Schwere Vorwürfe gegen Amazons Leiharbeiter-Beschäftigung

14. Februar 2013, 15:23
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Bei Amazon sind tausende Leiharbeiter beschäftigt - unter teils katastrophalen Bedingungen

 Viele haben sich einen Traumjob erhofft. Gute Entlohnung beim größten Online-Händler der Welt: Amazon. In Deutschland heuerte der Konzern vor Weihnachten tausende Mitarbeiter an, in ganz Europa wurde dafür geworben. Vor allem in den von hoher Arbeitslosigkeit gezeichneten südeuropäischen Ländern folgten viele dem Ruf des Internet-Giganten.

Verträge bei Leiharbeitsfirmen

Der Arbeitsalltag in Deutschland ist aber zum Teil erschütternd, wie eine am Mittwoch ausgestrahlte ARD-Doku zeigt. Statt der in der Heimat in Aussicht gestellten Anstellung bei Amazon bekamen sie Verträge bei Leiharbeitsfirmen - unter anderem beim österreichischen Unternehmen Trenkwalder. Der Lohn war um zwölf Prozent niedriger als gedacht, die Verträge waren in Deutsch gehalten, sodass viele sie gar nicht verstanden, was sie unterschrieben.

Ein Fahrer einer kleinen Leiharbeiterfirma, der einen ungarischen Trupp brachte, schilderte anonym: "Viele bekommen so wenig, die betteln teilweise um einen Kaffee in der Kantine."

"Polen? Die nehme ich gerne. Die sind nicht so dreckig ..."

Untergebracht werden die Mitarbeiter - in der Vorweihnachtszeit waren es rund 5000 - in Motels oder Feriendörfern rund um die Auslieferungslager in Bad Hersfeld, Koblenz oder Augsburg. Auf einen ARD-Testanruf in einer der Unterkünfte erklärte eine Vermieterin: "Polen? Die nehme ich gerne. Die sind nicht so dreckig ... Die gehen zu siebt in eine Hütte, ohne zu meckern ... Außerdem saufen die Polen nicht so viel."

Auch ständige Überwachung steht in den Quartieren an der Tagesordnung. Taschen werden durchsucht, berichten Arbeiter. Der Securitydienst heißt H.E.S.S., seine Mitarbeiter tragen Kapuzenpullis der Marke Thor Steinar. Diese gelten als Erkennungszeichen für Neonazis. Pikant: Amazon hat die Pullover deshalb 2009 aus dem Programm genommen.

Einige Sicherheitsleute haben laut Doku enge Beziehungen zur Hooligan-Szene. Auch der Geschäftsführer ist via Facebook mit verurteilten Neonazis befreundet. Als H.E.S.S. die ARD beim Filmen erwischte, verlangten sie die Aushändigung der Kameras und bedrängten die Journalisten. Nur unter Polizeischutz konnten sie das Gebäude verlassen.

Flexibilität zu jeder Zeit

Ebenfalls Teil des Arbeitsalltags: Flexibilität zu jeder Zeit. Ist nicht klar, ob noch Arbeit zu erledigen ist, müssen die Beschäftigen teilweise mehrere Stunden warten, bevor die Busse zurück in die Unterkünfte fahren. Verspäten sich die Busse auf dem Weg zur Arbeit, erhalten die Mitarbeiter weniger Lohn.

Drei Tage vor Weihnachten war dann für viele Schluss: Die Auftragslage war schlechter als gedacht, die Leiharbeiter wurden wieder nach Hause geschickt.

Amazon kündigte am Donnerstag an - nachdem zuvor alle Kommentare und eine offizielle Drehgenehmigung abgelehnt wurden -, die Vorwürfe zu prüfen. Man dulde keine "Diskriminierung oder Einschüchterung", hieß es. Bei Trenkwalder wollte man auf Standard-Anfrage keinen Kommentar abgeben. (go, DER STANDARD, 15.02.2013)

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    Amazon will Vorwürfe über schlechte Arbeitsbedingungen prüfen.

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