"Die schwierigste Position ist die des Favoriten"

Interview13. Februar 2013, 18:45
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Max Gartner, Präsident des kanadischen Skiverbandes, hat die Außensicht, was die österreichische Skifahrt betrifft, und die Innensicht, was den Sport betrifft. Benno Zelsacher befragte ihn zu Champions, nationalen Vorlieben und großen Brüdern

STANDARD: Österreich jubelt über Gold. Ihre Mannschaft hat im Teambewerb das Spiel um Bronze verloren. Ist das ein Problem?

Gartner: Ja. Die WM ist der letzte Test für Olympia, wir sollten anschreiben. Wenn wir keine Medaillen machen, ist das ein finanzielles Problem. Dann bekommen wir viel weniger Geld aus dem staatlichen Förderprogramm On the Podium. Unsere Finanzen sind nicht stabil. Vom Budget von sechs Millionen Dollar geht mehr als die Hälfte für Reisen drauf.

STANDARD: Ist Situation der Österreicher, die hier in der Abfahrt und im Super-G keine Medaillen gemacht haben, mit jener der Kanadier zu vergleichen, die bei den Olympischen Heimspielen in Vancouver nichts gerissen haben?

Gartner: Auch wir haben hohe Erwartungen gehabt - und viele Verletzte. Die Athleten haben den Druck nicht ausgehalten.

STANDARD: In Schladming ist von Anfang an vom Druck die Rede. Marcel Hirscher, souverän im Teambewerb, wird seit Tagen zum Retter der Nation hochstilisiert.

Gartner: Es ist brutal schwierig im Sport, dem Druck standzuhalten, wenn die Erwartungshaltung so hoch ist. Das halten nur ganz wenige aus. Da musst du schon sehr gefestigt sein.

STANDARD: Kann das System zur Festigung beitragen?

Gartner: Das hat mit dem System nichts zu tun. Das sind Persönlichkeiten, die das drinnen haben. Lindsey Vonn, Julia Mancuso, Aksel Lund Svindal, Ted Ligety oder Hirscher sind nicht aus einem System gekommen. Wenn der oben steht in der Starthütte, kann keiner beeinflussen, was in seinem Kopf vorgeht. Da kristallisieren sich die wirklichen Champions heraus. Als Außenseiter hast du nichts zu verlieren. Die schwierigste Position ist die des Favoriten.

STANDARD: Haben es die Österreicher deshalb immer schwerer beim Skifahren?

Gartner: Du brauchst Athleten, die schon einmal in dieser Situation waren. Da haben die Österreicher den Vorteil, dass es schon in der Jugend so eine Dichte gibt und sie unter Druck stehen. Wie oft ist der Benjamin Raich oben gestanden im zweiten Durchgang und hat es geschafft. Wenn du das nächste Mal oben stehst, weißt du, wie es geht.

STANDARD: Es fällt auf, dass das oft die US-Amerikaner am besten wissen. Weshalb ist das so?

Gartner: Wir haben diesen Komplex, Kanada gegen Amerika, das ist das Gleiche wie Österreich gegen Deutschland. Die Amerikaner haben einfach dieses Selbstbewusstsein, es wird ihnen in die Wiege gelegt, dass sie die Besten sind. Der Kanadier ist von der Mentalität mit dem Österreicher zu vergleichen. Die Amerikaner glauben, dass sie die Champions sind. Wenn das so tief drinsteckt, ist das schon der Vorteil.

STANDARD: Ist das nicht ein Klischee?

Gartner: Wir haben oft und lang diskutiert, uns gesagt, wir müssen wie die Amerikaner sein. Aber das kann man nicht lernen, das steckt in einem Volk drin. Die Kanadier sind freundliche, nette Menschen, haben aber den Kampfgeist, pauschal gesagt, nicht so drinnen. Es gibt Ausnahmen.

STANDARD: Was in Österreich der alpine Skisport ist, ist in Kanada das Eishockey. Wie sieht das ein Kanada-Austrianer?

Gartner: Deshalb war Vancouver super. Wenn wir das Eishockeyfinale gegen die USA verloren hätten, wäre das ein Wahnsinn gewesen. Für die Amerikaner wäre es wurscht gewesen. Für uns war es der entscheidende Punkt. Die Kanadier müssen die Goldmedaille machen, alles andere gilt nicht. Wenn die nichts reißen, wird sofort alles hinterfragt, das System, die Trainer, die Funktionäre.

STANDARD: Kanadier und Norweger trainieren ja zusammen. Spionieren Sie bei den Österreichern?

Gartner: Da kommst du nicht hin.

STANDARD: Der ÖSV ist nicht sehr beliebt bei der Konkurrenz?

Gartner: Die Österreicher sind immer der erste Gegner, nicht nur in sportlicher Hinsicht. Die Infrastruktur gibt es auf der ganzen Welt nicht.

STANDARD: Das ist eine der wenigen Geschichten, wo Österreich der große Bruder ist.

Gartner: Jeder versucht, sich an den Österreichern zu orientieren. Die kleinen Nationen müssen sich zusammentun, damit sie mithalten können. Die Österreicher haben jede Abfahrtsstrecke abgedeckt mit Trainern, Videos und Analysen. Da steckt auch eine Riesenforschung dahinter.

STANDARD: Für das gewinnen sie aber recht wenig in der Abfahrt.

Gartner: Das alles macht zwar Kleinigkeiten aus. Aber da sind wir wieder beim Champion.

STANDARD: In Österreich macht man sich gern klein, viele weisen darauf hin, dass Skisport in Amerika keinen interessiert. Dem Kanadier ist es aber wurscht, ob Eishockey anderswo interessiert.

Gartner: Das stimmt. Aber Österreich nimmt Skifahren als Tourismuswerbung her. Da darf man nicht immer dieselben Leute ansprechen. Deshalb hat mich das so gestört mit der Lindsey Vonn, dass sie nicht bei den Männern mitfahren durfte. Das wäre die Chance gewesen, den Sport in Nordamerika populär zu machen. Aufpassen müssen wir sowieso. Der Sport muss attraktiver werden. Vielleicht mit Sprintabfahrten oder einer Quali und einem Rennen der besten 25. Der Teambewerb war gut. Die Gefahr ist aber groß, dass wir die Jugend verlieren. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 14.2.2013)

Max Gartner (54), Oberösterreicher, kickte einst bei VOEST Linz und Wacker Innsbruck und kam 1983 als Skitrainer nach Kanada. Seit 2007 ist er (bezahlter) Präsident des kanadischen Skiverbandes. Er lebt mit seiner Frau Kerrin Lee-Gartner, Abfahrts-Olympiasiegerin 1992, und zwei Kindern (18 und 16) in Calgary.

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    "Wir haben diesen Komplex, Kanada gegen Amerika, das ist das Gleiche wie Österreich gegen Deutschland."

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