Die Welt kommt nicht zur Ruhe

15. Februar 2013, 18:35
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Noch bis Sonntag läuft in Madrid die Arco. Bereits nach zwei Tagen war der Handel hochzufrieden

Secundino Hernández, geboren 1975 in Madrid, war natürlich der Lokalmatador der Arco. Und keiner, der auf ihn gesetzt hatte, wurde enttäuscht: Bereits am Mittwoch, dem ersten Preview-Tag der Kunstmesse, waren sämtliche Gemälde an die Sammler gebracht. Thomas Krinzinger verkaufte die wohl größte verfügbare Arbeit (310x250 cm) um 37.000 Euro, Bärbel Grässlin war schlagartig alle vier verfügbaren Bilder los, und Nuno Centeno aus Porto meinte, dass er seinen Hernández 20 Mal hätte verkaufen können.

Ähnlich rasant schlugen die Sammler bei Forsblom aus Helsinki und Mendes Wood aus São Paulo zu. Hernández zitiert in seiner abstrakten Malerei Antoni Tàpies, Cy Twombly und auch Joan Miró, aber sein leichter Stil ist dennoch unverkennbar. Mendes Wood verkaufte in Windeseile aber auch alle mitgebrachten "Konstellationen" von Adriano Costa. Der junge Brasilianer gilt mit seinen Arte-povera-ähnlichen Skulpturen als Geheimtipp - nicht mehr lange.

Costa wie Hernández stehen programmatisch für die Arco: Die Messe gibt einen umfassenden Überblick über die Kunst aus Spanien wie Lateinamerika; diesem Konzept ordnen sich viele Galeristen unter: Ernst Hilger z. B. stellte Simón Vega, den Vertreter El Salvadors bei der diesjährigen Biennale von Venedig, vor. Dessen Überwachungskamera-Luster aus Karton (15.000 Euro) ist ein trefflicher Kommentar - wie auch die Installation von Glenda León aus Kuba: Aus der Eieruhr ist ein monströser Berg an Sand ausgelaufen; die Zeit ist definitiv um.

Zudem ist die Arco strikt zeitgenössisch ausgerichtet, eine nahezu modernefreie, selbst Pop-Art-freie Messe der Kunst des 21. Jahrhunderts. Der Stand von Edward Tyler Nahem bildete eine Ausnahme: Mit Pablo Picassos Ölgemälde Le peintre et son modèle von 1963 bot der New Yorker Händler das mit Abstand teuerste Kunstwerk an (um vier Mio. Euro).

Etwas aus dem Rahmen fiel auch Miryam Charim, die sich mit Christine König einen Stand teilte: Sie bot Doku-Material zu Valie Exports Tapp- und Tastkino von 1968/69 um respektable 200.000 Euro an. Gemeinsam bestückten die Galeristinnen eine Wand mit Foto-Juwelen von Lisl Ponger bis Jürgen Teller. Und damit fügten sie sich gut ein: Fotografie ist auf der Arco ziemlich dominant. Die deutschen Großmeister fehlten, Thomas Struth gab es nur als Zitat, aber Großformate hingen allerorts - u. a. von Mabel Palacin, Caio Reisewitz und Rubens Mano.

Auch Österreichs Großmeister fehlten: Kein West, kein Wurm, kein Rainer stach ins Auge. Hubert Scheibl dominierte mit vier Gemälden (bis zu 75. 000 Euro) den Stand von Torbandena aus Triest. Und die Galería Juana de Aizpuru, quasi die Hausherrin der Arco, zeigte drei typische Schriftbild-Arbeiten von Heimo Zobernig; schließlich ist bis April im Palacio de Velázquez eine Retrospektive des Kärntners zu sehen. Die beiden größeren, zwei Meter im Quadrat, kosteten je 60.000 Euro, die kleinere war gleich weg. Generell konstatierten die Galeristen erfreuliche Umsätze. Krinzinger verkaufte u. a. ein Triptychon von Jonathan Meese (um 77.000 Euro), Georg Kargl Arbeiten von Gabi Trinkaus und Ines Lombardi, Rosmarie Schwarzwälder einen prächtigen Adrian Schiess (250x 340 cm) um 56.000 Euro.

Der diesjährige Schwerpunkt, die Türkei, fand relativ wenig Beachtung. Das lag zum Teil daran, dass neun der zehn Galerien (alle aus Istanbul) kleine, an die Wand gedrängte Stände hatten. Aber auch die eher harmlose, dekorative Kunst vermochte nicht zu überzeugen. X-ist stach mit kritischer Konzeptkunst von Canan heraus.

Auf großes Interesse hingegen stieß die Sektion Opening mit Galerien, die maximal sieben Jahre im Geschäft sind. PSM aus Berlin präsentierte den Argentinier Eduardo Basualdo, Jahrgang 1977, der mit seinen kinetischen Objekten (5000 bis 6000 Euro) unheimliche Stimmungen zu erzeugen vermag. In einem Müllsack strampelt etwas - ein Baby etwa? In einem Glas schwappt Wasser beängstigend, und eine Kugel dreht sich unaufhörlich im Roulettekessel. Diese Arbeiten stehen in enger Verbindung zu jenen von Fayçal Baghriche bei Camagne Première aus Berlin: Der Algerier lässt die Welt nicht zur Ruhe kommen, der Globus dreht sich im Wahnsinnstempo (10.000 Euro); der Rettungsschirm ist eine Rettungsdecke - aus Gold (24.000 Euro).

Als Gegensatz dazu bot Jesús "Bubu" Negrón aus Puerto Rico als Konzept die billigste Kunst an: Die Koje von Roberto Paradise war gepflastert mit kleinen Zeichnungen, das Stück kostete 200 Euro.   (Thomas Trenkler, Album, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

  • Pointierter Kommentar von Fayçal Baghriche: Die Welt dreht sich im Wahnsinnstempo, die Rettungsdecke ist massiv - und vergoldet.
    foto: trenkler

    Pointierter Kommentar von Fayçal Baghriche: Die Welt dreht sich im Wahnsinnstempo, die Rettungsdecke ist massiv - und vergoldet.

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