Geistiges Eigentum und digitale Reproduzierbarkeit

17. Februar 2013, 17:33
129 Postings

Wer in der echten Welt ein Auto benützt, das ihm nicht gehört, vergreift sich an fremdem Eigentum. Wie aber ist das in der digitalen Welt?

Alfred Noll unternimmt in seinem Kommentar am 14. Februar den verdienstvollen Versuch, aus der überhitzten Debatte zur Festplattenabgabe etwas heiße Luft abzulassen. Er bedient sich dazu des juristischen Handwerkzeugs und greift auf Analogien aus dem richtigen und analogen Leben zurück: Wer sich Nolls Autos oder seiner Wohnung bediene, ohne dass er zustimme oder dafür ein Entgelt erhalte, mache sich ihn nicht zum Freund, sondern strafbar, denn der Nutzer verletze damit ein Eigentumsrecht, das der Auto- und Wohnungsbesitzer Noll für sich reklamiert (und notfalls durch Vorlage von Kauf- oder Mietverträgen auch belegen könnte).

So weit völlig einleuchtend. Was aber nun, wenn unser Eigentümer auf seiner Festplatte eine virtuell begehbare Zimmerflucht an der Ringstraße gespeichert hätte, die er sich jederzeit auf den Bildschirm zaubern könnte, um darin seinen Avatar herumstolzieren zu lassen? In einer benachbarten Datei gespeichert befindet sich ein virtueller Maserati, mit dem  es sich ohne Rücksicht auf Geschwindigkeitsbegrenzungen zu jeder Tages- und Nachtzeit virtuell um eben diesen Ring düsen lässt.

Während die unerwünschten Nutzer der Noll'schen Besitztümer im richtigen Leben eine sofort nachvollziehbare Beeinträchtigung des diesen innewohnenden Gebrauchswerts darstellen, könnten jederzeit eine große Anzahl von Netizens sich seiner virtuellen Reichtümer bedienen, ohne dass Noll überhaupt etwas davon merkte. Eigentumsrechte im Sinn von eingeschränkten Nutzungsrechten wären damit also nicht tangiert. Es käme nicht einmal zum Verkehrsstau wenn hunderte Maserati-Fans gleichzeitig im Kreis herumführen.

Das erinnert ein wenig an die Konstruktion sogenannter öffentlicher oder kollektiver Güter, von deren Genuss man niemand ausschließen kann und deren Nutzung auch keine Rivalitäten unter den Nutzern aufkommen lässt. Klassisches Beispiel: saubere Luft. Niemandem wird etwas weggenommen, keiner ist beeinträchtigt – also was soll hier das Problem sein?

Noll weicht auf Mühe und Arbeit aus, die der Produzent in das Werk gesteckt haben wird, bevor es zu einem solchen geworden ist. Damit aber begibt er sich aufs Glatteis der Verallgemeinerung durch Entdifferenzierung. Was stellt der Hersteller her, und wo stellt er es gegebenenfalls hin?

Der Komponist komponiert, der Maler malt, der Filmemacher macht Filme. Der eine bekommt Geld, wenn seine Komposition zu Gehör gebracht wird (wenn er Glück hat. Manch einer zahlt auch für die Aufführung oder den Druck eigener Werke). Der Maler stellt sein Bild aus (kostenlos), und wenn ein Betrachter Gefallen daran findet, gibt er ihm Geld dafür und nimmt das Bild als Eigentum mit nach Hause – kann es aber auch später wieder als Leihgabe der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Maler und Komponisten leben mehr oder weniger gut vom Verkauf oder der Aufführung ihrer Werke. Die für den Komponisten zusätzlich erforderlichen Musiker werden für ihr Tun ebenfalls bezahlt.

Das vermeintliche Drama soll nun da beginnen, wo Bilder und Töne digital gespeichert und damit beliebig reproduzier- und nutzbar werden. Man könnte noch versuchen, das Beispiel des Films zur Rettung der Festplattenabgabe ins Feld zu führen. Existiert dieser heutzutage oft doch nur noch in der Form digitalisierter Informationen, und teuer ist die Herstellung dieser Filme obendrein. Oder noch besser Raubkopien von Computerprogrammen, die überhaupt nur mehr als symbolische Wertschöpfung zu verstehen sind.

Wie sollten wir es da mit der Festplattenabgabe halten? Die Hersteller von Computerprogrammen haben es verstanden sich ausreichend zu schützen. Und was Filme anbelangt, so steht meines Wissens der Beleg noch aus, dass durch übermäßiges Raukopieren die Besucherzahl in guten Kinos zurückgegangen wäre.

Vermutlich will niemand den in ihrer Mehrzahl darbenden Kunstschaffenden ein redlich verdientes Honorar streitig machen. Wer sich in diesem Gewerbe verdingt, mag dort sein Glück versuchen. Die analoge Welt war für Künstler kein Ort, an dem es ihnen leicht gemacht wurde. In der digitalen wird es für sie vielleicht einfacher, ihr Publikum zu finden, was das Geldverdienen anbelangt, ändert sich für die Produzenten wohl nicht viel. Alfred Noll hat recht. Es gibt viel Demagogie in diesem Bereich, aber mit Verweis auf fremdgenutzte Autos und Wohnungen kommt man dem Problem nicht bei. (Reinhard Kreissl, DER STANDARD, 17.2.2013)

Reinhard Kreissl, Jg. 1952, ist wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien.

Nachlese

"Festplattenabgabe revisted: Raus aus der Endlosschleife"

Share if you care.