Das öffentliche Geschäft mit Privat

  • Bei der Preview mehr bewundert als bei der Auktion beboten: Gerhard Richters imposantes sechs Quadratmeter großes Gemälde "Wolke" wechselte für 8,82 Mio. Euro in eine europäische Privatsammlung.
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    foto: sotheby's

    Bei der Preview mehr bewundert als bei der Auktion beboten: Gerhard Richters imposantes sechs Quadratmeter großes Gemälde "Wolke" wechselte für 8,82 Mio. Euro in eine europäische Privatsammlung.

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Für den Kunsthandel gehören Privatkäufer im Auktionssaal öfter zur Konkurrenz als Kollegen - aktuell auch in London

Als ob der auf den internationalen Auktionsbühnen in aller Öffentlichkeit zelebrierte Handel und die erzielten Erlöse nicht schon beeindruckend genug wären, avancierte ein Segment der Branche in den vergangenen Jahren vom Spiel- zum Standbein: Private Sales, über die Auktionshäuser diskret hinter den Kulissen zwischen Verkäufern und Käufern vermitteln.

Mit wachsendem Erfolg, wie die Jahresbilanzen von Christie's und Sotheby' s belegen: 2010 "dümpelten" deren Umsätze in dieser Kategorie bei 572,4 (Christie's) bzw. 494,6 Millionen Dollar (Sotheby's) und stiegen in der Folgesaison um stolze 50 bzw. 65 Prozent über die 800-Millionen-Dollar-Marke. Im Geschäftsjahr 2012 notierte Christie's Private Sales zum Gegenwert von einer Milliarde Dollar (+26 Prozent). Sotheby's wird die Jahresbilanz 2012 erst Ende Februar veröffentlichen, dürfte jedoch ebenfalls die 2011er-Vorgabe (814,6 Mio. Dollar) übertroffen haben.

Mehr Privatkäufer denn je

Und doch scheint das Potenzial dieses Segments noch nicht ausgeschöpft. Seit einiger Zeit veranstalten die beiden Giganten zusätzlich Verkaufsausstellungen. So diskret wie noch vor einigen Jahren wird dieses Geschäft nicht mehr ausschließlich gehandhabt. Bei Christie's buhlen vereinzelte Kunstwerke neuerdings sogar über die Website um die Gunst neuer Besitzer.

Dazu hatte Christie's über den Kauf von Haunch of Venison seit 2007 den Fuß in der Tür des Primärmarktes - mit bedingtem Erfolg. Mit Verweis auf ihren Eigentümer blieb der Galerie die Teilnahme an wichtigen Messen fortan verwehrt; einzig das Komitee der Tefaf-Maastricht sah es nicht so streng und freute sich über den zeitgemäßen Zuwachs. Zwischendurch wurden die Standorte Zürich (2009) und Berlin (2010) geschlossen und suchten die Gründer Harry Blain und Graham Southern 2010 das Weite.

Seit vergangener Woche ist Haunch of Venison endgültig Geschichte, neben 40 Mitarbeitern in London und New York sind auch zahlreiche Künstler von diesem Aus betroffen. Die Niederlassung in New York wird demnächst geschlossen, erhalten bleibt lediglich der künftig für Präsentationen genutzte Showroom in der Londoner New Bond Street. Besinnen auf die Kernkompetenz des Sekundärmarktes nennen es die einen, bloße Gewinnmaximierung schimpfen die anderen.

Die Grenzen zwischen der Auktionsbranche und dem klassischen Kunsthandel sind mittlerweile andere als noch vor zwei Jahrzehnten. Dazu kommen Veränderungen in der Kundenstruktur: Die wachsende Schar an Privatkäufern wurde im Auktionssaal längst zum größten Konkurrenten des Handels, der angesichts schrumpfender Margen im oberen Preissegment nicht mehr mithalten kann.

Beispielhaft dafür stehen die diese Woche im Zuge der Abendauktionen der Sparte zeitgenössischer Kunst verzeichneten Topzuschläge bei Sotheby's (12. 2.: 44 Zuschläge, 86,32 Mio. Euro) und Christie's (13. 2.: 65 Zuschläge, 94,65 Mio. Euro), die zu mehr als 90 Prozent von Privaten bewilligt wurden. Darunter Jean-Michel Basquiats Museum Security (Christie's: 9,33 Mio. Pfund / 10,82 Mio. Euro) oder auch Francis Bacons Three Studies for a Self-Portrait aus dem Jahr 1980, für das sich der deutsche Mäzen Jürgen Hall bei Sotheby's mit 13,76 Millionen Pfund (15, 97 Mio. Euro) durchsetzte: nicht um diese Trophäe dann in seinem Wohnzimmer zu bewundern, denn dort hängen deutlich preiswertere Kunstdrucke und Grafiken (u. a. Miró), sondern um es einem Museum als Leihgabe zu überantworten, wie er es seit einigen Jahren handhabt.

Einem Bericht des Handelsblatts zufolge profitierte davon zuletzt das Kunstmuseum Bonn, dem der Großhändler für Tabakwaren 2008 ein Stillleben von August Macke (Sotheby's, 1,8 Mio. Euro) schenkte und Emil Noldes Frauenporträt Nadja (2007: Ketterer, 2,6 Mio. Euro) sowie Gerhard Richters Schwestern (2011: Sotheby's, 2,8 Mio. Euro) als Leihgabe überließ. Nach zehn Jahren entscheiden dann Halls Erben, ob sie den Vertrag verlängern, die Kunstwerke verkaufen oder behalten.

Das Bacon-Triptychon war jedenfalls der teuerste Kunstkauf des deutschen Unternehmers und setzte sich diese Woche an die Spitze der zehn höchsten in London erteilten Zuschläge. Zu den aktuellen Darlings erkor der Markt neben Bacon noch Gerhard Richter und Jean-Michel Basquiat.

Mittendrin suhlt sich Peter Doigs The Architects Home in Revine (1991), das nach 2002 (Sotheby's London, 431.480 Euro) und 2007 (Sotheby's New York, 2,36 Mio. Euro) nun bei Christie's die dritte Runde drehte: für 8, 87 Millionen Euro sicherte sich ein europäischer Privatsammler diese Trophäe zum bislang höchsten Auktionswert für eine Arbeit des schottischen Künstlers.   (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

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