Papst Benedikt - ein Ketzer?

Kommentar der anderen15. Februar 2013, 18:26
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Durch Josef Ratzingers Pensionsantritt wird die christliche Vorstellung der Identität von Amt und Person unterlaufen und damit eine zentrale Gewissheit des christlichen Glaubens außer Kraft gesetzt

Unglaublich, der Papst tritt zurück. Der von und für Gott gewählte Stellvertreter auf Erden sieht sich überfordert und legt sein Amt zurück. - Kann man so etwas glauben? Und ist das dann die - bekanntlich unfehlbare - Entscheidung eines vielleicht vom Alter körperlich, aber keineswegs geistig geschwächten Papstes? Darf man hier Kritik üben? Oder sollte man nicht vielmehr Benedikts Schritt sowohl aus der Sichtweise der Menschlichkeit, als auch aus der des Vertrauens in den göttlich inspirierten Entschluss des Papstes mit Hochachtung würdigen?

Aus welcher Perspektive man das auch immer betrachten mag, die unmittelbare Reaktion der Weltöffentlichkeit fällt durchwegs positiv aus. Auch die Geistlichkeit reagiert mit Respekt. Einzelne ablehnende Stimmen, wie die eines polnischen Kardinals, der meinte: "Das Kreuz verlässt man nicht", wirken demgegenüber borniert und gestrig. Derart sehen sich auch die fortschrittlichen Kräfte in der Kirche, welche die bisherige Amtsführung Benedikts kritisiert haben, durch dessen (selbstkritisch erscheinenden) Rücktritt zu Anerkennung und Würdigung veranlasst.

Zeichen des Unmuts

In seiner berühmten Studie "Die zwei Körper des Königs" unterscheidet Ernst Kantorowicz zwischen einem unsterblichen symbolischen Körper, dem Amtskörper eines Monarchen, und einem physischen, dessen realen Körper. Diese beiden körperlichen Erscheinungsformen (in einer Person) sind schon im Mittelalter kenntlich, wenn auch dort noch intensiv miteinander verklammert. Wesentlich deutlicher treten sie erst später, etwa in der konstitutionellen Monarchie, auseinander, sodass auch Hegel - ein Verfechter der konstitutionellen Monarchie - betonte, dass an einem Herrscher vor allem dessen Amt zu respektieren sei - und das auch dann, wenn dieses Amt von einem (bloß der Etikette nachkommenden) Dummkopf versehen werde. - Wie sieht es aber mit dem geistlichen Herrscher in der Welt aus? Könnte man auch am Papst zwei Körper, zwei Verkörperungen, unterscheiden, oder muss der Papst als Stellvertreter (des all- einigen) Gottes immer nur als eine körperlich-symbolische Einheit angesehen werden, die damit gerade nicht in einen Amts- und einen Privatmenschen auseinanderfallen kann und darf?

Zweifellos wird jede (und zwar auch die sich selbst als gläubig verstehende) säkulare Weltsicht eine grundlegende Trennung von Amt und Person anerkennen und diese bei allen menschlichen Aktivitäten unterstellen - und das betrifft auch den Pontifex. Der Rücktritt eines betagten Papstes sei demnach nicht nur menschlich verständlich, er zeige darin sogar eine "demütige Haltung" gegenüber der Bedeutung seines Amtes. Es handle sich also um einen "mutigen Schritt".

Derart säkulare Ansichten finden sich bekanntlich auch in der katholischen Kirche selbst, und sie werden jetzt lauter und deutlicher. Derzeit dominieren sie jedenfalls schon die unmittelbare gesellschaftliche Reaktion und die öffentliche Interpretation der eigenmächtigen Selbstenthebung des Papstes aus seinem Amt.

Dennoch regt sich in der Gemeinschaft der Gläubigen ein gewisser (zum Teil auch uneingestandener) Unmut gegenüber der Handlungsweise Benedikts. Die eingangs erwähnte Aussage des polnische Kardinals, die offenbar auf eine gewisse Feigheit dem Leiden gegenüber anspielt, mag dabei auf eine bislang unterschwellige Reaktion aus dem Gros der Gläubigen hindeuten: Was nämlich will der Gläubige in seinem Innersten, warum ist er gläubig? Er möchte umfassend in seinem Glauben aufgehoben sein - in einem Glauben, dem er alles, auch sein Wissen, ein- und unterordnen kann. Mit anderen Worten: Er strebt nach vollkommener Identität von Denken und Sein - nach einer substanziellen Einheit, die er im Wege des Glaubens zu erreichen trachtet. Ein Im-Glauben-Sein ist ihm geradezu essenziell: "Nur wenn du glaubst, kannst du verstehen ..."

Die unbändige Sehnsucht nach einer All-Einheit ist der imaginäre Kern, der große Teile der christlichen Gläubigen bewegt und die bei ihnen auch die kognitive Distanz sich selbst gegenüber erschwert. Diese imaginäre Sehnsucht widerstrebt damit einer differenzierenden (und Differenz akzeptierenden) Selbstbetrachtung und führt, psychoanalytisch gesprochen, zu einem symbiotischen Verschmelzungswunsch mit sich und der Welt im Wege des Glaubens.

Dauerhaftes Problem

Die in allen Bereichen des Lebens Universalität und Einheit versprechende Instanz ist bekanntlich Gott. Und nur durch den Glauben ist man in Gott aufgehoben. Diese Verschmelzung mit Gott und der Welt ist aber auch ein Problem, und zwar nicht nur ein individuelles. Sie ist ein Problem für die gesellschaftliche Öffnung der Individuen und eine differenzierte Bezugnahme der Individuen untereinander. Schließlich wird damit auch jedes säkulare Bestreben, das es erlauben könnte, die weltlichen Sphären (der Distanz) von den religiösen (der Vereinigung) auseinanderzuhalten, zu einem dauerhaften und jeweils nur im Einzelnen zu lösenden Problem. Daher ist auch ein säkularer Glaube (der Differenzen anerkennen möchte) mit der niemals endenden Aufgabe befasst, sich immer wieder von Neuem eine imaginäre Vereinigung mit Gott zu schaffen.

Im Rahmen seiner permanenten Gewissenserforschung konterkariert aber solch ein Glaube jene dauerhafte Gewissheit, wie sie ursprünglich ersehnt wurde. Insofern haben es also die (üblicherweise konservativen) Katholiken erheblich leichter als die Protestanten, ihren Symbiosewünschen (mit Gott, der Welt und sich selbst) nachzukommen. Darüber hinaus verfügen die Katholiken in ihrer hierarchisch strukturierten kirchlichen Ordnung über einen Symbiosevermittler par excellence: den Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden. An ihm kann man sich gleichsam universell orientieren - und das, obwohl er ein Mensch ist. Und natürlich braucht es nicht zu verwundern, wenn dieser Mensch unter solch einem Anspruch mit göttlichen Attributen, wie eben der Unfehlbarkeit, ausgestattet wurde. Es ist dann auch nur folgerichtig, wenn man erwartet, dass so ein Mensch sein eigenes Menschsein überwindet und völlig in seinem Amt aufgeht. Er muss durch sein Permanent-im-Amt-Sein jeder Vorstellung von einem Privatmenschen zuvorkommen.

Mit dem Pensionsantritt von Benedikt wird aber jetzt die für den Papst über Jahrhunderte gehegte Vorstellung einer vollkommenen Identität von Amt und Person unterlaufen, sie wird sogar zerstört. Den imaginären Grundbedürfnissen vieler Gläubigen wird damit - auf eine für sie geradewegs ketzerisch empfundene Art - zuwidergehandelt. Ohne es wirklich zu wissen, werden die Gläubigen einem seelischen Zwiespalt ausgeliefert und damit alleine gelassen. Es steht demnach zu befürchten, dass sich die seit Jahren schwelende Krise der Kirche zu einer Krise des Glaubens schlechthin auswächst und die seit langem gepflegten Gewissheiten des Glaubens bedroht. - Was einem Nietzsche mit seinem pathetisch donnernden "Gott ist tot" nicht gelungen ist, das könnte heute einem Papst mit seinem säkularen Pensionsanspruch auf bürokratische Weise gelingen: Es wird vorstellbar, dass Gott selbst von seinem Schöpferamt zurücktreten könnte ... (Peter Moeschl, DER STANDARD, 16.2.2013)

Peter Moeschl, ehemals Chirurg an der Krankenanstalt Rudolfstiftung, ist Publizist und Kulturtheoretiker in Wien.

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