Das Essen mit dem Pferdefuß

    Kommentar15. Februar 2013, 18:23
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    Auch Skandale ändern nichts an dem System, wie wir uns versorgen

    Die gute Nachricht zuerst: Seit bekannt geworden ist, dass in Fertiggerichten Pferdefleisch gefunden wurde, obwohl eigentlich Rindfleisch drinnen sein sollte, haben die Pferdefleischhauer Umsatzzuwächse zu verzeichnen. Offenbar haben die Skandalnachrichten einigen Feinschmeckern in Erinnerung gerufen, wie schmackhaft Fohlen- und Pferdefleisch bei richtiger Zubereitung sein kann.

    Die schlechte Nachricht: Es gibt immer mehr Belege für falschen Einsatz von Pferdefleisch - in Rezepten, in denen es nichts verloren hat, in Speisen, die in krimineller Weise falsch deklariert sind. Am Freitag wurden solche Produkte auch in österreichischen Supermarktregalen entdeckt und eiligst entfernt. Nicht, weil sie gefährlich wären, sondern weil Konsumenten ein Recht darauf haben, das auf den Teller zu bekommen, was sie bestellt haben.

    Und nichts anderes: Ein frommer Muslim muss die Gewissheit haben, dass in seinen Speisen kein Alkohol versteckt ist. Wer auf Nüsse allergisch ist, muss sicher sein können, dass eben keine Nüsse in seinem Kuchen sind. Und wer Abneigung gegen Pferdefleisch hat, soll es auch nicht ungewollt als Fülle von Tortelloni zu sich nehmen müssen.

    Um das zu gewährleisten, ist ein hoch kompliziertes Deklarationssystem eingeführt worden - das Kleingedruckte auf den Lebensmittelverpackungen ist längst eine Selbstverständlichkeit geworden. Dabei ist aus dem Blickfeld geraten, dass dieses System einen schwachen Ersatz für das Vertrauen darstellt, das Generationen vor uns den Lebensmittelhändlern, den Lebensmittelherstellern und den Bauern entgegengebracht haben.

    Vertrauen ist gut - aber Kontrolle ist besser. Auf Massenmärkten, zu denen die Lebensmittelmärkte geworden sind, ist sie unverzichtbar. Die strengen Vorschriften, die da kontrolliert werden, können kleine Produzenten kaum einhalten - und preislich mithalten können sie erst recht nicht.

    Das ist ja das Elend mit dem Essen: Konsumenten (und erst recht Konsumentenschützer) erwarten, dass man um immer weniger Geld mit hygienisch unbedenklichen und in jeder Hinsicht standardisierten Lebensmitteln gesättigt wird. Dabei sollen diese wohlschmeckend und womöglich in freier Natur produziert sein.

    Man weiß ja, dass das nicht wirklich unter einen Hut zu bringen ist - aber das wird routiniert verdrängt: Vor Massentierhaltung verschließen die Konsumenten ebenso die Augen wie vor dem flächendeckenden Einsatz von Tierarznei oder dem systematischen Transport von Fleisch und Gemüse, Getreide und Obst um die halbe Welt, bevor die Sachen dann oft als Instantprodukt erst in der Mikrowelle und dann in unserem Magen landen.

    Dass dieses System gewissenlose Manager dazu einlädt, bei der einen oder anderen Zutat zu schummeln, weiß man nicht erst seit dem jüngsten Skandal. Und die Reaktion darauf lautet wie bei allen anderen Skandalen davor: mehr Kontrolle (diesmal allerdings mit Gentests, um den Pferdefuß auch ganz sicher zu finden), und ansonsten weitermachen wie bisher.

    Am System unserer Versorgung mit billigem Essen soll sich dabei möglichst wenig ändern: Es ist ja effizient und hat darüber hinaus den Vorteil, dass es trotz allem eine relativ hohe Sicherheit gegen durch Lebensmittel übertragene Vergiftungen aufweist. Appetitlich ist es dennoch nicht. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

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