Arbeitgeber wo die Mitarbeiter wohnen?

Das die arme Frau im Video so viel gehen muss als Lagerarbeiter tut mir nicht leid, das ist eben so in dem Job. Vielleicht ist nicht jeder körperlich dazu geeignet.

Ebenso soll man nicht jammern das man zu Weihnachten nicht zu Hause ist wenn man so einen Job annimmt. Man weiß das vorher und dann ist das so.

Als Leiharbeiter ist es auch so das man auf einmal nicht mehr in der Firma benötigt wird. Jeder Leiharbeiter kennt dies und weiß das vorher. Will man das nicht soll man nicht Leiharbieter sein!

Sie sehen die Doku anders.

Ja, das schaut so aus. Sie scheinen in einem derealisierten wirtschafts"liberalen" Never- Never- Land zu leben, wo sich Peter Pan, Wendy und Schweinchen Dick aussuchen können, ob sie Leiharbeiter werden wollen oder nicht.

Sie haben offenbar nicht richtig aufgepasst! Amazon hat in den Ländern selbst geworben, erst als die Leute bereits in Deutschland waren, wurde ihnen mitgeteilt, dass sie nicht bei Amazon direkt angestellt werden sondern über eine Leiharbeitsfirma und das zu anderen finanziellen Konditionen als zunächst angegeben. Und letztendlich ist es Amazon das derartige Leiharbeitsfirmen engagiert! Das in Leiharbeitsfirmen teilweise prekäre Beschäftigungsverhältnisse herrschen ist übrigens nicht erst seit dieser Doku bekannt! Amazon kann sich da nicht so einfach aus der Schußlinie nehmen indem man auf die Leiharbeitsfirma verweist!

So ist es:

Zumindest nach österreichischem Recht sind sowohl der Auftraggeber als auch die Leihfirma für alle Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter haftbar. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen Arbeitnehmern und Beschäftigten.

Zitat aus der Doku: "Doch 2 Tage vor Abfahrt meldet sich Amazon mit dieser Email: Wir sind nicht in der Lage Ihnen eine Beschäftigung direkt bei Amazon anzubieten."

Die Mitarbeiter wurden 2 Tage vor Abfahrt informiert das sie nicht direkt bei Amazon anfangen werden. Und nicht erst in Deutschland wie oben behauptet.

Die Doku ist so negativ und suggestiv gehalten, das selbst die normalen Aspekte einen total negativen Eindruck hinterlassen!

selbst die normalen Aspekte einen total negativen Eindruck hinterlassen

Das tun "normale" Aspekte in Leiharbeitsverhältnissen sehr oft.
Sind Sie selbst Arbeitnehmerin? Ja? Dann passen Sie gut auf Ihre eigenen normalen Verhältnisse auf, dass Ihnen die nicht einmal die Luft abschneiden.

natürlich sollte es auch in der verantwortung, des auftraggebers liegen, sich daum zu kümmern, dass, wenn schon leiharbeit, diese auch unter "lebenwerten" bedingungen stattfindet, abgesehen davon, dass diese höchst fragwürdige methode der leiharbeit ohnehin hinterfragt und reformiert gehört, da es nichts anderes ist als das legale umgehen von arbeitsrecht und kollektivverträgen.

Beeindruckend! Ein Verleger zieht die Konsequenz.

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http://www.boersenblatt.n...
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>> Die ARD-Dokumentation über die Arbeitsbedingungen bei Amazon bringe "das Fass zum Überlaufen", schreibt Verleger Christopher Schroer in einem offenen Brief an Jeff Bezos. Darin kündigt er seine Zulieferer- und Kundenkontakte bei Amazon: "Mit sofortiger Wirkung. Ohne Wenn und Aber und mit allen Konsequenzen." <<

Verlage "Die Neue Sachlichkeit" und "CH. SCHRŒR"

http://www.chsbooks.de/

der link funktioniert nicht

nicht nur freier warenverkehr, sondern auch freier "sklaven"verkehr innerhalb der EU.
solange die politik im EU-Raum nicht in der lage, besser nicht willens ist, kann man amazon anscheinend "nur" moralisch einen vorwurf machen, gesetzlich bewegen sie sich natürlich bewusst an den grenzen und in graubereichen, welche das gekaufte politvolk bewusst offenlässt. und wieder mal mit vorne dabei ein personalverleiher.

Um solche Probleme in Zukunft zu verhindern gibt's nur eine Möglichkeit und zwar ABSCHAFFUNG der modernen Sklaverei (Leiharbeiter) und stattdessen die Arbeitsverträge anpassen! Es muss doch in einer "modernen" Gesellschaft möglich sein, ohne so etwas klar zu kommen.

ich fürchte dass die moderne welt schuld daran ist, dass es leiharbeit gibt. jeder will luxus, und das günstig und jederzeit. da muss ja irgendwer draufzahlen! die schwellenländer sind ja relativ weit weg, da kann man einfach wegschauen...

...aber die leiharbeiter sind hier bei uns, das erzeugt dann doch einen unangenehmen beigeschmack. ob in asien, indien oder afrika irgendwer wegen unserem luxusleben vor die hunde geht ist viel einfacher "wegzudenken" als wenn man die betroffenen leute direkt auf der straße sehen kann.

Ja, da haben Sie auch recht. Kenne einige die so wenig wie möglich wissen wollen um in ihrer eigenen Welt zu leben. Kapitalismus hat zwar seine vorteile, aber gewiss auch nachteile. Solange die breite Bevölkerung Konsumzombies sind wird es auch so bleiben. Finde die zustände in den Produktionsländern wie Pakistan, Indien... sehr schlimm da wird das giftige Abwasser z.B. direkt in die umliegenden Flüsse abgeleitet. Da schaut es teilweise so aus als ob da ein Chemiekraftwerk explodiert wäre. Da hört man auch nicht viel vom Umweltschutz.
In Österreich sind alle Politiker stolz darauf wie Umweltfreundlich es ist, dass aber viele Produkte die es Importiert sehr Umweltschädigent produziert worden sind hört man nicht. (Jeans unsw.)

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