Hier wird nur das Brot sauer

19. Februar 2013, 16:57
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"Rohes Fleisch, Kilo": Endlich wieder mit den Fingern essen - und das gut: Ethiopian Restaurant im Alsergrund

"Rohes Fleisch, Kilo": Endlich eine Speisekarte, die sagt, worum's geht. Und gleich darunter: "Rohe Fleisch, 1/2 Kilo". Aber: Wir sind zu früh dran: Tatar (vom Rind, echt) in so grundvernünftigen Dimensionen gibt es nur freitags und samstags ohne Vorbestellung, wie auch die Lammkutteln. Gut, fachliche Vorbereitung war noch nie meine Stärke, jedenfalls nicht beim Essen.

Wir verließen später dennoch fröhlich und satt das Ethiopian Restaurant in der Wiener Währingerstraße. Schon beim Lokalnamen konzentriert man sich hier auf das Wesentliche - und Verständlichkeit, die man in meinen Schmeck's- und sonstigen Einträgen oft vergeblich sucht. Aber der Reihe nach. 

Interessant exotisch

Interessant exotisch: So lautete die Aufgabe von Frau Schell. Weil mir ja nie was einfällt, schon gar nichts Neues, reiche ich die Frage umgehend an Profis weiter.

1.) Severin Corti empfiehlt mir das Vietthao in der Friedrichstraße, klingt mir wirklich nett, aber die profunde Vietnamkennerin leistet sich den Spleen, außerhalb von Vietnam nicht mehr Vietnamesisch essen zu gehen. Ich werd's schon noch hin schaffen.

2.) Katharina Seiser rät mir, doch Hardcore-Dim-Sum bei Aming Dim Sum oder Happy Buddha auszuprobieren. Ist notiert. Auch Yak + Yeti wäre eine Variante - mal sehen.

3.) Iwona Wisniewska (ivy.at) bringt mich darauf, im Ostwind nach der anderen Karte zu fragen. Klingt ganz so, als ob's mir gefallen würde.

4.) Wir entscheiden uns dann doch für das Ethiopian Restaurant, das mir Florian Holzer empfohlen hat. Äthiopisch hatte ich bisher so gar nicht. Leider, wie ich nun weiß.

Eisen in der Flade

Erkenntnis 1: Messer, Gabel, Löffel, Stäbchen und anderes Esswerkzeug sind überschätzt. Wenn man Injera hat. Das säuerliche Fladenbrot aus dem Getreide Tef (Speisekartenwissen) ist übrigens glutenfrei und reich an Eisen. Nicht dass ich das bräuchte, die Nerven höchstens. Aber es soll ja Menschen geben, die sich das Metall intravenös zuführen lassen sollten. Mit Indschera jedenfalls erspart man sich Metall in Besteckform. Endlich wieder einmal Breiiges mit Fingern essen dürfen.

Erkenntnis 2: Das Lokal ist rappelvoll mit netten Menschen, die Wirtsleute noch netter, und das allein ist schon viel in Tagen wie diesen. Schön.

Key Wot?

Erkenntnis 3: Die vegetarischen Kostproben vorweg - scharfe Linsensauce und Erbsen-Curry-Sauce plus geschmortes Gemüse finde ich schon ziemlich interessant. Vielleicht sogar interessanter als das die gebratenen Rinderstreifen mit Zwiebel (Zelzel Tibs), die aber mit der ernsthaft scharfen, beigestellten Sauce schon noch Kraft entwickeln.

Zweierlei Key Wot (eine Art Gulasch mit Paprika, Knoblauch, Zwiebel, Ingwer und Butter, einmal mit Frischkäse) noch dazu, gut und reichlich, und schon kapitulierten wir etwas verschämt vor dem Missverhältnis von Gier, Portion und Kapazität. Möglicherweise haben wir ja auch das Füllvermögen von Injera unterschätzt. Wobei: Wie sollte man sonst das Essen in den Mund bekommen?

Warte nun auf den nächsten verfügbaren Freitag oder Samstag. Ich sage nur: Rohes Fleisch, Kilo! (Harald Fidler, derStandard.at, 19.2.2013)

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Linsengericht, Bohnen, Gemüse: Ich fand ja den vegetarischen Einstieg sehr spannend im Ethiopian Restaurant.
Drei gewaltige Gerichte, Tee, Saft, Kaffee: 46,30 Euro.
    foto: harald fidler

    Linsengericht, Bohnen, Gemüse: Ich fand ja den vegetarischen Einstieg sehr spannend im Ethiopian Restaurant.

    Drei gewaltige Gerichte, Tee, Saft, Kaffee: 46,30 Euro.

  • Messer, Gabel, Löffel, Eisenlieferant, Sättigungsbeilage: Injera, schon etwas dezimiert.
    foto: harald fidler

    Messer, Gabel, Löffel, Eisenlieferant, Sättigungsbeilage: Injera, schon etwas dezimiert.

  • Oben auf dem Öfchen Zelzel Tips, unten Key Wot in zwei Varianten. Rind, wer's wissen wollt.
    foto: harald fidler

    Oben auf dem Öfchen Zelzel Tips, unten Key Wot in zwei Varianten. Rind, wer's wissen wollt.

  • Das Körbchen mit dem Fleisch noch einmal von der Seite - üppig und gut aus jeder Perspektive.
    foto: harald fidler

    Das Körbchen mit dem Fleisch noch einmal von der Seite - üppig und gut aus jeder Perspektive.

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