EU erwartet Schub durch Freihandelsabkommen

13. Februar 2013, 18:15
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Die USA und Europa wollen Handelsbarrieren abbauen. Obama, Van Rompuy und Barroso kündigten Gespräche an

Unzählige Auflagen, langjährige Zulassungsverfahren: Europäische Unternehmen, die in den USA ihre Produkte verkaufen wollen, müssen rasch feststellen, dass es nicht leicht ist, Zugang zum größten Markt der Welt zu bekommen. Diese Erfahrung macht derzeit Apeptico. Das Wiener Biotechunternehmen möchte ein Medikament gegen verschiedene Lungenkrankheiten in den USA lizenzieren lassen, zeitgleich läuft das selbe Verfahren in der EU. Doch durch die unterschiedlichen Auflagen in Europa und Amerika müsse man jeden Verwaltungsweg doppelt gehen, jedes Patent zweifach anmelden, erzählt Apeptico-Geschäftsführer Bernhard Fischer. "Das Ganze ist ein ungeheurer teurer, steiniger Weg."

Abbau von Zöllen und Handelsschranken

Das soll sich ändern: US-Präsident Barack Obama kündigte am Mittwoch mit EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kommissionspräsident José Manuel Barroso Gespräche über einen Pakt zum gegenseitigen Abbau von Zöllen und Handelsschranken an. Zur Jahresmitte sollen die Verhandlungen zwischen Washington und Brüssel starten, am Ende könnte die größte Freihandelszone der Welt stehen.

Tatsächlich spricht vieles dafür, Europa und die USA enger zusammen zu schweißen: Jährlich werden derzeit Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 700 Milliarden Euro über den Atlantik hinweg getauscht. Die Schutzzölle sind bereits extrem niedrig, sie liegen nach Angaben der US-Handelskammer bei durchschnittlich drei Prozent. "Auf die Abschaffung der Zölle könnte man sich schnell einigen, kein Sektor wäre überhart getroffen", meint Gabriel Felbermayr, Ökonom am Münchner Ifo-Institut.

Was bei den Unternehmen jährlich Milliardenkosten verursacht, ist die Einhaltung der unterschiedlichen Produktnormen. Fast ein Drittel des Warenaustausches findet innerhalb des gleichen Konzernes statt, was die hohen Marktzutrittskosten besonders absurd erscheinen lässt.

Automobil-, Pharmazie- und Chemiesektor

Die EU-Kommission geht davon aus, dass der Abbau der Handelsbarrieren insbesondere den europäischen Automobil-, Pharmazie- und Chemiesektor zugutekommen würde. Die jährlichen Exporte in die USA würden nach Abschluss eines Freihandelsabkommens um zwei Prozent ansteigen. Zu den größten Profiteuren könnte Österreich zählen: Nach einer 2012 für das Wirtschaftsministerium in Wien erstellten Studie, würde Österreichs jährliche Wirtschaftsleistung durch den Abbau der Barrieren um 1,75 Prozent ansteigen, EU-weit wären es 0,75 Prozent. Auch in Österreich würden insbesondere Automobilzulieferer profitieren.

Auf der anderen Seite ist die engere Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA für viele Konsumentenschützer eine Horrorvorstellung. Vor allem in der Landwirtschaft und bei Lebensmittelsicherheit erscheinen die Auffassungsunterschiede nahezu unlösbar. In der EU ist die Einfuhr von genverändertem Mais und Soja verboten, ebenso untersagt sind diverse Hormonfleischprodukte. Gegen die Importverbote kämpfen die Amerikaner seit Jahren vergebens an. Zwar wäre laut EU-Kommission der Abschluss eines begrenzten Freihandelsvertrages möglich, der bestimmte Beschränkungen aufrecht lassen könnte. Erwogen wird auch das Thema Agrar gänzlich auszuklammern. "Allerdings haben die USA nur wenig Interesse an kleinteiligen Lösungen. Für die Verwaltung ist es ein enormer Aufwand ein Abkommen auszuhandeln. Wenn man sich das schon antut, wird Washington auf breite Zugeständnisse aus Europa pochen", sagt der Ökonom Felbermayr.

Die Chancen, dass ein Deal zustande kommt, stehen seiner Ansicht nach derzeit dennoch so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. "Die USA wie Europa brauchen dringend Wachstum, und üppige Konjunkturpakete kommen für die Politik derzeit nicht infrage." Bis die Verhandlungen Ergebnisse bringen wird es jedenfalls noch dauern, die EU rechnet mit Abschluss der Gespräche frühestens 2015. (András Szigetvari, DER STANDARD, 14.2.2013)

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    grafik: der standard, quelle: wirtschaftskammer, eu-kommission
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