Der Charme ewiger Melodie

15. Februar 2013, 17:56
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Bertrand de Billy mit den Wiener Symphonikern

Wien - Sie stehen oft in einem gefährlichen Nahverhältnis zueinander: die schwärmerisch veranlagte, doch gehaltvolle Gefühlsdarstellerin Romantik und ihr Stiefbruder, der zuckerkranke Hohlkopf und Poseur Kitsch. Bei einem Konzert der Wiener Symphoniker konnte man anhand dreier Werke von Liszt, Korngold und Saint-Saëns Studien zum Wechselverhältnis der beiden ungleichen Verwandten anstellen.

Reichlich Schmachten bei Liszts symphonischer Dichtung Orpheus: eine schmachtende Solovioline, eine schmachtende Oboe, umgarnt von silberzartem Pling-Pling zweier Harfen. Dirigent Bertrand de Billy lädt die sich in idyllischen Gefilden ereignenden emotionalen Geschäftsgänge mit drängender Energie auf und führt sie einer beeindruckenden Hausse zu. Romantik und Kitsch in inniger Umarmung.

Dann Korngold. Ungeniert hat das frühe Genie in seinen späten, in den 1950er-Jahren noch schnell Themen aus vier Hollywood-Filmmusiken zu einem Violinkonzert zusammengeleimt. Und was für ein Bastler das Kind dieser Stadt doch war! Wäre man bekennender Enthusiast, man würde ihn als Melodiker Puccini und als Harmoniker Strauss gleichstellen.

Die Stradivari Arabella Steinbachers hat einen feinen Ton, die Deutsche lädt ihn mit konzentrierter Energie auf: Wie ein gebündelter Lichtstrahl schwebt er über den Dingen. Man hätte nach dem ersten Satz applaudieren wollen, nach dem zweiten weinen. Romantisch? Kitschig? Einfach schön. Nach der Pause die Orgelsymphonie von Camille Saint- Saëns. Etwas verwackelt die Sechzehntel der Streicher - mehr ein Stottern als ein Thema.

Die Innigkeit des Des-Dur-Satzes weiß Musiktheaterfachmann de Billy zu großer Oper zu steigern, Saint-Saëns spinnt eine ewige Melodie. Die Erinnerung daran macht leider der letzte Abschnitt des Werks zunichte: pseudosakraler Theaterdonner der plattesten Art. Ein klarer Finalsieg des Kitsches also? In Erinnerung wird die Romantik bleiben.   (Stefan Ender, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

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