China geht auf Distanz zu Nordkorea

17. Februar 2013, 17:50
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Nach dem jüngsten Atomtest kann sich Nordkorea nicht mehr auf den Schutz aus Peking verlassen. Chinesische Blogger fordern ein Ende der "verlogenen Solidarität" mit dem Regime von Kim Jong-un. In der Region droht ein Wettrüsten

Hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un mit dem Atomtest zu hoch gepokert? Lässt ihn sein letzter politischer Verbündeter China nun auch fallen? Die Fragen sind nicht mehr abwegig, seitdem weltweit über einschneidende Sanktionen beraten wird, die das isolierte Regime zur Umkehr zwingen sollen. Pjöngjang kann nicht mehr auf Peking bauen, wenn es darum geht, neue See- und Landblockaden zu entschärfen.

Dessen Außenministerium hatte Nordkoreas Atomtest "entschieden verurteilt", aber scheinbar gezögert, den Stab vollends zu brechen. Es plädierte an alle Staaten, weiterhin "kühlen Kopf zu bewahren und auf dem Verhandlungsweg nach Lösungen zu suchen". Vielen Beobachtern entging jedoch eine wichtige Nuance in Chinas Antwort: Anders als in seinen Reaktionen auf frühere Atom- und Raketentests Nordkoreas fehlte diesmal der Schlusssatz: "Peking wird sich dafür einsetzen." Er bedeutete eine Rückversicherung für Pjöngjang, dass es mit den Sanktionen nicht so schlimm kommen wird.

China, das größter Energielieferant und Handelspartner Nordkoreas ist, will Pjöngjang offenbar nicht mehr aus der Patsche helfen. Die Regierung reagiert nicht nur auf weltweiten Druck, wenn sie Nordkorea nicht mehr in Schutz nimmt. Innerhalb Chinas, vor allem im Internet, wachsen Wut und Ungeduld über die Nachsichtigkeit mit Nordkoreas Führer, der mit seinen Atomtests die Interessen des Landes und die Gesundheit des Volkes aufs Spiel setzt. Mikroblogs, die die Zensur nicht streicht, wüten gegen das Kim-Regime und auch gegen die Pekinger Regierung, falls sie weiterhin auf "verlogene Solidarität" setzt.

Kritische Fragen

Tausende bedrängten das Umweltministerium mit kritischen Fragen zu Strahlungsschäden. Die Messämter gaben vergangene Woche die Ergebnisse von 150 Kontrollstellen bekannt. Pjöngjangs Atomtest soll keine zusätzliche Verseuchung in den Grenzgebieten verursacht haben. Manche Grenzregionen sind nur 100 Kilometer vom nordkoreanischen Testgebiet entfernt. Mobile Teams hätten 24 Stunden lang Chinas Nordosten intensiv kontrolliert, Proben von Wasser und Boden genommen, gab das Umweltamt bekannt. Nirgendwo sei erhöhte Strahlung gemessen worden. Zahlreiche Blogger blieben skeptisch. "Wir hoffen, dass das wahr ist und nicht aus ideologischen Gründen geschönt wurde."

Nordkoreas Atomtest droht einen Rüstungswettlauf in der Region anzufachen. Besonders Südkorea rüstet sich gegen den unberechenbaren Nachbarn. Um die Kampfbereitschaft des Militärs zu demonstrieren, ordnete die Regierung in Seoul Land-, Luft- und auch Seemanöver in enger Abstimmung mit den USA an, meldete die Agentur Yonhap.

Rasche Aufrüstung

Bereits 24 Stunden nach der Zündung der Atomwaffe hatte Südkoreas Regierung begonnen, Raketen an der Grenze zum Norden aufstellen zu lassen. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Kim Min-seok, sagte, dass Südkorea jetzt auch "rascher als geplant ballistische Raketen mit einer Reichweite von 800 Kilometern entwickeln wird". Zugleich werde es sein eigenes Raketenabwehrsystem aufbauen.

Nordkoreas Handlungen würden die USA tiefer in das asiatische Geschehen hineinziehen, schrieb alarmiert Xinhua. Sie verwies auf Obamas Rede, bei der er sagte: "Die USA stehen fest an der Seite ihrer Verbündeten, verstärken ihre eigene Raketenabwehr und führen die Welt dabei an, mit entschiedenen Handlungen auf solche Bedrohungen zu reagieren." Seither habe Obama Südkorea und Japan erneut Beistand zugesichert und sie ausdrücklich unter den Schirm des US-Nuklearschutzes gestellt. China Daily schrieb, dass Nordkorea den USA "die Entschuldigung verschaffte, mit ihrem Militär in der asiatischen Region aufzutrumpfen".

Seit dem Koreakrieg (1950 bis 1953) sind Südkorea und die USA, die noch 28.500 US-Truppen im Land stationiert haben, über einen Beistandspakt verbunden. Die neue atomare Bedrohung lässt beide Staaten enger zusammenrücken. Hohe Beamte ihrer Verteidigungsministerien und Militärfachleute vereinbarten neue Abwehrmaßnahmen, meldete die Nachrichtenagentur Yonhap. Auf einem am Donnerstag in Washington geplanten Treffen wollen sie auch erörtern, unter welchen Bedingungen sie möglichen Angriffen durch Präventivschläge gegen die Nuklearanlagen des Nordens zuvorkommen könnten.

Hintergrund für solche Planspiele waren Nordkoreas Bekundungen, dass es in seinem dritten Atomtest eine "kleinere, leichtere Atomwaffe mit größerer Sprengkraft" zündete, die "auch physikalisch die vielfältige koreanische Atommacht" unter Beweis stelle. Beobachter interpretierten diese kryptischen Äußerungen als Hinweise, dass Pjöngjang erstmals eine Atomwaffe auf Basis von angereichertem Uran und in miniaturisierter Größe testen konnte.

Experten in Südkorea konnten beide Vermutungen noch nicht bestätigen. Falls sie zutreffen, würden sie Nordkorea nicht nur erlauben, seine Langstreckenraketen atomar zu bestücken und bis zu 10.000 Kilometer entfernte Regionen, darunter die Westküste der USA, zu bedrohen. Sie würden auch die Proliferationsgefahr erhöhen, da waffenfähiges Uran leichter transportierbar ist. (Johnny Erling, DER STANDARD, 18.2.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nordkoreaner verneigen sich vor dem Bild des verstorbenen Führers Kim Jong-il, dessen Geburtstag am Samstag gefeiert wurde.

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