"Die Liebe wird über den Krieg siegen"

Interview15. Februar 2013, 18:12
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Klimts "Kuss" auf einer zerbombten syrischen Hauswand: Diese Fotomontage von Tammam Azzam verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Internet und auf Facebook

Der syrische Künstler über seine Kunst und seine Heimat.

STANDARD: "Freedom Graffiti" heißt die Projektion von Klimts "Kuss" auf eine zerbombte Wand in Syrien: ein ziemlich heftiger und schockierender Kontrast. Wie kam es zu dieser Arbeit?

Azzam:  Es ist Teil meiner Serie "Das syrische Museum", wo ich ein zerstörtes Haus, ein zerbombtes Viertel meiner Heimat mit einem weltberühmten Bild verbinde. Verzweifelt über das nicht endende Gemetzel in meinem Land, erinnerte ich mich an Goyas Bild aus dem spanischen Bürgerkrieg: Es beklagt eine einzige Episode an einem einzigen Tag, dem 3. Mai 1808, doch es hat die Welt empört und bewegt. In Syrien sterben jeden Tag hunderte Menschen - oft nur, weil sie sich um Brot anstellen. Ich würde mir von der Welt ein bisschen mehr Empörung wünschen.

STANDARD:  Nach welchen Kriterien wählten Sie die Bilder?

Azzam:  Munchs "Schrei" muss ich vermutlich nicht erläutern. Van Goghs "Die Sternennacht" wählte ich, weil dieser Künstler wie kein anderer die Traurigkeit des Lebens verstand und spürte. Von Warhol nahm ich die Elvis-Serie: Zuerst steht ein Elvis da mit einem Gewehr, dann spaltet er sich in einen doppelten und dreifachen Elvis, alle zielen mit ihren Pistolen auf den Betrachter. So ist es in Syrien: Die Gewehre vervielfältigen sich. Und alle sind bewaffnet.

STANDARD:  Und Klimt?

Azzam: Eigentlich hatte ich ja erwartet, Goya würde die meiste Aufmerksamkeit erregen. Aber Klimt verbreitet sich via Facebook und Internet wie ein Lauffeuer, ich bekomme unzählige E-Mails und Briefe. Der auch von Ihnen schon angesprochene Kontrast spricht die Menschen an. Sie verstehen es als Botschaft der Hoffnung: Die Liebe wird über den Krieg siegen, Schönheit ist stärker als Vernichtung. In Syrien herrscht tiefe Verzweiflung; jeder Hoffnungsschimmer wird dringend gebraucht.

STANDARD:  Sind die gewählten Hintergründe Orte mit einer persönlichen Bedeutung?

Azzam:  Nein, die Serie ist eine Zusammenarbeit mit meinem besten Freund. Er lebt in Damaskus und schickt mir Fotos aus seinem Umfeld. Seinen Namen kann ich jetzt noch nicht nennen, er wäre in Gefahr.

STANDARD:  Womit haben Sie sich davor beschäftigt?

Azzam:  Mit der Serie "Wäsche" wollte ich die vielen Aspekte des Verlusts zum Ausdruck bringen, die ein Krieg mit sich bringt. Statt normaler Kleidung hat man Lumpen. Oder man muss so schnell fliehen, dass die Wäsche auf der Leine hängen bleibt. Alles ist zerrissen, sogar die Erinnerungen. Wobei ich eigentlich immer vollkommen unpolitisch war. Meine Arbeiten hatten früher nichts mit solchen Themen zu tun.

STANDARD:  Jetzt gelten Sie als eine wichtige Stimme des Widerstands. Sehen Sie sich als Teil der syrischen Künstler-Diaspora?

Azzam:  Wir sind überall verstreut, viele leben in Beirut, einige in Paris, etliche sind wie ich in Dubai. Meine sechsjährige Tochter wurde heuer eingeschult und fühlt sich wohl. Meine Frau hat als Dolmetscherin Arbeit gefunden. Ich kann ein Studio mitbenutzen, es ist okay. Ich bekomme viele Einladungen zu Ausstellungen in Europa, erhalte dann aber kein Visum von den jeweiligen Botschaften, das ist schade und manchmal auch kränkend. Ich wäre in Syrien geblieben, doch dann bekam ich den Einrückungsbefehl. 2010 hatte ich meinen Militärdienst geleistet, zwei Jahre sind in Syrien Pflicht für alle männlichen Bürger. Ich hatte ihn abgedient, aber dann, angesichts des Aufstands, wurde mein Jahrgang erneut einberufen. Für Assad und gegen mein Volk zu kämpfen, das kam für mich nicht in Frage.

STANDARD:  Wie haben Sie den Militärdienst erlebt?

Azzam:  Es waren zwei schreckliche Jahre. Ich spreche nicht gern darüber. Unter den Kameraden habe ich gute Freundschaften geschlossen, aber die Situation an sich war unerträglich. Wir wurden nur indoktriniert, belehrt und angeschrien. Das syrische Militär bedarf dringend einer Reform. Um den zugeteilten Freigang auch nutzen zu dürfen, muss man zuerst einen Offizier bestechen. Zehn Dollar ist der gängige Preis. Die schlechte Behandlung der Soldaten ist sicherlich mit ein Grund, warum so viele zur Freien Syrischen Armee überlaufen.

STANDARD:  Sie wünschen sich ein Einschreiten der internationalen Gemeinschaft. Aber ein Problem ist, dass niemand so richtig durchblickt: Wer sind die Aufständischen, und wofür stehen sie?

Azzam:  Ja, das sind legitime Fragen. Ich glaube auch nicht, dass alles von heute auf morgen wunderbar wird, wenn die Reformer siegen. Aber Syrien wird wieder zu sich finden. Nur - je länger es dauert, desto schwieriger wird es. Es sind jetzt schon mehr als zwei Jahre, und keiner hilft. Man verliert die Hoffnung, klammert sich an Gott, rechnet mit dem Tod.

STANDARD:  Mit Ihrer aktuellsten Serie - "Orte der Syrischen Revolution" - dokumentieren Sie in Vorher-nachher-Bildern die Kriegsfolgen, z. B. die Zerstörung historischer Relikte in Palmyra.

Azzam: Das Ausmaß der Zerstörung ist beispiellos, und diese wird noch dazu nicht durch einen fremden Feind, sondern durch ein regierendes Staatsoberhaupt an seinem eigenen Land vollbracht. Ich kann es mir nur so erklären, dass Assad einerseits nicht mehr mit seinem eigenen Überleben rechnet und daher gewillt ist, das ganze Land in den Ruin mitzunehmen, und dass er zugleich von einer enormen Wut beflügelt ist. Er sieht Syrien als seinen feudalen Privatbesitz und kann nicht verstehen, dass die Leibeigenen es wagen, gegen ihn aufzustehen. Aber ich baue auf die Zukunft. Ich weiß, ich werde heimkehren nach Syrien, und dann werde ich den "Kuss", wie er heute nur virtuell existiert, in echt auf diese Mauer malen.    (Cheryl Benard, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

Tammam Azzam, 1980 in Damaskus geboren, emigrierte 2011 mit seiner Frau und seiner Tochter nach Dubai. Mit seiner digitalen Kunst thematisiert er die politischen und sozialen Auswirkungen des Bürgerkriegs in seiner syrischen Heimat.

  • "Schönheit ist stärker als Vernichtung": Für sein "Freedom Graffiti" projiziert der syrische Künstler Tammam Azzam via Fotoshop Klimts "Kuss" als Sinnbild universeller Liebe auf eine zerbombte Wand.
    foto: mit freundlicher genehmigung des künstlers und der ayyam gallery, dubai

    "Schönheit ist stärker als Vernichtung": Für sein "Freedom Graffiti" projiziert der syrische Künstler Tammam Azzam via Fotoshop Klimts "Kuss" als Sinnbild universeller Liebe auf eine zerbombte Wand.

  • Tammam Azzam: wichtige Stimme des Widerstands.
    foto: benard

    Tammam Azzam: wichtige Stimme des Widerstands.

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