Spindelegger in Afghanistan: Helfen und Hoffen am Hindukusch

15. Februar 2013, 18:29
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Der Einsatz der Nato-geführten Isaf geht in die Endphase - Der Westen kann es kaum erwarten abzuziehen

Die große Frage ist, ob die lange und blutige Intervention nachhaltig sein wird.

Es ist eine halsbrecherische Fahrt. Stacheldraht, Sandsäcke und Betonwälle ziehen an der Wagenkolonne vorbei. Die Fahrer und die Sicherheitsleute sind nervös. Es gibt Gerüchte, dass 20 Kämpfer des Haqqani-Netzwerkes in die Stadt eingesickert sind. Sie hätten den Auftrag, Regierungsgebäude mit Bombengürteln zu attackieren, heißt es. Oder im Notfall auch einfacher zu treffende Ziele. Das könnte auch der Konvoi des österreichischen Außenministers auf dem Weg vom Flughafen ins Zen trum von Kabul sein.

An der Bibi-Mahru-Straße baut sich das Hauptquartier der International Security Assistance Force (Isaf) auf. Am äußeren Schutzring stehen afghanische Sicherheitskräfte, an den inneren Ringen kontrollieren bis an die Zähne bewaffnete italienische und mazedonische Soldaten jeden Wagen peinlich genau. Von hier aus organisiert die internationale Afghanistan-Schutztruppe die Übergabe des Landes an die afghanischen Regierung. Noch 23 Monate, bis Ende 2014, ist dafür Zeit. Dann soll der Kampfeinsatz am Hindukusch beendet und das Gros der internationalen Truppen abgezogen sein.

Demonstrativ optimistisch

In dieser Festung gibt sich der deutsche Brigadegeneral Günter Katz alle Mühe zu erklären, dass die Lage gut ist. 2012, sagt der ehemalige Kampfpilot, der für die Isaf spricht, sei ein sehr erfolgreiches Jahr für die internationalen Truppen  gewesen. Die Ausbildung der afghanischen Armee laufe gut, die Übergabe großer Landesteile ebenso. Noch heuer sollen es 100 Prozent des Staatsgebietes sein, das die 352.000 afghanischen Militärs und Polizisten dann kontrollieren.

"Die Aufständischen wurden zuletzt stark bekämpft und aus den Städten gedrängt. Heute finden 80 Prozent der Kämpfe dort statt, wo 19 Prozent der Bevölkerung leben. Für alle anderen Afghanen ist es deutlich sicherer geworden", sagt Katz. Weshalb es dann zuletzt immer wieder schwere Anschläge auch in Kabul gab? "Das sind richtige Bilder mit der falschen Botschaft. Solche Anschläge werden verübt, um Medienaufmerksamkeit zu erregen. Die Lage hat sich verbessert: Das Glas in Afghanistan ist nicht halb leer, sondern halb voll."

Es klingt wie ein Pfeifen im Wald. Denn unter der Hand behaupten die Nachrichtendienste das genaue Gegenteil. Und auch ein Soldat im Isaf-Hauptquartier raunt im Vertrauen: "Hier wird gestorben, dass die Tür nicht zugeht." Alle wollen raus aus Afghanistan. Zuallererst die Amerikaner, die die Intervention am Hindukusch 2001 auf der Jagd nach Osama Bin Laden begonnen haben. Erst in dieser Woche hat Präsident Barack Obama angekündigt, er werde 34.000 Mann, mehr als die Hälfte des US-Kontingents, abziehen. Die ersten von 10.000 Containern der US-Streitkräfte wurden bereits in Pakistan in Richtung Heimat eingeschifft.

Noch vor zwei Jahren wollte der Westen die Lage mit massiven Truppenaufstockungen unter Kontrolle bringen, heute lautet die Diktion: Die Afghanen müssen es selber richten. So argumentiert auch Jan Kubis, der Chef der UN-Mission im Land, den Außenminister Michael Spindelegger neben der EU-Mission und der Isaf am Freitag in Kabul besuchte. "Der Trend geht derzeit eher in Richtung gesteuerter Übergang als in Richtung neuer Konflikt." Wichtig sei, dass es einen nationalen Konsens auch mit den aufständischen Taliban gebe und dass vor allem die Präsidentenwahlen im kommenden Jahr gut verliefen. Österreich leistet seinen Beitrag dazu mit 18 Millionen Euro, die in den UN-Fonds zum Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen gehen. "Afghanistan hat eine Chance. Wenn nichts daraus wird, dann muss ich der Westen nichts vorwerfen lassen", sagt Spindelegger. Inschallah – das wird in dieser Weltgegend üblicherweise hinzugefügt. (Christoph Prantner aus Kabul /DER STANDARD, 16.2.2013)

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    Außenminister Michael Spindelegger traf am Freitag in Kabul auch mit den österreichischen Angehörigen der internationalen Afghanistan-Hilfstruppe Isaf – drei Sicherheitsspezialisten – zusammen.

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