Auch Sex ist ein Stahlbad

14. Februar 2013, 07:00
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Jetzt nimmt sich Reality-TV unseres Sexlebens an - Eine neue Dimension der Ausstellung des Intimen oder nur logische Konsequenz?

Reality-TV setzt Grenzen. In den zahlreichen Ratgeber-Formaten mit Problemen aus dem "echten Leben" wird recht genau festgelegt, ab welchem Gewicht wir unsere Gesundheit ruinieren, mit welchen Erziehungsmethoden wir die Kinder verkorksen, welche Einrichtung das Zeitliche gesegnet hat oder welcher aufgenommene Kredit nun einer zu viel war. Die Arbeit am Körper, an den Kindern, an einem perfekten (schuldenfreien) Heim; es gibt viel zu tun. Das private wie auch öffentlich-rechtliche Fernsehen hat unseren Seelen etliche Baustellen verschafft.

Das drohende Liebesaus

Rechtzeitig zum Valentins-Hype nimmt sich ATV eine neue vor - dem Sex in Langzeitbeziehungen. "Rettet die Liebe! - 7 Tage Sex" heißt das Format, das letzte Woche auf dem Privatsender startete. Paare beklagen in der Sendung ihr erlahmendes Liebesleben und fürchten darob das nahende Liebesaus. Um das drohende Ende abzuwenden, müssen die Kandidatinnen einer Rezeptur Folge leisten, die auch in manchen Paartherapien zur Anwendung kommt: Die Selbstverpflichtung zum regelmäßigen Sex. Für die ProtagonistInnen der Sendung heißt das: 7 Tage Sex. Egal ob Lust oder Unlust, das Pensum muss erfüllt werden. Vielleicht sei es ja ganz gut, keine Ausreden mehr zu haben, meint die Kandidatin der ersten Folge schulterzuckend dazu. Vonseiten des Senders heißt es, dass damit den Paaren die Möglichkeit gegeben werde, "sich und ihr Gegenüber neu zu entdecken". Nicht um "Voyeurismus" soll es gehen, sondern um die "Entwicklung der Partnerschaft".

Doch mit diesem Anspruch ist es nicht weit her: Die KandidatInnen halten intime Fotos aus den ersten verliebten Monaten in die Kamera und machen genaue Angaben darüber, wie oft, und - "wenn überhaupt" - wie lange das Paar Sex hat. Ist mit dem sezierenden Blick auf Beziehungssex eine neue Schwelle bei der Normierung unseres Gefühlslebens erreicht? Nicht wirklich, meint die Medien- und Kulturtheoretikerin Andrea Seier gegenüber dieStandard.at. "Ich sehe eher eine Kontinuität zwischen den Themensetzungen der einzelnen Formate, die sich allesamt auf Fragen der Lebensführung konzentrieren."

Kalkulierte Leidenschaften

Interessanter als die Frage Neu oder nicht, sei die Art und Weise, wie Selbsterfüllung und Techniken einer effizienten, rationalisierten Lebensführung zusammengebracht werden. "Effizienz, Rationalität und Leidenschaft schließen sich in diesen Formaten nicht gegenseitig aus. Man muss also fragen: Unter welchem Aspekt wird Sexualität hier thematisiert? Welche Versprechen werden mit ihr aufgerufen? Und wie wird der Zusammenhang hergestellt zwischen der Idee eines 'gelingenden Lebens' und einem reibungslosen Ablauf von Beziehungen? Welche 'Störfaktoren' werden relevant?", so Seier, die sich in ihrer Forschungsarbeit unter anderem auf Medien als Technologien des Selbst konzentriert.

Was zu einem gelungenen Leben zu gehören hat, wird in "Rettet die Liebe! - 7 Tage Sex" genauso als kollektive Übereinkunft vorausgesetzt, wie auch eine sehr bekannte Palette an "Störfaktoren" für ein erfülltes Sexleben: Die Kinder, die Migräne, dass ihr Körper nicht mehr so knackig wie früher ist, dass er nicht Kuscheln will. Die Hindernisse, die die KandidatInnen meinen, nehmen zu müssen, sind streng auf Frauen und Männer verteilt. Die KandidatInnen legen sogar einen gewissen Ehrgeiz an den Tag, möglichst eindeutig den männlichen bzw. den weiblichen Part innerhalb der Problemlage zu verkörpern.

Um dennoch ein Bild höchster Privatheit und Individualität zu erzeugen, dokumentieren sich die KandidatInnen die "7 Tage Sex" mit einer sogenannten "Tagebuchkamera" immer wieder selbst. Eine Chance zu mehr Gestaltungsmöglichkeiten, mit denen gegen die Normierung trotz der starren Aufgabenlage (7 Tage jeden Tag Sex) und Zielsetzung (mehr Sex auch in Zukunft) zumindest ästhetisch etwas entgegengehalten wird? "Im Gegenteil", lautet Andrea Seiers Einschätzung. "Es suggeriert eine Autonomie und Souveränität, die die Logik der Selbstentblößung letztlich intensiviert und noch wirksamer werden lässt."

Der Körper spielt, wie in "Rettet die Liebe! - 7 Tage Sex" auch, in zahlreichen anderen Reality-TV-Formaten eine zentrale Rolle. An ihm kann jedeR arbeiten, wenn sie oder er nur will,  lautet der Tenor. "Auch Leidenschaft kann sich dem Diktat des Erlernbaren nicht mehr entziehen", so Seier. Dennoch bleibt ein gewisser Faktor des Unkontrollierbaren: "Was sich in all den Formaten zeigt, ist, dass vom Körper nach wie vor eine gewisse Unruhe und Unberechenbarkeit ausgeht. Die vielen Trainingsprogramme, von Diäten über Sport bis zu Wellness schaffen es nicht ganz, darüber hinwegzutäuschen." Dies würde drauf hindeuten, dass diese unermüdliche Arbeit am Körper letztlich nie gelingen kann.  

Klingt nicht nach Spaß

Sex als Arbeit, Entblößung, Normierung von Problemen wie auch Wünschen und Begierden - klingt nicht gerade nach Spaß. Angesichts dessen stellt sich wie bei anderen Reality-Formaten auch bei "Rettet die Liebe! - 7 Tage Sex" die offenkundige Frage: Warum tun sich KandidatInnen wie ZuseherInnen das an? Darauf hat auch die Medienwissenschafterin keine klare Antwort. Sie gibt aber zu bedenken, dass die Einschätzungen darüber, was privat bleiben muss und was nicht, auch von klassenspezifischen Regulierungen und Ritualisierungen beeinflusst werden.

Warum der Sender das Arbeitsfeld für seine ZuschauerInnen auf Sex ausweitet, lässt sich schon einfacher beantworten: Sex ist auch in vielen anderen Formaten - vom Dschungelcamp bis zu Big Brother - zum selbstverständlichen Dauerbrenner geworden. Zwar hat der Feminismus über viele Jahre aufgezeigt, dass Sexualität, und die Art und Weise, was wir darunter überhaupt verstehen, sehr viel mit kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten zu tun hat, erklärt Seier. "Sexualität gilt aber noch immer als ein Refugium, dass das größte Versprechen auf Authentizität und Privatheit bereithält".

Und letztlich ist es genau dieses Versprechen auf Authentizität und Privatheit, mit dem Formate wie "Rettet die Liebe! - 7 Tage Sex" locken. Gleichschaltung und endlose Arbeit am Selbst ist das, was wir bekommen. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 14.2.2013)

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    Das Bett als weitere Baustelle? ATV eröffnete diese mit dem Format "Rettet die Liebe! - 7 Tage Sex".

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