Billy, oh Billy: Ein Regal als Synonym für Erfolg

18. Februar 2013, 17:00
110 Postings

Nicht gesucht, sondern gefunden wird im größten Möbelgeschäft der Welt. Wie schafft es Ikea, so vielen Menschen das Gefühl für's Gemeinsame und Individuelle auf einmal zu geben?

Kaum eine Wohnung, in der nicht das wandelbare Selbstaufbauregal "Billy" über die Ordnung der Belletristik herrscht. Seit 1978 steht Billy als Synonym für den unglaublichen Erfolg, der das Möbelhaus Ikea seit Jahrzehnten an seiner Konkurrenz vorbeiziehen lässt. Mehr als 40 Millionen Mal wurde "Billy" bislang verkauft – ein Ende ist nicht in Sicht. Denn Billy ist alles, was Ikea in den Augen seiner Kunden ist: praktisch, günstig und trotzdem geschmackvoll.

Dem schwedischen Branchenprimus Ikea gelingt es wie keinem anderen Möbelhaus Bedürfnisse zu schaffen, wo keine sind. Dabei vermittelt Ikea eine gespenstisch heimelige Atmosphäre. Jedes Produkt hat seinen eigenen Namen, die Verkäufer in gelbem Polo duzen die Kunden und es ist kein Problem, alles auszuprobieren und anzufassen, bevor man es im Lager dann flach eingepackt im Karton abholt und an der Kasse bezahlt. Zusammenschrauben darf man das Möbelstück dann auch noch selbst daheim – aber selbst das zelebriert Ikea als seinen "Bonus", der sich zuhause zwischen Inbusschlüssel und Montageanleitung aus Bildern schnell als "Malus" herausstellen kann.

Orientierung für Orientierungslose

Was macht Ikea so beliebt? Kulturwissenschaftler Thomas Düllo von der Universität der Künste Berlin findet in seinem Artikel über die "Ikeasierung der Gesellschaft" eine plausible Erklärung für das skandinavische Phänomen: "Das Gesamtkunstwerk Ikea antwortet auf ein Defizit. Es stiftet nämlich Orientierung für Orientierungslose – in Fragen des Geschmacks, der Strukturierung der Innenräume, der Auswahl von Farben, Formen und Stoffe."

Also suchen wir nach Vorgaben, die Ikea uns gibt, und nehmen dankbar die Einrichtungsbeispiele an, die sich in jedem blau-gelben Einrichtungshaus rund um den Globus gleichen. Die meisten stört es nicht, dass ihr sorgfältig gewählter Beistelltisch namens "Lack" auch noch in Millionen anderen Haushalten in Schweden, den USA oder der Türkei zu finden ist. Ist es der Preis, der besticht? Das Design, das so typisch "schwedisch" ist?

Der Schwede als Stilschule?

"Ikea ist mehr als ein Möbelhaus, Ikea ist eine Stilschule", schreibt ZEIT-Wirtschaftsredakteur Rüdiger Jungbluth in seinem Buch "Die 11 Geheimnisse des Ikea-Erfolgs". Er sieht den Erfolg des Möbelhauses im skandinavischen Design, das sich weltweit großer Beliebtheit erfreut: "Natürlich und hell, schlicht und praktisch." Das ist Schweden, das ist Ikea. Eleganz und Extravaganz sind hier fehl am Platz. Noch dazu muss man sich bei Ikea nicht für die Ewigkeit entscheiden. Ikea ist Motor und Antwort unserer Konsumgesellschaft. Hier kann man keine Kompletteinrichtung zum Einheitspreis erwerben, hier wird nach Lust und Laune kombiniert, nach wenigen Jahren werden die Möbelstücke einfach wieder ausgetauscht.

Wegwerfgesellschaft, schütteln die einen den Kopf. Super praktisch finden die anderen, wie zum Beispiel Sabrina F., Mutter von drei Söhnen und eingefleischter Ikea-Fan. Mindestens einmal im Monat verschlägt es sie zu Ikea, kauft mal nur eine Kleinigkeit, mal was Größeres. "Ich suche nicht, ich finde immer", sagt sie. Die bunten Kinderzimmer und die schneeweiße Küche in ihrer Wohnung sind ganz Ikea. "Nur das Aufbauen der Küchenzeilen war furchtbar. Das Ergebnis ist aber einwandfrei."

Ein Muss: Selber machen

Nicht ganz konform gehen treue Ikea-Einkäufer mit der Meinung, dass Ikea Einheitsbrei ist. "Natürlich kann man aus einem Allerweltsstück ein Unikat machen, man muss halt nur kreativ sein", sagt Sabrina F. und verweist auf Farblacke, Verkleidungen aus Stoff oder Kombinationen mit antiken Möbelstücken. So mag Ikea seine Kunden: aufgeschlossen und immer bereit, selbst Hand anzulegen. Diejenigen, die vom Selbermachen wenig halten, die es schätzen, wenn Schrank, Kommode oder Babybettchen fix und fertig in die eigenen Wände geliefert werden, sind nicht die Hauptzielgruppe von Ikea, auch wenn mittlerweile Lieferung und Montage angeboten werden.

Lange Zeit galt Ikea als typischer Erstausstatter, der Studierenden und Berufsanfängern mit kleiner Börse eine günstige Wohnraumgestaltung erlaubte. Heute will Ikea für alle da sein, die anpacken wollen – sei es nun für alleinerziehende Mütter, Single-Männer mit gutem Einkommen und Hund oder geschiedene Pensionisten. Auch der französische Designer und Architekt Philippe Starck beteuert in einem Magazin-Interview, seine ganzen Möbel bei Ikea zu kaufen – sogar die Plagiate seiner eigenen Entwürfe. Ikea gibt es seit 1943, seit 36 Jahren florieren Filialen in Österreich. Die Kunden sollen mit Ikea alt werden.

Schöne heile Ikea-Welt also?

Was so ausgeklügelt klingt, hat aber nicht erst in letzter Zeit medial ziemlich gelitten. Berichte über Drangsalierung der Mitarbeiter, Zwangsarbeit in der ehemaligen DDR und miese Arbeitsbedingungen in Zulieferfirmen dürften dem Image des anständigen Schweden nicht gerade zuträglich sein. Besonders die Eigentümer-Verhältnisse sind nicht zuletzt vor wenigen Wochen vom Nachrichtenmagazin "Spiegel" kritisiert worden. Firmengründer Ingvar Kamprad gilt als kauzig-knorriger Patriarch, der trotz fortgeschrittenen Alters die Zügel nicht loslassen will und Steuern ohne Ende spart, in dem er das Unternehmen splittet und in andere Ländern teilweise ausgelagert hat. Doch das tangiert die meisten Menschen nicht. Sie wollen bei Ikea eine preisgünstige, schicke Einrichtung erstehen, 15 Fleischbällchen im Restaurant verspeisen, die Kinder währenddessen im "Smaland" Kinderparadies parken und zig duftende Kerzen in die riesigen gelben Plastik-Tragetaschen packen.

Will man dem Firmenmotto Glauben schenken, so heißt das vorherrschende Ziel, vielen Menschen - nämlich auch denjenigen mit wenig Einkommen - ein schöneres Zuhause zu ermöglichen. Etwas, was lange Zeit nur einer kleinen wohlhabenden Schicht vorbehalten war, ist seit Ikea für die breite Masse möglich. Damit lässt sich richtig viel Geld verdienen. (Karin Jirku, derStandard.at, 18.02.2013)

  • Der Klassiker Billy.
 
    foto: ikea

    Der Klassiker Billy.

     

  • Kreativität ist gefragt, wenn aus einem Allerweltsstück ein Unikat werden soll.
    foto: ikea

    Kreativität ist gefragt, wenn aus einem Allerweltsstück ein Unikat werden soll.

Share if you care.