Wenn die Wellen wogen am Balaton

15. Februar 2013, 18:36
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Seit einem knappen halben Jahr verwöhnt der Wiener Nischen-Verlag deutsche Ohren mit einem magyarischen Zungenschlag

Vieles von dem, was man über Ungarn gerne genauer wüsste und sich nur kopfschüttelnd erklären oder achselzuckend zur Kenntnis nehmen kann, muss man sich von den Dichtern zusammenreimen lassen. Nur sie haben bei all der notwendigen Ausdruckspräzision auch die verbale Breite, in der allein selbst der sinnfälligste Unsinn eine gewisse, wenn schon nicht Logik, so doch Erbauung beinhaltet.

Das Problem, das Europa damit hat, ist klarerweise die Sprache, weshalb die Ungarn in den Zeiten der Klarsicht stets das Übersetzerwesen beförderten, um sich selber hinauszutragen in die Welt.

Solche Zeiten sind zurzeit nicht. Die ungarische Sprache neigt aktuell zu bemerkenswerten Verschwurbelungen und - man google bloß einmal den Namen Zsolt Bayer - zu Herrenwitzigkeiten der eher strengeren Observanz. So was trägt man verständlicherweise nicht gerne über die Sprachraumgrenze. Mag sein, dass das mit ein Grund für die ungarische Regierung war, dem hochrenommierten Übersetzerhaus in Balatonfüred, das sich vor allem um jene Leute kümmert, die aus dem Ungarischen in ihre jeweiligen Sprachen übersetzen, das förderpolitische Messer anzusetzen und mit Subventionsentzug zu drohen. Das Messer hat das Kultusministerium inzwischen zwar wieder eingesteckt, aber die Geste wurde zumindest gesetzt.

Was der nichtmagyarofonen Welt entgeht, sollte man tatsächlich die Übersetzer aushungern, führt ein kleiner, neu gegründeter Wiener Verlag beispielhaft vor. Unbekannte oder vergessene Autoren will der Nischen-Verlag der Zsóka Lendvai auf Deutsch präsentieren. Der Name, sagt die Verlegerin, "ist unser Programm: Wir möchten eine winzige, aber aufregende Nische für noch unbekannte oder bereits vergessene Bücher ungarischer Autoren besetzen".

Einer der Nischen-Besetzer ist der famose Erzähler Lajos Parti Nagy, dessen Kurzgeschichtensammlung Frau Lendvai unter den schelmisch irreführenden, sozusagen den Verliebenskitsch beschwörenden Titel Der wogende Balaton stellt. Die Irreführung hat ein handfestes Programm: die hinterhältige Kopfnuss. Also beginnt der sehnsuchtsschwere "wogende Balaton" gleich einmal so: "Für heute haben sie alles, also vomitieren sie noch ab und legen sich dann nieder, ohne viel Umstände zu machen."

Die Geschichte dreht sich also nicht ums Strandleben in Siófok, sondern in weiterer Erzählfolge eher ums Fressen, ums Wettfressen. Lajos Parti Nagy ist nicht der erste Autor, dem so eine Geschichte in die Finger gekommen ist. Aber kaum ein anderer war so appetitanregend. "Die machten damals in Kopffleisch, in Blutsterz, in Industriespeck, wie es gerade kam, aber nie ausgesprochen in Schmalz. Bei diesen zähen Sachen war das wichtigste klarerweise das Kauen, kein Wunder, dass ich in der Turbo-Klasse mit meinen kleinen Kiefern unterlegen war. In Quantität aber hatte ich gute Platzierungen."

Solch schöne Fähigkeiten galten auch der Beförderung pubertärer Hormonschwankungen. "Da war ein Mädchen namens Ibolya, ich wollte ihr imponieren, zeigen, dass ich auch etwas kann, die Welt besteht nicht nur aus Solfège und Seilklettern." Sondern zum Beispiel auch aus Manner-Schnitten, Veroneser Pferdesalami, gelierter Sulz oder Bohnengulasch mit Debreziner, die man damals beim Weltjugendtreffen in Havanna servierte, "der Fidel Castro hat ihnen applaudiert, dass er fast von der Bühne gefallen ist".

Die Zeichnung grotesker Figuren in noch groteskeren Um- und Zuständen gelingt Lajos Parti Nagy mit bewundernswert leichthändiger Lakonie, die auch vor den ungeheuerlichen Dingen nicht haltmacht. Gleich in der ersten Geschichte (Wie eine gefrorene Hundepfote) stößt der Autor den noch unbefangen-unbedarften Leser mitten hinein in die Fährnisse eines sozusagen klinischen Masturbanten, eines "Uniformschneiders der Reserve" , der seinem Arzt als "Geschlechtsgenossen vor Gottes Angesicht" aus seinem Geschlechtsleben berichtet, das "hochgradig und partnerlos" sei. " Doch sei's drum. Sei's drum, wenn er einen Steifen hat, so steif wie eine gefrorene Hundepfote." Kaum je ist sexuelle Sehnsucht mit solcher Traurigkeit erzählt worden, wenn die Erfüllung buchstäblich zwischen den Fingern zerrinnt, "wenn man innerlich von der Kehle bis zu den Fußknöcheln zu einem einzigen Ständer wird, Herr Assistenzarzt".

Neben dem vivisezierenden Lajos Parti Nagy hat der Nischen-Verlag einen wunderbaren Roman präsentiert, der sich ein wenig pragerisch liest, wenn man sich Franz Kafka etwas hasekoider vorstellen könnte, als er ohnehin schon ist.

György Spiró, einer der großen Erzähler des Ungarlandes und tatsächlich auch ein Slawist, lässt in Der Verruf seinen Protagonisten Unglück haben im Glück, und dass das Ganze dann doch noch gut ausgeht, ist weniger ein Happy End als eine Art Auslaufen. "Morgen aber hat er erst noch eine Menge zu tun. Gut, dann eben nicht morgen. Es kann ja auch übermorgen sein."

Das Glück des Gyula Fátray waren seine Hämorrhoiden, die er sich ausgerechnet am 17. Oktober 1956 operieren ließ, und weil er sich dazu noch eine Lungenentzündung einfing, verbrachte er die gefährliche Zeit des Volksaufstandes und dessen Niederschlagung im Spital.

Sein Unglück war sein Nachname, der in der Verdächtigenliste einer Zeitung erschien, was ihn ordentlich in Verruf brachte und damit in jene von halbseiden-feigen, um sich selbst zitternden Bürokraten bevölkerte Rue de la Gacque brachte, die von Kafka schon ausführlich beschrieben und so richtig dann von János Kádár belebt wurde.   (Wolfgang Weisgram, Album, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

György Spiró, "Der Verruf". Aus dem Ungarischen von Ernö Zeltner. € 21,80 / 323 Seiten. Nischen-Verlag, Wien 2012.

Lajos Parti Nagy, "Der wogende Balaton". Aus dem Ungarischen von György Buda. € 22,80 /158 Seiten. Nischen-Verlag, Wien 2012.

  • Artikelbild
    foto: nischen-verlag
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