Kaffeesudlesen in Saudi-Arabien

Analyse13. Februar 2013, 18:46
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König Abdullah von Saudi-Arabien leitete zuletzt einen Generationswechsel auf öffentlichen Posten ein - was als mögliches Signal für seine Nachfolge gesehen wurde. Nun setzte er jedoch seinen Bruder Muqrin in ein Amt, das traditionell künftigen Kronprinzen gehört

Riad/Wien - Während Außenminister Michael Spindelegger seinen Besuch in Saudi-Arabien absolvierte, gab es im Königshaus einen Trauerfall: Prinz Sattam, Gouverneur von Riad, starb 72-jährig. Er war der 30. (sic!) Sohn von Staatsgründer Abdulaziz und ein Halbbruder von König Abdullah, der heuer 90 wird, und von Kronprinz und Verteidigungsminister Salman (78). Noch sind die überlebenden Abdulaziz-Söhne, aus deren Reihen seit dessen Tod 1953 die Könige kommen, 17 an der Zahl - aber darunter sind nur mehr ganz wenige, die für die Thronfolge infrage kommen.

Die "Saudologen" hatten in den vergangenen Monaten Hochkonjunktur, als einige Personalentscheidungen Abdullahs einen Generationswechsel - die Besetzung von allerhöchsten Posten mit Enkeln des Staatsgründers - signalisierten: vor allem die Ernennung von Bandar bin Sultan zum Geheimdienstchef und von Muhammad bin Nayef zum Innenminister. Beide lösten Brüder Abdullahs ab - ein erstaunlicher Vorgang.

Nun bestellte jedoch Anfang Februar der König überraschend seinen Bruder Muqrin bin Abdulaziz zum zweiten Vizepremier. Das ist ein Posten, von dem traditionellerweise Kronprinzen nachrücken. Das würde heißen: in der Thronfolge kein Generationssprung, sondern Kontinuität.

Integer und beliebt

Prinz Muqrin ist mit 67 zwar relativ jung, und er soll integer und beliebt sein, dennoch sah man seine Karriere eigentlich als beendet an, als er von Bandar als Geheimdienstchef abgelöst wurde. Seine jemenitische Mutter galt als Hinderungsgrund für eine Thronfolge. Deshalb wird auch für möglich gehalten, dass Muqrin eventuell aus der zweiten Reihe agieren soll: Denn der König ist nicht mehr vollzeit-arbeitsfähig - und der Kronprinz an Demenz erkrankt. Das behauptet zumindest Simon Henderson, ein Saudi-Arabien-Experte vom Washington Institute for Near East Policy.

Abdullah hat seit Herbst 2011 ja bereits zwei Kronprinzen verloren - Verteidigungsminister Sultan und Innenminister Nayef, der im Juni 2012 starb. Von Sultan war klar, dass er nicht gesund genug sein würde, um das Königsamt jemals auszufüllen; als Kronprinz blieb er trotzdem in Amt und Würden.

Das jetzige Vorgehen des Königs ist für ihn typisch: Schutz des Status quo mit einer gleichzeitigen vorsichtigen Bewegung. Die große Frage für alle Beobachter Saudi-Arabiens - vor allem in den USA - ist, was gefährlicher für die Stabilität des Landes ist: Wenn Abdullah das Management des Übergangs nicht in die Hand nimmt und keine klaren Entscheidungen trifft - oder wenn er gerade durch diese Entscheidungen Zank in der Familie sät. Denn es wird Teile geben, die sich übergangen fühlen und womöglich nicht untätig zuschauen werden, wenn ein anderer Zweig den Zuschlag erhält.

Vermittler

Muqrin könnte, gerade weil seine Familie mangels Stammbaum nicht beim großen Machtspiel mithalten kann, vielleicht ein guter Vermittler des Generationswechsels sein, sei es als Mann im Hintergrund, hinter Salman, oder als Übergangskönig.

Die Söhne des verstorbenen Kronprinzen Nayef sind jedenfalls gut platziert. Saud bin Nayef wurde vor kurzem zum Gouverneur der östlichen Provinz - heikel wegen ihrer unruhigen Schiiten - ernannt. Als US-Präsident Barack Obama im Jänner Innenminister Muhammad bin Nayef empfing - eine unübliche Geste -, sah das fast so aus, als würden die USA auf ihn als möglichen Mann nach oder anstatt Salman setzen. Aber die erwartete Ernennung Mohammeds blieb danach aus: Statt dessen kam Muqrin.

Muqrins diverse Interviews nach seiner Ernennung kreisen völlig um die Botschaft, dass Saudi-Arabien ganz im Service seiner Bürger stehe: Gesundheitswesen, Wohnbau, Erziehung, Arbeitsplatzbeschaffung, Technologieschub nannte er als seine Prioritäten. Seit dem Beginn des Arabischen Frühlings betont der Staat seine Rolle als Dienstleister noch mehr als früher. Das strenge religiöse Establishment - für jeden Beobachter von außen mit der Anmutung von Moderne inkompatibel - ist zwar da, es wird aber vom Diskurs irgendwie abgespalten. Ein Teil der Aufgaben des Königshauses wird ja sogar darin gesehen, die allerärgsten Exzesse der ultrakonservativen Sheikhs einzudämmen. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 14.1.2013)

  • Eine Parade der King Faisal Air Academy zu Jahresbeginn. Verteidigungsminister Salman ist zugleich Kronprinz.
    foto: reuters/fahad shadeed

    Eine Parade der King Faisal Air Academy zu Jahresbeginn. Verteidigungsminister Salman ist zugleich Kronprinz.

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