Die schwebende Wahrheit

15. Februar 2013, 18:36
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Kunstvoll graziles wahres Lügen: Über "Die kleinen Widrigkeiten des Lebens", die Kurzgeschichten der amerikanischen Autorin Grace Paley

Drei Bücher mit 45 Kurzgeschichten. Ein Band Gedichte, 192 Seiten stark. Ein Band Gespräche und Interviews. Und ein Buch, in dem Essays und Kritiken gebündelt sind. Das ist nicht viel für 60 Jahre Schreiben. Das war Grace Paley, 1922 in der Bronx geboren - ihre jüdischen, sozialistisch gesinnten Eltern waren 17 Jahre zuvor aus Russland nach New York ausgewandert -, auch bewusst.

Sie schob es ironisch kokett auf ihre Faulheit, auf Familienleben und ihr politisches Engagement als Pazifistin und Vietnamkriegsgegnerin. Doch so überschaubar ihr Gesamtwerk ist, so schwer wiegt es in der amerikanischen Literatur seit 1945.

Es ist ein Glücksfall, dass der Schöffling-Verlag, nachdem er vor kurzem die ins Chiaroscuro des Vergessens abgerutschte Jane Bowles neu herausbrachte, nun dasselbe, lohnenswerter, weil neu übersetzt, mit Grace Paley unternimmt, die 2007 verstarb und eine der eminentesten Short-Story-Autorinnen englischer Sprache des 20. Jahrhunderts ist. Nun kamen die ersten Ausgaben der Bücher Grace Paleys mit verwunderlicher Verspätung hierzulande an.

Ihre drei Erzählbände erschienen erst in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag. Die kleinen Störungen des Lebens, im Original erstmals 1959 publiziert, war damals der vorliegende Short-Story-Band betitelt. Erst nach dem Abklingen postmodernen Posierens war man augenscheinlich aufgeschlossen und neugierig genug auf Paleys Geschichten vom Alltag. Von Frauen, die eine eigene Stimme haben. Deren genau abgelauschte Stimmlagen "erfunden" und die mit vibrierender Wärme und Sympathie für das Kleine wiedergegeben sind.

Aus diesen Stimmen und schwebendem Wahr-Sprechen entwickelt sich eine jede Geschichte, und nicht umgekehrt aus der Konstruktion die Charaktere. Wo sie Letzteres versucht, beispielsweise in "Zwei kurze, traurige Geschichten aus einem langen und glücklichen Leben", missrät es ihr zuweilen.

Oft genug versanden ihre zwischen zwölf bis 30 Seiten langen Miniaturen in Melancholie und Einsamkeit, kreisen um das Verlassenwerden von unzuverlässigen Männern und um Sehnsucht, im starken Auftakt "Auf Wiedersehen und viel Glück" etwa. Paleys Frauen sind, ungewöhnlich genug für die Fünfzigerjahre, stark, sexuell aktiv, fragil autonom, gewillt durchzuhalten, sich selbst nie verratend. Dieser Miniaturistin ist jegliches Denunzieren fremd.

Die Übersetzung Sigrid Ruschmeiers liest sich bis auf zwei, drei winzige neumodische Aktualisierungen exzellent. Dass der Verlag zudem ein Interview mitaufnahm, eine Lebenschronik und ein Glossar, ist gar nicht genug zu loben. Zeiten, in denen man jedes Jahr von neuem hofft, dass die Kanadierin und Kurzgeschichtenmeisterin Alice Munro den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommt, sind gute, wenn nicht gar exzellente Zeiten, Grace Paley wieder oder erstmals zu lesen.  (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 16./17.2.2013)  

Grace Paley, "Die kleinen Widrigkeiten des Lebens. Storys." Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. € 20,60 / 256 Seiten. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2013

  • "Die kleinen Widrigkeiten des Lebens".
    foto: schöffling-verlag

    "Die kleinen Widrigkeiten des Lebens".

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