"Keine einzige heitere Erinnerung"

15. Februar 2013, 18:36
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Erstaunliche Ergebnisse: Momme Brodersen hat die Geschichte der Schulklasse von Walter Benjamin erforscht

Der Titel dieser "Spurensuche" müsste mit einem Fragezeichen enden. Denn ob jenes Klassenfoto auf dem Buchumschlag mit dem Abiturjahrgang 1912 der Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Schule tatsächlich auch Walter Benjamin zeigt, ist gar nicht sicher. Schon der Exkommilitone Friedrich Strauss und der Judaist Gershom Scholem konnten sich Anfang der Siebzigerjahre in Israel nicht einigen, wer von den Abgebildeten ihr 1940 von den Nazis in den Freitod gehetzter Freund war.

Der Literaturwissenschafter Momme Brodersen hält es für möglich, dass der spätere Kritiker und Philosoph am Tag der Aufnahme fehlte: Schließlich absolvierten 22 Schüler das Abitur, auf dem Foto sind aber nur zwanzig junge Männer zu sehen. Wer diese Abiturienten sind, woher sie kamen, was aus ihnen wurde: Das alles gibt die Aufnahme nicht preis - ein Beispiel für Benjamins These, dass Fotografien eine "Beschriftung" benötigen.

Um eine solche zu liefern, rekonstruiert Brodersen, der schon eine Benjamin-Monografie vorgelegt hat, historische Hintergründe und Schicksale von Benjamins Klassenkameraden. Mit erstaunlichem Ergebnis: Brodersens akribische Suche in den Archiven ermöglicht es, deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis zur Zeit nach 1945 aus der Mikroperspektive der Abiturientenklasse nachzuerleben. "Keine einzige heitere Erinnerung" wollte Walter Benjamin später an seine Zeit an der Charlottenburger Schule bewahrt haben. Dabei war das Lehrpersonal der Kaiser-Friedrich-Schule hervorragend qualifiziert und in Grenzen engagiert gewesen, so Brodersen. In ihr wurden die Söhne der wilhelminischen Mittel- und Oberschicht unterrichtet, die etwa zu einem Drittel jüdischen Familien entstammten. Nur die Söhne, denn dass man mit Koedukation Verzärtelung riskiere, die sich das Vaterland nicht leisten konnte, war damals Konsens. Vermittelt werden sollten Werte wie Zucht, Ordnung und "echte Vaterlandsliebe".

Im August 1914 meldeten sich fast alle Exabiturienten freiwillig, auch Benjamin, den aber seine Kurzsichtigkeit vor der Front bewahrte, ehe er 1917 in die Schweiz floh. Drei seiner Klassenkameraden wählten, um dem Dienst an der Waffe zu entgehen, den Sanitätsdienst, einer von ihnen nahm sich 1915 sogar das Leben. Und nur einer meldete sich bei Kriegsausbruch gar nicht. Von den Kriegsteilnehmern verloren fünf im Krieg ihr Leben, weitere fünf wurden verwundet.

Nach dem Krieg nahmen alle, die überlebt hatten, ihr unterbrochenes Studium wieder auf. Soweit es sich den Biografien entnehmen lässt, fremdelten fast alle mit der Weimarer Republik; es war eine unpolitische Generation, so Brodersen, die "mit 'Demokratie' und 'republikanischer Verfassung' wenig anzufangen wusste". Vor allem zwei Namen fallen dabei auf: der des Pastors Lothar Nerger und der des Anwalts Werner Fraustädter. Während Nerger sämtliche Mythen der Rechten wiederkäute und am Ende bei den Nazis landete, wurde der hochdekorierte Frontkämpfer (und Jude) Fraustädter nach 1918 ein engagierter Pazifist und Republikaner.

Nach 1933 drifteten die Schicksale der Abiturienten von 1912 endgültig auseinander. "Arische" Exkommilitonen wie Nerger profitierten mehr oder weniger vom Dritten Reich, die jüdischen wurden ausgegrenzt und gingen nach und nach ins Exil: als erster Benjamin, später weitere acht seiner ehemaligen Mitschüler. Die Schicksale von Wolfgang Brandt, Erich Katz und Richard Salomon, die dem Holocaust zum Opfer fielen, erzählt Brodersen besonders ausführlich und erinnert zum Schluss an die " Karriere" eines Mitschülers, der zwei Jahre vor Benjamin an der Kaiser-Friedrich-Schule die Reifeprüfung abgelegt hatte: Bruno Tesch wurde ein gefragter Chemiker, zuerst als Assistent Fritz Habers, des Kopfes der deutschen Giftgasforschung nach 1914, später als Mitgründer der Firma Tesch und Stabenow, die Auschwitz mit Zyklon B belieferte.  (Oliver Pfohlmann, Album, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

Momme Brodersen, "Klassenbild mit Walter Benjamin. Eine Spurensuche". € 20,- / 240 Seiten. Siedler, München 2012

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    foto: siedler
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