Mit sanfter Melancholie ans Festivalende

15. Februar 2013, 17:14
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Bei der Bären-Vergabe am Samstag wird sich zeigen, ob Festivallieblinge wie "Gloria" auch der Jury gefielen. Im Wettbewerb bestach zuletzt Hong Sang-soo mit einer melancholischen Heldin

Das Trio ist komplett: Mit Catherine Deneuve reiste nach Isabelle Huppert und Juliette Binoche nun auch noch ein dritter großer französischer Filmstar zum Ende der Berlinale an. Emmanuelle Bercot hat ihr die Komödie Elle s'en va (On My Way) dem Vernehmen nach auf den Leib geschrieben - es ist nach Sebastián Lelios Gloria schon der zweite Wettbewerbsfilm um eine rund 60-jährige Frau, die man bei der Selbstbeschau in einer kritischen Phase des Lebens begleitet.

Gloria ist nach wie vor jener Film, der bei der Kritik die einhelligste Zustimmung findet. Ob dieses flüssig inszenierte Feel-Good-Movie tatsächlich als Berlinale-Sieger satisfaktionsfähig ist, wird man Samstagabend bei der Preisvergabe erfahren - meist werden da stilistisch auffälligere, gewichtigere Filme bevorzugt.

Jafar Panahis beklemmender Film über seine Situation im Iran, Closed Curtain (Pardé), wurde zwar gemischt aufgenommenen, wird aber wohl allein schon aufgrund seines außergewöhnlichen Status bei der Jury eine Rolle spielen. Chancen werden auch dem kasachischen Debüt Harmony Lessons und Bruno Dumonts Camille Claudel 1915 zugerechnet, welcher das Martyrium der französischen Bildhauerin in einer psychiatrischen Klinik nachstellt - Juliette Binoche agiert hier inmitten von Laiendarstellern mit expressivem Mienenspiel.

Nobody's Daughter Haewon von Hong Sang-soo gehört dagegen zu jenen paar verhaltenen Filmen im Wettbewerb, die durch ihre Kunst der Nuancierung bestachen. Betonten die letzten Arbeiten des Koreaners seine komödiantische Seite, so kleidet sich diese nun in sanfte Melancholie - über allem liegt ein schwer bestimmbares Gefühl von Endlichkeit.

Die Studentin Haewon (Jung Eunchae) steckt mit ihrem Professor (Lee Sunkyun) in einer Affäre ohne rechte Zukunft fest. Vor den Kommilitonen flüchten sie sich in kleine Lügen, aber auch zueinander sind sie nicht immer aufrichtig. Haewon ist eine Träumerin, und in der Traumlogik der Heldin bewegt sich auch dieser zärtliche, von schmerzhaften Intensitäten durchwirkte Film. Ihre widersprüchlichen Wünsche übersetzt Hong mit charakteristisch lapidarer Bildsprache in Szenen, die von einem Moment der Freude beinah umstandslos in feurige Gefühlsausbrüche übergehen können.

Über eine französische Offbeat-Diva verfügte er auch: Haewon trifft auf der Straße einmal auf Jane Birkin, schwärmt dann aber nur von deren Tochter Charlotte Gainsbourg.   (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

Preisverleihung am Samstag live auf 3sat um 18.55

  • Träumerin mit widersprüchlichen Wünschen: Eunchae Jung in "Nobody's Daughter Haewon".
    foto: jeonwonsa

    Träumerin mit widersprüchlichen Wünschen: Eunchae Jung in "Nobody's Daughter Haewon".

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