Subversion der Schönheits-Freaks

15. Februar 2013, 19:24
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Das Tanzstück "I Move Like a Disabled Person"

Wien - Die beiden körperbehinderten Tänzerinnen und Performerinnen Elisabeth Löffler und Cornelia Scheuer sind echte Ausnahmeerscheinungen im europäischen Tanz. Mit dem Stück I Move Like a Disabled Person unter der Regie von Yosi Wanunu rufen sie sich nun im Kosmostheater nach längerer Bühnenabstinenz wieder in Erinnerung.

Natürlich erinnert man sich an Stars unter den wenigen Tänzern mit speziellen Körpern: etwa David Toole bei Lloyd Newsons DV8 Physical Theatre ode Dergin Tokmak vom Cirque de Soleil. Eine einsame Größe ist der deutsche Choreograf Raimund Hoghe, der gerade im Tanzquartier Wien seine faszinierende Arbeit Pas de Deux gezeigt hat.

Körperbehinderte Frauen, die bei größerer öffentlicher Aufmerksamkeit choreografieren und tanzen, gibt es kaum. Ein rares Beispiel ist die Japanerin Manri Kim (60) mit ihrer Troupe Taihen. Dass Löffler und Scheuer, beide Jahrgang 1969, bisher nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, liegt vor allem daran, dass sich nur wenige anerkannte Choreografen mit Körpern von ihren Qualitäten beschäftigen.

Dazu gehören in Wien Daniel Aschwanden, bei dem die beiden mehrere Jahre lang gearbeitet haben, Bert Gstettner mit Michael Turinsky und jetzt Regisseur Wanunu.

In der Riege der Tanzschaffenden von Weltrang jedoch ist außer Newson aktuell nur Jérôme Bel zu erwähnen, der im Vorjahr mit Mädchen mit Down-Syndrom ein Disabled Theatre präsentierte, das im Sommer bei Impulstanz zu sehen sein soll. Die gute Nachricht: Es gibt zähe Initiativen wie etwa jene des Amerikaners Alito Alessi und in Wien von Vera Rebl, die mit behinderten Tänzern arbeiten. Und die in der Folge noch bessere Nachricht:

Hier liegt ein enormes und herausforderndes Potenzial an künstlerischen Möglichkeiten jenseits des Therapie- und Integrativ-Ansatzes, das noch seiner Nutzung harrt. In ihrer Pseudo-Zirkus-Show I Move Like a Disabled Person machen sich Scheuer, Löffler und Wanunu über Virtuositätswahn und Sensationsgier lustig.

Das Stück ist zwar kein Meisterwerk, aber die charismatischen Tänzerinnen zaubern darin großartige Momente, in denen sie die aufgeblasenen Schönheitsklischees und die anrüchige Freak-Faszination unserer normversessenen Gesellschaft genüsslich subvertieren.   (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 16./17.2.2013) 

Bis 22. 2.

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