Warum Diäten oft keinen Erfolg bringen

15. Februar 2013, 08:40
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Veränderte Hirnregionen bestimmen Essverhalten und Erfolg von Diäten - Frauen brauchen vermutlich stärkere Willenskraft, um das Verlangen nach Essen zu regulieren

Leipzig – Mehr als ein Drittel der Deutschen und 40 Prozent der Österreicher sind übergewichtig. Neueste bildgebende Befunde und Verhaltensstudien zeigen, dass bei den Betroffenen belohnungsrelevantes Verhalten und Hirnregionen verändert sind. Diese Areale bestimmen nicht nur über das Essverhalten, sondern auch über den Erfolg von Diäten. Die aktuellen Ergebnisse ihrer Übergewichtsforschung stellen die Forscher auf der 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) vom 21. bis 23. März 2013 in Leipzig vor.

"In wieweit die Übergewichtigkeit in der Eigenverantwortung der Betroffenen liegt ist allerdings noch unklar. Einige Studien weisen darauf hin, dass auch Veranlagungen zu übermäßigem Essen führen können", erklärt Burkhard Pleger, Oberarzt an der Tagesklinik für kognitive Neurologie des Universitätsklinikums Leipzig. Hirnregionen, die für Belohnung verantwortlich sind und unser Essverhalten beeinflussen, seien bei Übergewichtigen anders strukturiert als bei Normalgewichtigen, erklärt der Neurowissenschaftler im Vorfeld der DGKN-Jahrestagung die aktuellen Ergebnisse: "Ob diese Veränderungen aus dem Überessen resultieren, oder ob sie eine Veranlagung darstellen, ist Gegenstand aktueller Forschung."

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Beobachten Forscher diese Hirnregionen genauer, so zeigen sich überraschende geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Frauen sind Hirnregionen, welche die automatische und zielgerichtete Verhaltenskontrolle unterstützen umso stärker verändert, je größer ihr Körpergewicht ist. "In Verhaltensexperimenten neigen übergewichtige im Vergleich zu normalgewichtigen Frauen eher dazu, kurzfristige Belohnungen zu wählen, auch wenn negative Konsequenzen folgen: Sie gönnen sich schneller ein Stück Schokolade – auch wenn sie wissen, dass es für die Figur nachteilig ist. Dieser Unterschied ist bei Männern nicht zu beobachten", erläutert Annette Horstmann, Neurobiologin in der Abteilung Neurologie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig.

"Die Größenunterschiede der Hirnareale lassen uns vermuten, dass Frauen eine stärkere Willenskraft aufbringen müssen, um ihr Verlangen nach Essen zu regulieren. Gleichzeitig wäre das eine Erklärung, warum bei vielen Übergewichtigen Diäten keinen Erfolg zeigen", so die DGKN-Expertin.

Beitrag der Hirnforschung

Die Situation sei vergleichbar mit den Symptomen anderer Suchterkrankungen: starkes Verlangen, mangelnde Selbstkontrolle und der Bedarf immer größerer Mengen. "Daher ist es notwendig die Therapie der Fettsucht ähnlich wie die Therapie von Alkohol- und Drogenabhängigen aufzubauen" so Joseph Claßen, Tagungspräsident der 57. Jahrestagung der DGKN und Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig.

"Die Therapie der Übergewichtigkeit besteht aus einer psychologischer Betreuung sowie Ernährungsaufklärung und -umstellung. Sie muss an die individuellen Probleme der Betroffenen angepasst werden. Diese Probleme müssen wir jedoch zunächst verstehen lernen. Hierzu kann die Hirnforschung einen maßgeblichen Beitrag leisten", stellt Pleger fest. Im Rahmen der 57. Jahrestagung der DGKN in Leipzig stellen die Leipziger Forscher ihre aktuellen Ergebnisse vor. (red,derStandard.at, 15.2.2013)

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    Hirnregionen, die für Belohnung verantwortlich sind und das Essverhalten beeinflussen, sind bei  Übergewichtigen anders strukturiert als bei Normalgewichtigen.

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