Der Papst sammelt keine Katzensticker

Kolumne15. Februar 2013, 17:02
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Gedanken zum Stickeralbum

Eine der geistreichsten zivilisatorischen Errungenschaften des Abendlandes ist das Stickeralbum. Ich persönlich bin ja eher immun gegen die Stickermania, zähle also eher zu den Stickerneutralisten, wenn nicht sogar zu den Stickerskeptikern.

Worum es aber bei den Stickeralben geht, habe ich verstanden: Das Stickeralbum ist eine publizistische Institution, die bei jedem in der Altersgruppe sieben minus sofort einen unwiderstehlichen Ergänzungszwang hervorruft. Ein von der Stickermania befallenes Kind wird weder rasten noch ruhen, ehe es nicht seine 250 italienischen Fußballer oder seine 180 Hunderassen beieinanderhat.

Hier offenbart sich zugleich ein ehernes Gesetz des Stickeralbums: Stickerfähig sind im Wesentlichen nur Sportler und Pelztiere, bevorzugt " süße" Pelztiere. Völlig stickeruntaugliche Serien hingegen wären "220 wilde Mülldeponien in Europa" oder "140 Haut- und Geschlechtskrankheiten, die man unbedingt kennen sollte" ("Wer tauscht mit mir 'Tripper' gegen 'Syphilis'"?).

Noch schöner als die Stickeralben selbst ist die Art und Weise, wie sie beworben werden. In Österreich, wo bekanntlich alles möglich ist, ist es auch möglich, dass ein Stickeralbenproduzent seine Stickeralben mit dem grandios generalisierenden Slogan "Alle sammeln Katzensticker!" anpreist. Pussy galore, sozusagen. Ich bewundere die Kühnheit, mit der sich dieser Satz über jede nachvollziehbare Lebensrealität emporschwingt.

Denn "alle" heißt ja: jeder und jede Einzelne, und allein schon die naheliegende Überprüfung meiner eigenen Sammelgewohnheiten verrät mir, dass dieses "alle" semantisch aufgebläht ist und eine unzutreffende sprachliche Verkatzenstickerung bedeutet. Ich selbst sammle keineswegs Katzensticker. Mein Katzenbedarf ist durch meinen Kater gedeckt, daher will ich mir nicht noch die mühsame Verwaltung von zwei Schock Stickern mit Perser-, Siam-, Lugner- und anderen Katzis aufhalsen.

Auch sonst scheint die Behauptung, dass "alle" Katzensticker sammeln, übertrieben. Der Papst hat momentan sicher andere Sorgen als Katzensticker. Sieht Obama aus wie der typische Katzenstickersammler? Kaum. Und ganz unwahrscheinlich wirkt auch die Vorstellung, dass Wladimir Putin seine russischen Winterabende damit verbringen könnte, sich die fehlenden Angorasticker zu krallen.  (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 16./17.2.2013)

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