Steam Box: Videospiel-Revolution oder hoffnungsloser Linux-Traum?

Zsolt Wilhelm
17. Februar 2013, 12:17
  • Der erste Entwurf einer Steam Box des Herstellers Xi3 ähnelt in der Hardware-Ausstattung aktuellen Mini-PCs.
    foto: polygon/valve/montage

    Der erste Entwurf einer Steam Box des Herstellers Xi3 ähnelt in der Hardware-Ausstattung aktuellen Mini-PCs.

Rätselraten um Valves Hardware-Projekt: Branchengrößen zeigen sich skeptisch

Bis vor wenigen Jahren war die Videospielwelt noch in zwei Hälften geteilt: Es gab PC-Spieler und Konsolenspieler. Der PC stand für neueste Technologien, höchste Präzision und eine offene Plattform für Spieler, Hersteller und Hobby-Entwickler. Die Konsole stand hingegen für ein geschlossenes, aber relativ günstiges und einfach zu bedienendes Spielsystem. Mit der Etablierung von Smartphones und Tablets wurde der Markt aufgebrochen. Sie sind einfach zu bedienen, sind ständig verfügbar und die Entwicklung von Spielen ist im Vergleich zu traditionellen Konsolen günstig.

Nun zeichnet sich am Horizont ein weiterer neuer Mitspieler ab: die "Steam Box". Das ist natürlich nur ein provisorischer Name für das, was Spielhersteller und Online-Store-Betreiber Valve mit einem neuen System für PC-Spiele plant. Mit Hilfe der Controller-freundlichen Benutzeroberfläche "Big Picture" und auf das Spielportal Steam optimierter Hardware soll der Spiele-PC Einzug im Wohnzimmer halten. Was bedeutet das für die Spieler, den Markt und die Entwickler? Ist das ein einfacher Spiele-PC, ein weiteres Konsolenangebot oder gar ein trojanisches Pferd für die Linux-Spielrevolution?

PC oder Konsole?

Bisher bekannt ist, dass Valve sowohl an eigenen Referenzdesigns für die propagierte Steam Box als auch an neuen Eingabegeräten arbeitet. Mitbegründer Gabe Newell zufolge wird es aber auch Steam Boxen von anderen Herstellern geben. Wenngleich die Software, als Steam, allen PC-Betriebssystemen zur Verfügung steht und daher von jedem genutzt werden kann, machte Newell im Vorfeld klar, dass eine Steam Box oder ein Steam-PC "definitiv eine stark kontrollierte Plattform sein" wird. "Wenn Sie mehr Flexibilität suchen, können Sie immer noch einen konventionellen PC kaufen", hieß es im Dezember.

Dies lässt darauf schließen, dass Valve auf selektierte PC-Komponenten setzen und diese anderen Herstellen empfehlen wird, um den Spielbetrieb und die Entwicklung zu optimieren und die Kosten im Rahmen zu halten. Eine vordefinierte Hardware sowie eine integrierte Softwareplattform und ein dazugehöriger Vertriebskanal in Form von Steam sprechen eigentlich dafür, dass eine Steam Box dem Konzept nach einer konventionellen Konsole ähnelt. "Wenn man es genau nimmt, ist das auch nur eine Konsole", kommentierte auch Crytek-Chef Cevat Yerli Anfang Februar Valves Projekt im Interview mit dem GameStandard. "Der PC lebt von einer komplett offenen Architektur. Die PC-Philosophie geht davon aus, dass ich ein Spiel überall erwerben kann und ich unabhängig von einer Plattform bin. Und sie besagt, dass die Hardware unabhängig von der Plattform erweitert werden kann", meint Yerli.

Eine Konsole mit PC-Eigenschaften

Man kann es vielleicht so betrachten: Valve plant eine Konsole mit einigen Eigenschaften eines PCs. Dazu gehört, dass die zugrunde liegende Architektur nicht neu erfunden wird. Dem Unternehmen zufolge wird das neue System auf Windows und alternativ Linux setzen. Für Mac stellt man den Steam-Client bereit. Entwicklern wird das Leben leicht gemacht, denn zum Vertrieb über Steam müssen Studios keine teuren Lizenzen wie bei Nintendos, Sonys oder Microsofts Konsolen erwerben. Das beflügelt die Szene, wie man anhand unzähliger spannender Indie-Produktionen im PC-Bereich sieht. Auch müssen Entwickler keine proprietären Entwicklungswerkzeuge erwerben und können sich auf ihr PC-Know-how stützen. Dieses gesteigerte Maß an Freiheit betrachtet Newell auch als stärkstes Argument für die Steam Box, weshalb er es bisher auch vermied, von einer Steam-Konsole zu sprechen. "Ich denke, die meisten Konsumenten und Entwickler werden feststellen, dass der PC die bessere Plattform für sie ist."

Trojanisches Pferd für Linux?

Und mit PC meint der Valve-Chef tatsächlich über kurz oder lang nicht Windows oder Mac. Vorangegangenen Aussagen nach zielt der Hersteller darauf ab, Linux als zentrale Spielplattform durchzusetzen. Newells lautstarke Ansagen wie "Windows 8 ist eine Katastrophe für den PC" ist zu entnehmen, dass er Microsofts (und auch Apples) Bestrebungen in Richtung geschlossener Ökosysteme missbilligt. Sollten Windows und Mac eines Tages wie die Mobile-Plattformen iOS und Windows Phone nur noch Microsofts und Apples Vertriebskanäle zulassen, stünde Steam vor dem Aus. Insofern hat die Steam Box den Anschein eines Zugpferdes für die Linux-Spielrevolution. "Sie haben gar keine andere Wahl. Sie müssen von Windows weggehen, und da bleibt nur Linux über", beurteilt Yerli die Situation.        

Steiler Weg

Sollten sich Newells Befürchtungen bewahrheiten, wäre die Steam Box mit Linux nicht weniger als Valves Hoffnungsschimmer, um auf einem Markt überleben zu können, der unter die Kontrolle mächtiger Betriebssystemhersteller zu geraten droht. Die Flucht nach vorne wird sich jedoch alles andere als einfach gestalten. Steam ist zwar bereits für Linux erhältlich, doch das Spielangebot ist noch so verschwindend klein, dass es für Windows-Spieler keinen triftigen Grund gibt umzusteigen. Derzeit befinden sich etwas weniger als 60 Spiele für Linux und tausende Spiele für Windows im Steam-Portfolio.

Und Spiele sind auch der Grund, weshalb Valves Kampfansage an die Konsolenhersteller in der Branche noch nicht zu ernst genommen wird. "Ich bin ein ausgesprochener Fan von Gabe Newell. Und 'Portal' ist einer meine absoluten Favoriten. Doch abgesehen davon hat Valve bislang noch nicht genügend Informationen herausgegeben, um abschätzen zu können, ob sie das Zeug dazu haben, sich mit den Konsolen messen zu können", sagte Electronic-Arts-Boss John Riccitiello im Februar im Anschluss an eine Investorenkonferenz.   

Milliarden-Investitionen benötigt

Valve verfügt zwar über starke Marken wie "Portal", "Half-Life" und "Left4Dead", doch betrachtet man den eher gemächlichen Veröffentlichungszyklus der eigenen Franchises, ist es fraglich, ob man Konsolenspielern genügend Anreize bieten kann, auf eine Steam Box zu wechseln. Zudem benötige es Riccitiello zufolge mehr als nur die Gunst der Kunden. "Massenerfolg im Konsolenbereich ist für gewöhnlich auf Milliarden Dollar schwere Investitionen in die Entwicklung von Inhalten, Handelsbeziehungen, Onlinepartnerschaften, Konsumentenmarketing, Produktion und Fertigungsprozesse und dergleichen zurückzuführen."

Ähnliche Bedenken äußerte auch Microsofts Phil Harrison, Industrieveteran und ehemaliger Entwicklungschef bei Sony PlayStation, gegenüber Valves Unternehmungen. "In den Hardwaresektor einzusteigen ist eine wirklich schwierige Angelegenheit. Man muss große Standhaftigkeit aufweisen, tiefe Taschen und viel Geld mitbringen. Die wenigsten neuen Marktteilnehmer werden groß und verkaufen hunderttausende oder Millionen Geräte."

Und wenn selbst der Chef von EA, immerhin Herausgeber einiger Valve-Titel, noch nicht gut informiert wurde, scheint das Projekt Steam Box tatsächlich noch in den Kinderschuhen zu stecken. "Basierend darauf, was bisher gesagt wurde, könnte es alles sein - vom coolen Nischenprodukt bis zu einem Produkt, das tatsächlich die Stemmkraft hat, unsere Industrie weiterzubringen." (Zsolt Wilhlem, derStandard.at, 17.2.2013)

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Hab mir jetzt neben Arch und Windows auch mal Ubuntu installiert wegen Steam für Linux.

"Jedes Huhn kann Ubuntu installieren wenn man genug Körner auf die Returntaste legt" ist ein wahrer Spruch!

Wobei ich das nicht negativ meine. Der "0815-User" schafft mit etwas Elan ohne Probleme eine Ubuntu Installation. Die GUI, weiß jetzt nicht wie man die nennt, finde ich sehr ansprechend. Der einzige Grund warum ich noch Windows verwende sind die Spiele, sonst hält mich nichts mehr dort.
Und wenn mit Valve jetzt noch andere mit AAA-Titeln nachziehen ist der Stein wohl ins rollen gebracht und wird sich hoffentlich nicht mehr aufhalten lassen!

Es lebe der PC, möge er niemals aussterben!

Hoffentlich schafft es der PC sich endlich von Windows loszureißen!

Ich mag MS, ich mag .NET, ich mag sogar DirectX.

LinuX und OpenGL sind mir aber trotzdem noch viel sympathischer!

"doch das Spielangebot ist noch so verschwindend klein, dass es für Windows-Spieler keinen triftigen Grund gibt umzusteigen"

Der Denkfehler besteht darin, dass dies der einzige Grund für den Umstieg wäre.
Ich kenne sehr viele User, die ausschließlich wegen der DirectX-Spiele überhaupt erst Windows benutzen.

Aber nur solange die Grafikleistung passt. Je langsamer die DirectX-Entwicklung wegen der Stabilitaet und Abwaertskompatibilitaet wird, desto eher werden auch viele Nutzer von DirectX weg wollen.

DirectX-Spiele

Ist auch der größte Hemmschuh für die Hersteller. Mit OpenGL wäre das Problem behoben, nur trauen sich bisher kaum Hersteller, auch andere Plattformen als Windows anzubieten.. abgesehen von Playstation oder XBox .. gelegentlich auch noch OS X.

open gl wird unter windows auch aktiv behindert, das ruckelt dann bis zum geht nicht mehr und die leute denken sich dann "drecks open gl" , mehrmals musste ich mir das schon anhören im ts ( letztens wieder bei https://www.teeworlds.com/ zb )

quake engine basierte spiele liefen immer besser auf opengl als sonst was

"Branchengrößen" sagen wohl auch:

"We think there is a world market for maybe five video game consoles."

Mal sehen, ob sie sich nicht täuschen - auf Kompatibilität haben sie ja noch nie Wert gelegt, nicht mal bei sich selbst, und das macht sie alle ersetzbar...

Sie sagen es!

Hingegen bietet Valve viel mehr Kompatibilität - sogar abwärts!

Ich traue ja Valve einiges zu. Ich verstehe auch das sie unter Zugzwang sind.

Jedoch stellt sich mir die Frage wer sich eine 500-800€ Box (soviel wirds kosten müssen um aktuelle Spiele in 1080 zu betreiben und Kantenglättung etc zu bieten) kauft, wenn er um fast das selbe Geld einen i53570k, 16g 1600Ram mit schnellerer Graka, Ssd und dickem Gehäuse bekommt??

Wie wollen sie die Box updaten??
Sie können damit eben nur gewisse Spiele auch ansprechen?

Shooter Grafik bleibt am Pc Markt nicht Jahre lang statisch stehen wie auf den Konsolen.
Mmo sind so Cpu lastig, ein normaler Phenom2Quad reicht zB heute schon nicht mehr im WvWvW, also muss was dickeres her etc..

dH aber wieder, die Box müsste teurer sein als eine Konsole und ist dem Pc gegenüber unattraktiv, dank schwächerer Hw für 50-200€ Ersparnis?

"Shooter Grafik bleibt am Pc Markt nicht Jahre lang statisch stehen wie auf den Konsolen. "

Die Entwicklung bleibt natürlich nicht stehen, aber gerade in PC-Spielen kann man üblicherweise die Grafik-Qualität sehr gut an die vorhandene Hardware anpassen. Da wird Steam naheliegenderweise einfach vorkonfigurieren und man wird die Spiele von 2015 halt nicht in "superüberhighquality" spielen können.

Unterschätzen sie andererseits auch nicht die Rechenleistung, die ein schlankes, auf ein spezielles Anwendungsgebiet abgespecktes Linux freilegen kann.
Im Unterschied zu Windows kann man hier ganz einfach ALLE Programme und Services weglassen, die nicht benötigt werden - und zwar von der Kernel-Ebene weg.

Der Preis wird wohl eher um die 350,- betragen, also im oberen Konsolenpreisbereich angesiedelt sein. Microsoft hat die erste X-Box auch weit unterm Herstellungspreis verkauft (das war ebenfalls Standard-PC-Hardware), weil das Geschäftsmodell dahingeht, erst mit den Spielen Gewinn zu machen.

Valve wird sich aber keine Lizenzkosten für ihre Steambox leisten können.

das konzept kann aber für die steam box nicht funktionieren, weil die hersteller unabhängig von den publisher bzw. valve sind. da wäre eine subvention eher sinnlos.

Valve ist interessiert an der Verbreitung der Steambox und wird Hersteller entsprechend unterstützen. Bei ausreichend großér Stückzahl, standardisierten Komponenten und maschineller Fertigung kann auch ein geringerer Stückpreis erzielt werden als in der herkömmlichen PC-Produktion.

Jedoch stellt sich mir die Frage wer sich eine 500-800€ Box (soviel wirds kosten müssen um aktuelle Spiele in 1080 zu betreiben und Kantenglättung etc zu bieten) kauft, wenn er um fast das selbe Geld einen i53570k, 16g 1600Ram mit schnellerer Graka, Ssd und dickem Gehäuse bekommt??

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Das ist genau das Verständnisproblem das sie haben: Valve ist es völlig egal was davon sie kaufen, so lange sie darauf Steam nutzen haben die bereits gewonnen.

ich, zumindest eher als eine playstation oder xbox, die fast das selbe kostet und die ich auch nur für ein paar jahre habe..
mir ist das open source halt sehr wichtig ;)

jemand, der sich um 500-800 € einen brauchbaren gaming-pc zusammenstellen kann, gehört sicher nicht zur zielgruppe.

Habe früher meine Rechner noch komponentenweise zusammengesucht / geschraubt und optimiert, samt - anno dazumal - Jumper-Settings am Mainboard.

Aber sogar notorische Bastler wie ich haben irgendwann mal genug vom Basteln und wollen nur ohne sich viele Gedanken machen zu müssen ein Gerät, das einfach nur funktioniert (ohne Treiber-Wirrwarr, Inkompatibilitäten, etc.).

So besehen gibt's also durchaus potentiell Interessierte: all jene, die mehr Zeit mit Games und weniger mit Rechner-Konfiguration verbringen wollen.

Schauen wir mal, was aus der Idee "Steam Box" oder sagen wir "Game-PC-Standardisierung" wird.

kann ich nur voll und ganz zustimmen. im grunde könnt ich mir auch alles selber zusammen bauen. aber beim letzten rechner hab ich dann doch lieber 100 euro drauf gelegt um ihn vom händler zusammenstellen und auch testen zu lassen. nachdem er angekommen war (hab im ausland bestellt) musste ich nur noch auspacken, aufstellen, steam installieren --> danke.

das ging schneller als wenn man auf der ps3 einen patch für ein spiel installieren will ;)

Das ist ja gerade eines der Hauptprobleme von Valve und anderen Anbietern, dass der PC Markt dominiert ist von so unterschiedlichen Spezifikationen auf der Userseite. Mit der Standardisierung bringt Valve da ja auch eine gehörige Portion mehr Ruhe in den Markt rein, falls sie sich wirklich durchsetzen. Dann gibt es einfach nur mehr alle 2-3 Jahre eine Steam-Box die als Normgerät herhält auf die hinproduziert wird. Das heißt natürlich auch, dass der klassische PC, sollte sowas ein Erfolg werden natürlich nochmal einen deutlichen Schritt zurück macht, wenns um die Entwicklung von Spielen geht. Das Angebot ist ja heute schon sehr überschaubar geworden.

wieso sollte das negative Auswirkungen auf PCs haben, wenn jedes für die Steambox bzw. Steam entwickelte Spiel ein PC-Spiel ist? Ich sehe eher Vorteile.

Sehe ich ebenso wenig.

Die Steam-Boxen werden der technische Standard werden, doch für den PC kann dann individuell eingestellt werden. Für Linuxspiele wird es wohl egal sein, welche Hardware verwendet wird. Die Hardware- und Softwarehersteller müssen sich einfach mal einig werden, wie sie den Treiber-Wirrwarr loswerden können :-)

Besser kann es ja für EA nicht sein,

wenn es kein Erfolg hat haben sie nix verloren, und wenn es doch Erfolg hat werden sie dank Origin automatisch zu Mitprofiteuren.

warum werden sie automatisch zu mitprofiteuren?

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