Aufräumarbeiten sind besser als Gewalteskalation

14. Februar 2013, 18:46
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Steven Soderbergh zeigt bei der Berlinale seinen allerletzten Kinofilm. Seine US-Kollegen David Gordon Green und Andrew Bujalski melden sich mit launigen Komödien zurück

US-Regisseur Steven Soderbergh meint es offenbar ernst. Mit dem Thriller Side Effects, der im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war, will der US-Regisseur seine Karriere in Hollywood beenden. Die Tyrannei der Narration würde ihn frustrieren, erzählt er dem New York Magazine unlängst in einem lesenswerten Interview, deshalb wende er sich nunmehr neuen Herausforderungen zu - möglicherweise auch im TV-Serienformat.

Side Effects wird als Film in Erinnerung bleiben, der eher die Gründe seines Rücktritts verdeutlicht; der durchaus vielversprechende Beginn erweitert das Drama um eine depressive Frau (Rooney Mara), die unter Medikamenten-Einfluss einen Mord begeht, zur beunruhigenden Gesellschaftsdiagnose. Allerdings verzettelt sich der Film dann alsbald in allzu konstruierten Konstellationen, die Soderbergh immerhin mit schrillen Akzenten versieht.

Einer tritt ab, ein anderer mit nicht übersehbaren Ambitionen neu an: Harmony Lessons (Uroki Garmonii), das Debüt des kasachischen Regisseurs Emir Baigazin, hat viele Kritiker überzeugt. Das unterkühlte, düstere Drama um eine Schule der Gewalt steht seitdem unter Preisverdacht. In streng komponierten Bildern, die Tier- und Menschenwelt oft ein wenig schematisch parallel führen, entfaltet sich die Geschichte eines hochbegabten 13-jährigen Jungen, der zu Hause alleine Kakerlaken quält - er bastelt ihnen einen elektrischen Stuhl - und in der Klasse von seinen Mitschülern gemieden wird.

Alltagsgewalt steht hier nicht nur am Schulhof auf dem Programm. Die Lehrer dozieren im Unterricht die Lehren von Darwin und Gandhi: Dass die Eskalation kommen muss, ist bei dieser Konstellation nur allzu klar. Harmony Lessons ist sich allerdings auch der eigenen Kunstmission viel zu bewusst, um richtig in den Bann zu ziehen.

Elegische Komödie

Bescheidener und doch viel stimmiger wirkt Prince Avalanche, das Remake eines isländischen Road-Movies von US-Regisseur David Gordon Green. Der Film vereint die elegischen Qualitäten früherer Filme des US-Regisseurs (George Washington) mit seiner jüngeren Neigung fürs Komödienfach. Paul Rudd und Emile Hirsch spielen zwei Straßenarbeiter in einem von Waldbränden versehrten ländlichen Teil Texas'. Die beiden haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam: Rudds Alvin ist der ernsthafte, pflichtbewusste Typ, der die einsame Tätigkeit im Freien genießt und mit Deutschlektionen verkürzt; Lance dagegen wirkt etwas einfältiger: begriffsstutzig, hormongeplagt, aber durchaus liebenswert.

Prince Avalanche hat kaum eine nennenswerte Handlung, entwickelt jedoch einen ganz eigenständigen Tonfall in seiner Beschreibung männlicher Malaisen. In diesem Film ist die Originalität des Blicks alles, er erfreut mit leiser, schrulliger Komik, die nicht auf Kosten der Figuren geht. Irgendwann ist man sich nicht mehr sicher, ob die beiden Buddys in den verkohlten Wäldern nicht durch ihre eigene Seelenlandschaft stapfen - ein verlassener, in braunen Farbtönen gehaltener Ort mit sonderbaren Tieren und fehlenden Straßenmarkierungen.

Duell der Schachcomputer

Wie Prince Avalanche hat auch Computer Chess, der neue Film von Andrew Bujalski, bereits auf dem Sundance-Festival im Jänner viel positive Resonanz erfahren. In schlierigen Videobildern ohne große Kontraste (als Kameramann fungierte erneut der Österreicher Matthias Grunsky) führt der Film zurück in jene Zeit der späten 70er-/frühen 80er-Jahre, in der Computer sich langsam unserer Leben zu bemächtigen begannen. Schauplatz dieses großartig minimalistischen "period piece" ist ein Schachcomputerwettkampf, auf dem nicht Mensch und Maschine, sondern die neuesten Programme gegeneinander antreten.

Bujalski, bisher auf filigrane Milieuerkundungen der Gegenwart (wie zuletzt Beeswax) spezialisiert, erkundet mit ironischer Nostalgie das geschäftig-nerdige Treiben der War-Games-Generation, die auf sexuelle Befreiung mit ominösem Datenverkehr reagierte. Plötzlich beginnen Computer eigene Schlüsse zu ziehen und an uns Fragen zu stellen: Computer Chess ist eine Komödie, die auf eine unheimliche Entdeckungsreise geht. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 15.2.2013)

  • Ungleiche Kollegen, "on the road" in Texas: Emile Hirsch (li.) und Paul Rudd in David Gordon Greens "Prince Avalanche".
    foto: scott gardner

    Ungleiche Kollegen, "on the road" in Texas: Emile Hirsch (li.) und Paul Rudd in David Gordon Greens "Prince Avalanche".

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