Unzufriedenheit in Südafrika: "Ich rieche den Rauch, das Feuer rückt näher"

Reportage14. Februar 2013, 05:30
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Der ANC hat bisher nur wenig Versprochenes gehalten, Arbeitslosigkeit und Korruption grassieren - Immer öfter brechen blutige Aufstände aus

Es ist diese eine Fotografie. Dieser eine Augenblick des Schreckens, festgehalten in grobkörnigem Schwarz-Weiß: Mbuyisa Makhubo schleppt den verblutenden Hector Pieterson aus der Schusslinie. Zorn, Ohnmacht und Grauen sind in seinem Gesicht eingebrannt über ein Regime, das zwölfjährige Schulbuben erschießen lässt. Mehr als 600 Menschen werden an diesem 16. Juni 1976 tot in ihrem Blut liegen. Die Apartheid-Regierung glaubt für Ruhe gesorgt zu haben, dabei hat sie mit diesem Massaker ihr Ende eingeleitet. Das Bild geht um die Welt. Eine Rechtfertigung dafür, Kinder zu töten, weil sie nicht Afrikaans lernen wollen, gibt es nicht.

Soweto, Südafrika. Von Johannesburg aus geht es in die Township - vorbei am größten Fußballstadion Afrikas, der Soccer City, und an alten Minen-Abräumhalden, die Chinesen nach Goldresten durchstöbern. Fünf Millionen Menschen leben hinter dem "Welcome to Soweto"-Schild. An der Kuhmalo Street steht das Apartheidmuseum und ein Denkmal für die Jugendlichen, die für die Freiheit gestorben sind. Nelson Mandela habe es eingeweiht, sagt Zongezile Makhubu, der Führer.

Er wurde drei Jahre nach dem Soweto-Massaker geboren, der verzweifelte junge Mann auf dem Foto ist sein Onkel. Makhubu ist erst unlängst aus der Township nach Johannesburg gezogen. Er hat Familie und will demnächst sein eigenes Unternehmen im Kulturbereich gründen. Eine Erfolgsgeschichte, die das heutige Südafrika symbolisiert und dem Tod Hector Pietersons zumindest ein wenig Sinn geben könnte? Makhubu ist skeptisch.

Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildung und Korruption

"Wir sind über die Hautfarbe hinweggekommen", sagt er. Für junge Südafrikaner sei das heute kein Problem mehr. Was sie viel mehr plage, seien Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildung und die immer schlimmer grassierende Korruption. "Jacob Zuma und der ANC haben nichts für uns getan. Diese Leute glauben, der Staat gehöre ihnen. Zuma räumt sich und seiner Familie die Taschen voll, zahlt Gefälligkeiten zurück, die ihn bis ins Präsidentenamt gebracht haben. Ich hoffe, er wird nicht mehr gewählt."

Dass das 2014 tatsächlich geschehen könnte, ist äußerst unwahrscheinlich. Die Anhänger des African National Congress (ANC) stehen noch geschlossen. Aber noch fünf Jahre unter Zuma, der neben den Korruptionsvorwürfen auch durch umstrittene Aussagen über Frauen und Homosexuelle aufgefallen ist, wären fürchterlich, sagt Makhubu. Dann steuere das Land auf eine echte Krise zu: "Ich kann den Rauch riechen, das Feuer rückt näher."

Allein ist der 34-Jährige mit dieser Einschätzung nicht. In seiner jüngsten Ausgabe hat die Wochenzeitung "Mail & Guardian" Umfragen veröffentlicht, die einen massiven Vertrauensverlust in die ANC-Regierung attestieren: 62 Prozent der jungen Südafrikaner zwischen 18 und 34 Jahren erklärten, sie seien unzufrieden mit dem Präsidenten. Dazu kommen die Sozialkrawalle, die zunehmen und gewalttätiger werden. Im Herbst gab es zwei Dutzend Tote bei einem Protest von Minenarbeitern, und zuletzt brannten Straßen bei Landarbeiter-Aufständen.

Zumas innerer Zirkel

Regierungssprecher Mac Maharaj war den ganzen Tag über damit beschäftigt, zu erklären, was die Regierung nach der Vergewaltigung und dem Mord an einem Mädchen in Kapstadt zu tun gedenke. Nun bestellt er sich im noblen DaVinci-Hotel in Johannesburg einen Whiskey auf Eis. Von der Kritik Makhubus will er nur wenig gelten lassen: "Manche Leute haben einfach keine Ahnung, woher wir kommen", sagt der alte ANC-Kämpfer, der in den 1970er-Jahren mit Nelson Mandela auf der Gefängnisinsel Robben Island einsaß und von dort dessen Autobiografie auf 60 winzig beschriebenen Seiten herausschmuggelte. Heute gehört er zum inneren Zirkel um Zuma, dem ständig krumme Geschäfte nachgesagt werden.

Ja, das Land habe Probleme. Aber seit den ersten freien Wahlen 1994 sei es doch weitergekommen. Und die häufig vertretene Meinung, dass Befreiungsbewegungen wie der ANC generell nicht in der Lage seien, Übergänge zu modernen Gesellschaften zu tragen? Maharajs Stimme überschlägt sich: "Ach, das ist doch billige Polemik! Ohne Befreiungsbewegung hätten wir gar keine Freiheit. Da verlangen manche von uns mehr und schneller etwas, als sie es selber zu tun bereit wären. Das ist genauso wie mit der Korruption: Haben etwa Frankreich oder Deutschland jemals jemanden deswegen eingesperrt?"

Der unerfüllte Traum

Ob Maharajs Empörung echt ist oder der alte Profi gut schauspielert, lässt sich nur schwer sagen. Eine (weiße) ANC-Aktivistin, die in den 1980er-Jahren in den Untergrund ging und der Partei inzwischen den Rücken gekehrt hat, ist von Letzterem überzeugt: "Er hat wie Zuma irgendwann die falsche Abzweigung genommen", sagt die 52-Jährige, die heute in Kapstadt lebt und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Nelson Mandelas Freilassung  und den Versöhnungsprozess hat sie begeistert mitgemacht, aber heute sei der "Traum von damals noch immer nicht erfüllt".

Im Gegenteil: Mit dem ANC gehe es wieder in eine ganz andere Richtung. Es werde versucht, Medien zu zensieren und die Wirtschaft zu kontrollieren. Präsident Zuma habe, als ehemaliger Geheimdienstchef des ANC, gegen alle etwas in der Hand und sei nahezu unangreifbar geworden. " Ich fürchte mich vor einem neuen Simbabwe hier", sagt die Ex-Aktivistin düster. "Von der Freiheit kann es schnell wieder zurück zur Autokratie gehen." (Christoph Prantner, DER STANDARD, 14.2.2013)

  • Steigende Arbeitslosigkeit und Ungleichheit lösen in Südafrika immer öfter gewalttätige Unruhen aus. Im Bild: Ein Landarbeiterprotest in De Doorns, nordöstlich von Kapstadt.
    foto: epa/nic bothma

    Steigende Arbeitslosigkeit und Ungleichheit lösen in Südafrika immer öfter gewalttätige Unruhen aus. Im Bild: Ein Landarbeiterprotest in De Doorns, nordöstlich von Kapstadt.

  • Das Mahnmal für den 1976 getöteten Schüler Hector Pieterson in Soweto.
    foto: christoph prantner

    Das Mahnmal für den 1976 getöteten Schüler Hector Pieterson in Soweto.

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