Papsttum, entmythologisiert

Kolumne13. Februar 2013, 18:40
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Benedikt XVI. hat mit seinem Rücktritt deutlich gemacht, dass auch das Papsttum letzten Endes weltlichen Gesetzen gehorchen muss

Papst Benedikt XVI. war und ist ein Konservativer, der das Eindringen des Weltlichen in die Kirche fürchtete und bekämpfte. Aber mit seinem Rücktritt hat er ebendieses befördert. Er hat das Papsttum entmythologisiert. Ab jetzt wird es zur Normalität gehören, dass es neben Altbundespräsidenten und Alterzbischöfen auch Altpäpste gibt.

Einige Attribute der überragenden Stellung des Stellvertreters Christi auf Erden haben schon Benedikts Vorgänger abgeschafft: die Tiara, die dreistufige Krone; die Sedia gestatoria, die Sänfte, in der der Papst in den Petersdom hereingetragen wurde; den Fußkuss. Aber dass der Inhaber des Petrusamtes den Stuhl Petri nicht einfach verlassen kann, obwohl das kirchenrechtlich zulässig ist, war bis jetzt ungeschriebenes Gesetz.

Johannes Paul II. hat dieses Aushalten im Amt buchstäblich bis zum letzten Atemzug öffentlich zelebriert. Die Botschaft: Auch im Leiden und Sterben geht der oberste Hirte seiner Herde voran und zeigt, wie man als Christ sein Leben zu Ende bringt. Für die Öffentlichkeit am Fernsehschirm war das ein heroisches, nicht selten auch gruseliges Schauspiel: ein Papst, der nicht mehr gehen und nicht mehr reden kann, geschweige denn arbeiten, der aber immer noch im vollen Ornat vom Balkon aus die Menge auf dem Petersplatz segnet.

So etwas lässt sich nicht wiederholen. Nachfolger Benedikt hat mit seinem Rücktritt deutlich gemacht, dass auch das Papsttum letzten Endes weltlichen Gesetzen gehorchen muss. Dass ein 86-Jähriger eine riesige internationale Organisation, die gewaltige Probleme hat, allein führt, ist nach allen normalen Maßstäben ein Wahnsinn. Mit seiner Entscheidung zum Aufhören sagt Papst Benedikt: Auch der Papst ist ein Mensch. Auch die Leitung der Weltkirche ist neben ihrer spirituellen Dimension eine harte Arbeit, die professionell erledigt werden muss - und aufgegeben, wenn das nicht mehr möglich ist.

Joseph Ratzinger ist ein Mann, der in der Welt des traditionellen bayrischen Katholizismus aufgewachsen und als junger Intellektueller in die Welt der Kirchenväter der Frühzeit, Augustinus und Bonaventura, gewechselt ist, über die er als Theologe gearbeitet hat. Seine Heimat ist die Kirche als übernatürliche Einrichtung, das reale Leben realer Menschen ist ihm in immer weitere Fernen gerückt. Längst haben auch fromme Katholiken aufgehört, sich um römische Weisungen zu scheren. Pillenverbot, keine Sakramente für Geschiedene und Wiederverheiratete, Zölibat, keine Frauen - all das gehört auch unter Gläubigen weitgehend in die Kategorie "Mönchsgezänk". Und die vatikanische Kurie wird als geschlossene Gesellschaft inferiorer Funktionäre wahrgenommen.

All das hat Benedikt XVI. nun hinter sich gelassen. Er hätte befreit gewirkt, als er seinen Rücktritt verkündete, sagen Augenzeugen. In Zukunft wird man ihn wohl wieder, wie früher, gelegentlich durch die vatikanischen Anlagen trippeln sehen, ein zerbrechlicher alter Herr im schwarzen Anzug, die Baskenmütze auf dem Kopf, die Aktentasche unter dem Arm. Er wird Bücher schreiben und aus der Distanz seiner Klosterwohnung zuschauen, wie es unter seinem Nachfolger mit seiner Kirche weitergeht. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 14.2.2013)

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