Soziales Netzwerken hat Menschheit womöglich das Überleben gesichert

14. Februar 2013, 11:55
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Zusammenhalt von Gruppen könnte vor ca. 40.000 Jahren der Vorteil von Homo sapiens gegenüber dem Neandertaler gewesen sein

Wien - Die Gehirne von Neandertalern und Homo sapiens entwickelten sich unterschiedlich. Ebenso gab es Unterschiede im Verhalten der beiden Arten. Möglicherweise hängen diese beiden Unterschiede zusammen. Der österreichische Anthropologe Philipp Gunz vom Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig wollte bei einem Vortrag in Wien aber nicht so weit gehen, zu behaupten, dass die Neandertaler ausstarben, weil sie weniger soziale Intelligenz besaßen als Homo sapiens: "Das wäre eine Überinterpretation der Daten". Doch die Fähigkeit, große Gruppen über lange Zeiträume und große Distanzen hinweg zu erhalten, könnte ein bedeutender Überlebensfaktor gewesen sein.

Bis vor 40.000 Jahren war der Neandertaler in Europa quasi konkurrenzlos. Dieser Vorteil scheint sich mit der Einwanderung des modernen Menschen, dem Homo sapiens aus Afrika, geändert zu haben. Obwohl es auch Vermischungen gegeben haben soll, hat Homo sapiens den Neandertaler zunächst nach Südeuropa und schließlich komplett verdrängt.

Gehirn wächst unterschiedlich

Welche die entscheidende Eigenschaft war, die den Unterschied zwischen Aussterben und Überleben ausgemacht hat, ist noch nicht geklärt. Das Wissenschafterteam um Philipp Gunz konnte durch den Vergleich von Schädelausgüssen, sogenannten Endocasts, einen Unterschied in der Gehirnentwicklung zwischen Homo sapiens und dem Neandertaler finden, welcher einen bedeutenden Hinweis auf diese Fragestellung liefern könnte.

Bei der Geburt ist die Schädelform von Homo sapiens und Neandertaler ähnlich langgestreckt. Doch schon im Laufe des ersten Lebensjahres macht Homo sapiens eine entscheidende Entwicklung durch, die beim Neandertaler ausbleibt. "Die Gehirnform verändert sich bei Homo sapiens von langgestreckt zu rundlich", erklärte Gunz bei dem Vortrag am Naturhistorischen Museum.

Vernetzungen als mögliche Ursache

Der Grund dafür scheinen bestimmte Gehirnregionen zu sein, welche sich beim Homo sapiens im ersten Lebensjahr vernetzen. Das Gehirn wächst in dieser Phase beim Homo sapiens auch deutlich langsamer als beim Neandertaler. Durch die Bildung synaptischer Verbindungen im Gehirn innerhalb dieser Phase scheinen sich Wahrnehmung und Verhalten verändert zu haben.

Die Gehirnrinde, welche sich als graue Substanz darstellt, ist bei allen Primaten, den Menschen mit eingeschlossen, identisch. Es ist die weiße Substanz, und somit das Netzwerk des Gehirns, welche den bedeutenden Unterschied ausmacht. Hier werden bestimmte Gehirnareale miteinander verknüpft, und das wiederum sei extrem wichtig für den Intellekt sowie für kognitive Fähigkeiten, die Grundlage für soziale Intelligenz.

Andere Art des Zusammenlebens

"Zu behaupten dass der Neandertaler ausstarb, weil er weniger soziale Intelligenz besaß als Homo sapiens könnte eine Überinterpretation der Daten sein", erklärt Gunz. Tatsache ist aber, dass es sehr wohl archäologische Belege dafür gibt, dass das Verhalten zwischen Neandertaler und Homo sapiens nicht identisch war.

So haben Neandertaler beispielsweise in viel kleineren Gruppen gelebt als die modernen Menschen. Auch Höhlenmalereien und Venusfiguren tauchen erst ab der Einwanderung von Homo sapiens in Europa auf. Der Unterschied in der Gehirnentwicklung könnte quasi "das biologische Korrelat" dazu sein, so Gunz. (APA, 14.2.2013)

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