Ingenieur Brummi hat fast nichts zu bereuen

Porträt17. Februar 2013, 17:46
42 Postings

Raimund Haberl ist als lehrender Wissenschafter in Pension. Als Ruderer ist der 63-Jährige noch aktiv. Daneben wirkt der zweimalige Weltmeister als Kabarettist – seinem Spitznamen zum Trotz

Wien – Professor Raimund Haberl ist am Einpacken. Sein Zimmer an der Universität für Bodenkultur mit Sicht auf den Donaukanal beginnt sich zu leeren, dafür füllt sich die Haberl’sche Wohnung, "obwohl sie recht groß ist. Aber ich habe es noch nie so mit dem Wegwerfen gehabt." Es wäre auch schade um die Zeugnisse eines Berufslebens als Wissenschafter und Lehrender, das Haberl herumkommen ließ. Vom sportlichen Leben, das den scheidenden Vorstand des Instituts für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz ebenfalls in alle Welt führte, zeugt nichts im Büro.

Allenfalls der kräftige Druck der großen Hände verrät den Ruderer, der Haberl war und ist – 70-facher Staatsmeister in der allgemeinen Klasse, 15-mal Mastersmeister, also der älteren Rudersemester, vor allem aber zweimal Weltmeister im Leichtgewichts-Einer. Dass ihm die eigene Statur die Chance auf olympisches Gold verwehrt hat – der leichte Einer fand unter den Ringen nie Gnade – grämt Haberl nicht, wohl aber die latente Geringschätzung für die Leichtgewichte. "Die sportliche Leistung ist ja die gleiche."

Gewicht

Erwachsene Leichtgewichtsruderer durften lange Zeit nur 72,5 Kilogramm wiegen, derzeit sogar nur 70. Bei den Frauen liegt das Limit bei 57 Kilogramm. In der sogenannten allgemeinen Klasse gibt es kein Limit, weshalb Haberl nicht wenig stolz auf seinen einzigen Olympia-Auftritt ist. 1984 in Los Angeles belegte er im Einer Rang acht, wurde also Zweiter des kleinen Finales. Der finnische Olympiasieger Pertti Karpinen brachte damals bei einer Körpergröße von 2,01 Metern gut hundert Kilo auf die Waage. "Ich habe etliche Schwerere geschlagen", sagt der 1,75 Meter große Haberl, der aktuell 75 Kilo wiegt.

Weder die Wissenschaft noch die Ruderei waren Haberl vorherbestimmt. Aufgewachsen ist er am elterlichen Bauernhof in Blumenthal im Weinviertel. Das älteste von drei Kindern lernte früh anpacken, "mir war nichts zu eintönig oder zu schwer. Wir hatten Getreide, Vieh, Wein." Weil aber Raimund Haberl in der einklassigen Volksschule ("16 Kinder jeden Alters") beim Lernen mit den Älteren mithielt, schickten ihn Josefine und Johann Haberl nach Wien aufs Gymnasium. "Sie waren noch jung, wollten mir diese Chance geben, obwohl ja der Älteste sonst den Hof übernimmt."

Fußball-Verbot

Raimund Haberl wohnte in Wien bei einer Tante, die in ihrem Gasthaus auch den Wein aus Blumenthal ausschenkte. Der Teenager arbeitete auch hier mit ("Ich kam vom Regen in die Traufe"), lernte, spielte Fußball beim Verein Glasfabrik Brunn am Gebirge, heute SC Brunn. "Ich habe sehr gerne gespielt, im Mittelfeld. Dann wurden die Noten schlechter, schon Zweier wurden daheim hinterfragt. Da haben mir die Eltern den Fußball verboten."

Aus irgendeinem Grund ("Warum, wurde nie erklärt") wurde Raimund Haberl nicht das Rudern verboten, dem er über Vermittlung eines Mitschülers frönte, dessen Onkel ein Funktionär des Ersten Wiener Ruderklubs Lia war. In Blumenthal galt dieser Sport als exotisch. "Ich wurde gefragt, was ich da genau für ein Rudern mache, Brust oder Rücken."

Lia, der älteste Körpersportverein Österreichs, an der Alten Donau daheim, feiert heuer sein 150-jähriges Bestehen, auch  mit einer Ausstellung im Bezirksmuseum Donaustadt. Ehrenpräsident Raimund Haberl, zwischen 1989 und 2002 fleißiger Lia-Chef, erstellt die Festschrift. Da hat er mit Statistik und also viel mit sich selbst zu tun.

Als Junior hat er nichts gewonnen. "Dann hatte ich eine Gelbsucht, musste aussetzen. Als ich wieder begonnen habe, waren meine Trainings- und Bootspartner nicht mehr da. So kam ich in den Einer. Das war genau meins." In dieser psychisch besonders fordernden Klasse stellten sich Erfolge ein. 1972 wird der "ideale Leichtgewichtler" erstmals Staatsmeister, 1976 folgt in Villach, eigentlich auf dem Ossiacher See, der erste WM-Titel.

Kurz: "Brummi"

Parallel zur Ruderei absolviert Raimund Haberl sein Studium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft in Mindestdauer, beginnt  als Assistent seine akademische Karriere. 1976 heiratet er Hedi Zotti, eine Bekanntschaft aus dem Verein, es kommen drei Kinder. Deren Vater arbeitet und trainiert, allein, "für damalige Zeiten viel, bis zu zwölf Stunden die Woche. Heute wäre das nichts. Aber ich saß immer sofort im Boot, es gab kein Aufwärmen, kein Stretching." Haberl ist kurz angebunden, erwirbt sich so den Spitznamen Brummi. "Ich hatte ja keine Zeit." Auch nicht für die Familie, "beruflich konnte ich nicht zurückstecken, sportlich wollte ich nicht. Das tut mir heute leid." Die Reue kommt nun den beiden Enkelkindern zugute.

Haberl treibt stets die Lust am Wettkampf. 1982 am Rotsee bei Luzern gewinnt er erneut WM-Gold – in typischem Stil. "Ich war auf den zweiten tausend Metern exakt gleich schnell wie auf den ersten." Haberl ist also mit der ihm eigenen Konsequenz in allen Lebenslagen ein hervorragender Finisher. Umso tiefer hat sich ihm das Verpassen des Finales bei seiner letzten WM im Leichtgewichts-Einer, 1986 am Holme Pierrepont bei Nottingham, eingebrannt. Haberl beginnt im Halbfinale zu schnell, muss sogar kurz vor dem Ziel Blatt legen, wie die im Rudersport eher seltene Aufgabe heißt. "Das ärgert mich heute noch, aber ich habe nicht mehr gewusst, wie mir geschieht."

Rudernd durchs Leben

Haberl beendet seine Karriere nie wirklich. Bisher hat er 82.000 Kilometer rudernd zurückgelegt. Er weiß das genau, weil er auch über sein Training stets Buch geführt hat. "Wollen Sie wissen, was ich am 24. Juni 1979 trainiert habe?" Lieber, ob sich der 100.000er noch ausgeht. Das weiß der als streng, aber gerecht bekannt gewesene Professor nicht. "Spielt auch keine Rolle."

In den Fachwelten ist Haberl als Weltmeister und als Pionier der Abwasserreinigung mithilfe von Pflanzenanlagen bekannt geworden. Popularität in der Öffentlichkeit erlangte er bei den Superzehnkämpfen der Sporthilfe an der Seite von Stars wie Anton Innauer und Franz Klammer. 1976 gewann er so eine Veranstaltung in der Stadthalle, auch weil er 37 Klimmzüge geschafft hatte.

Die Showbühne ist Haberl bis heute nicht fremd. Im Lia-Saal wirkt er an Benefizkabaretts mit, bei denen seine Frau Regie führt und die nicht nur Vereinsmitglieder begeistern. Zuweilen wird er auf der Straße darauf angesprochen – oder auf seine Zeit an der Boku. Der Ruderer Raimund Haberl ist seltener Thema. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 18.02.2013)

  • 1976 ruderte Raimund Haberl auf dem Ossiacher See erstmals zum Weltmeistertitel im Leichtgewichts-Einer.
    foto: privat

    1976 ruderte Raimund Haberl auf dem Ossiacher See erstmals zum Weltmeistertitel im Leichtgewichts-Einer.

  • Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.nat.techn. Raimund Haberl in seinem Büro an der Boku, das langsam in Räumung begriffen ist.
    foto: lützow

    Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.nat.techn. Raimund Haberl in seinem Büro an der Boku, das langsam in Räumung begriffen ist.

Share if you care.