Eurozone muss sich weiter anpassen

15. Februar 2013, 17:00
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Während Irland vorangeschritten sei, Spaniens Produktivität sich verbessert, geht es in Portugal und Griechenland langsam

Wien - Die Anpassungsprozesse in Europa sind noch lange nicht zu Ende. Davor warnt eine Gruppe von Ökonomen in einer Studie zu den Ungleichgewichten in der Eurozone, die dem Standard exklusiv vorliegt. Während die wirtschaftlichen Anpassungen in Irland schon fortgeschritten seien und auch Spanien sich bei der Produktivität verbessert, liefen die Prozesse in Portugal und Griechenland "langsam" ab.

Die Analyse wurde vom unabhängigen europäischen Sachverständigenrat EEAG erstellt, dem sechs renommierte Ökonomen angehören, darunter Jan-Egbert Sturm von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich und Hans-Werner Sinn vom deutschen Ifo-Institut. Der Bericht wird Ende Februar vorgestellt.

Ungleichgewichte in der Eurozone

Die Forscher haben sich die makroökonomischen Ungleichgewichte in der Eurozone angesehen (siehe Grafik). Um die massive Schieflage im europäischen Außenhandel umzukehren, müssen die verschuldeten Euroländer ihre interne Abwertung fortsetzen und noch verstärken. Denn seit dem ersten Quartal 2008 ist nur in zwei Ländern (Spanien und Irland) die Inflation niedriger gewesen als in Deutschland. In Portugal und Italien hingegen haben sich die Güter relativ verteuert, und die Unternehmen sind damit preislich weniger wettbewerbsfähig als in Deutschland.

Doch für eine Neuausrichtung der Wirtschaft in der Eurozone fehlt für Giuseppe Bertola, Wirtschaftsprofessor an der renommierten EDHEC Business School und einer der Studienautoren, noch eine wesentliche Zutat: "Die Länder um Deutschland müssen verstehen, dass die südlichen Länder nur dann Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, wenn sie selbst Wettbewerbsfähigkeit verlieren." Das könnte etwa höhere Lohnzuwächse und damit Inflation oder großzügigere Staatsausgaben bedeuten.

Auch in einer aktuellen Untersuchung der OECD kommen Ökonomen zu dem Ergebnis, dass es mit dem Reformeifer gerade bei den Gläubigerländern wie Deutschland hapert. Konkret setzen diese Länder nicht einmal halb so viele Reformen um, die ihnen von der OECD vorgeschlagen werden, als die Schuldnerländer.

Die falsche Anpassung

"Höhere Löhne und höhere Inflation in Nordeuropa würde bei der Anpassung helfen", sagt Bertola. Das würde bedeuten, dass die Inflationsrate in Deutschland oder Österreich in den kommenden Jahren etwas höher als zwei Prozent sein müsste, um die Anpassung in Ländern wie Portugal oder Griechenland zu erleichtern.

Denn lediglich in Irland und Spanien ist die Preis- und Produktivitätslücke zu Deutschland bisher relativ zügig geschlossen worden. Laut Berechnungen der EEAG legen diese beiden Länder bei der preislichen Wettbewerbsfähigkeit und der Produktivität, also der Wirtschaftsleistung pro Arbeitnehmer, knapp doppelt so schnell zu wie etwa Portugal.

Die Studienautoren der EEAG kommen zu dem Schluss, dass die Anpassung "nicht das ist, was die Eurozone für eine Stabilisierung braucht". Zwar werden die Außenhandelsungleichgewichte langsam geschlossen (siehe Grafik), allerdings vor allem durch eine Depression in Südeuropa, heißt es in der EEAG-Studie: "Die Krise hat die Einkommen gesenkt und Massenarbeitslosigkeit nach sich gezogen. Die Importe sind mit den Einkommen gefallen."

Das würde auch viele Strukturreformen zunichte machen, warnt der Italiener Bertola. "Es ist eine gefährliche Situation. Das mangelnde Vertrauen in die Wirtschaft der Peripherieländer reduziert ihre Möglichkeit, sich anzupassen." Denn im aktuellen Umfeld seien wichtige Reformen, etwa am Arbeitsmarkt, politisch schwieriger durchzusetzen. (sulu, DER STANDARD; 16.2.2013)

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