Aus einem Verschwörernest

15. Februar 2013, 18:24
posten

Als alle Printmedien in den verschiedensten Wendungen mit "Heute" Baba, Papa!" sagten, blieb allein das "Wirtschaftsblatt" standhaft und bot seinen Leserinnen und Lesern: "Immo-Anleger tappen in die Betonfalle".

Unabhängig von ihrer tatsächlichen Bedeutung für den Lauf der Welt haben es Ereignisse, die nur alle paar hundert Jahre stattfinden, leicht, in den Rang von Zeitungsaufmachern erhoben zu werden. Aber es gibt noch Blätter mit Prinzipien. Als alle Printmedien in den verschiedensten Wendungen mit "Heute" Baba, Papa!" sagten, blieb allein das "Wirtschaftsblatt" standhaft und bot seinen Leserinnen und Lesern: "Immo-Anleger tappen in die Betonfalle". Der "Rücktritt in turbulenten Zeiten" war nur eine Fußnote auf Seite 1, und auch auf Seite 11 blieb das Blatt seinem am Mammon orientierten Serviceangebot treu: "Die Amtsniederlegung des Papstes fällt in eine Zeit des internen Aufruhrs - vor allem die Ereignisse rund um die Vatikanbank stellen ein Problem dar". Und: "Der Vatikan ist zurzeit auch von der Finanzkrise belastet, die ihm rote Zahlen beschert hat. In der konsolidierten Bilanz fehlten fast 15 Millionen Euro, geht aus der im vergangenen Juli veröffentlichten Bilanz hervor."

In diesem Lichte wirkte der Titel in den "Salzburger Nachrichten" - "Ein Rücktritt aus heiterem Himmel" - leicht gequält. So "heiter" kann der Himmel nicht gewesen sein, titelte doch die "Wiener Zeitung" "Im Vatikan schlug der Blitz ein", um den Rücktritt symbolhaft aufzupeppen. Dem stellte sich zwei Tage später "Die Presse" mit einer meteorologischen Entwarnung entgegen. "Es gab ein Gewitter, nicht ungewöhnlich für Rom im Winter, einer der Fotografen hatte eigens auf einen Blitz gewartet", und auch die "zwei italienischen Fotografen und die Kameraleute der BBC waren über die beiden Blitze, die wenige Stunden nach dem Papst-Rücktritt in die Kuppel des Doms einschlugen, nicht überrascht."

Dabei beließ es das gelehrte Blatt nicht. "Typisch waren solche " Blitzbotschaften" für den Germanengott (Thor), auch zum alttestamentarischen Gott passen sie. Aber Benedikt XVI. kann mit einem Blitz schleudernden Gott sicher wenig anfangen". Wer weiß?

Die "Blitzbotschaften" haben offenbar an der falschen Stelle eingeschlagen - schon wieder so ein allerhöchstes Versagen -, denn völlig überraschend drangen Nachrichten an die Öffentlichkeit, dass der Vatikan keine Vorstufe zum siebenten Himmel, sondern ein Intrigenstadel allererster Ordnung sei. Nicht nur "News" sprach unter dem Titel "Pfiat Gott! - Baba, Papa!" war ja leider schon vergeben- von einer "Vatikan-Verschwörung". Die Betreiber: "Ein willfähriger Lakai, ein heimtückischer Staatssekretär und ein eiskalter Spion". Der Kreml in seinen besten Zeiten muss dagegen eine Wärmestube gewesen sein. Nicht einmal jene, die im Vatikan ein und aus gehen, dürften davon eine Ahnung gehabt haben, denn exakt wie gewohnt konnte "Heute" vermelden: "11.51 Uhr. Das katholische Kirchenoberhaupt verkündet auf Latein seinen Rücktritt. Nicht eingeweihte Kardinäle schauen verdutzt. 12.30 Uhr. Die Kardinäle stecken ihre Köpfe zusammen, tuscheln über Benedikts Entscheidung." Vermutlich "auf Latein". Lange kann die kardinale Verdutztheit nicht angehalten haben, denn - ohne Angabe der Uhrzeit - "sagt ein Kardinal später zu "Heute": "Der Rücktritt hat uns wie ein Blitz getroffen." Aber alle haben überlebt.

Wenigstens sein Rücktritt hat dem Pontifex vielfach Respekt eingetragen, sonst war allgemeine Erleichterung zu verspüren. Einen "seiner letzten öffentlichen Auftritte" beschrieb "Die Presse" als "Generalaudienz mit Volksfeststimmung", und "Österreich" berichtete: "Fans feiern Papst wie Pop-Star". Mögen seine Leistungen auf Erden umstritten bleiben, das hat er sich verdient. Wolfgang Fellner, renommierter Kirchenkenner resümierte: "Als Manager der Kirche, der ein Papst in modernen Zeiten wohl sein muss, hat Benedikt allerdings völlig versagt". Das sah Theologe Paul Zulehner in den "Salzburger Nachrichten" anders: "Er hatte da ja ein originelles Krisenmanagement, weil er der Meinung war, das Konzil (gemeint: das Zweite Vatikanum) war nicht die Lösung der Krise, sondern der Verursacher."

Ähnlich gemischt die Einschätzung einer "Heute"-Kolumnistin. "Eine Anhängerin des Bald-Ex-Papstes war ich nie, und trotzdem lasse ich mir in der Fastenzeit jeden Tag kostenlos eine Kurzmitteilung mit einem Benedikt-Gedanken aufs Handy schicken. Ich möchte nicht darauf vergessen, dass Fastenzeit ist". (Wo Journalisten "über" etwas überrascht sind, vergessen sie auch gern "auf" etwas.) "Aber einmal im Leben will ich es schaffen, vierzig Tage lang keine Süßigkeiten zu essen. Und Benedikt, der Zurückgetretene, wird mir dabei helfen". Da bahnt sich eine Heiligsprechung an. (Günter Traxler, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

Share if you care.