Peugeot-Arbeiter: "Die Fabrik gehört uns"

Reportage13. Februar 2013, 18:47
313 Postings

Lokalaugenschein: In der bestreikten und von der Schließung bedrohten Fabrik Aulnay herrscht Hochspannung

"Ein Funke genügt", raunt der junge Flugblattverteiler den Arbeitern zu, die durch die Drehtore die PSA-Fabrik verlassen. Es ist 14 Uhr, Schichtwechsel in der PSA-Fabrik von Aulnay-sous-Bois, einem trostlosen Vorort von Paris. Die Wolken hängen tief, die Gesichter sind verschlossen. Kaum jemand greift sich das Flugblatt mit der Überschrift "L'étincelle" (der Funke), auf dem Hammer und Sichel prangen.

Zu einer kleinen Revolution wären die Kumpel allemal bereit. Seit drei Wochen bestreiken sie die Fabrik. Ihr Protest richtet sich gegen die für 2014 angekündigte Schließung dieser Werkstätte, einer der ältesten von Peugeot-Citroën - und Sinnbild für den brutalen Einbruch der französischen Autoindustrie: Wegen der sinkenden Nachfrage streicht PSA insgesamt 8000 Stellen, Renault deren 8200.

Soziale Spannung

Die soziale Spannung überträgt sich auf das ganze Land. In Aulnay könnte der Funke als Erstes zünden. Wütend streiken die Arbeiter für die Beibehaltung der Fabrik. Das Werk, ein Hangar von so riesigen Ausmaßen, dass man in der Mitte nicht einmal die Seitenwände sieht, steht bereits weitgehend still. Auf den Fließbändern warten halb fertige Karosserien des Citroën-Modells C3. Wie in einem Filmriss: Nichts bewegt sich.

Bis auf eine surreale Szene. Mitten in dieser erstarrten Fabriklandschaft stehen sich auf einem Vorplatz zwei Gruppen gegenüber - auf der einen Seite Arbeiter mit Gewerkschaftsklebern auf den Lederjacken, auf der anderen Seite PSA-Kader mit Helmen und leuchtend gelben Fabrikwesten.

Gewerkschafter François: "Wir wollen die Fabrik besetzen, und sie wollen uns daran hindern. Seither schauen wir uns in die Augen." Vor einigen Tagen hatten die Streikenden Mobiliar zerstört, Streikparolen gesprayt; sie bewarfen die Arbeitswilligen mit Eiern und Schrauben. Fast zündete der Funke. Die Direktion ließ Gerichtsvollzieher kommen, um die Schäden festzustellen, und will gegen die streikende "Minderheit", wie sie sagt, Klage einreichen.

"Zermürbungstaktik"

Als wäre die Lage noch nicht absurd genug, erklingt plötzlich ein Trommelwirbel. "Das Spektakel beginnt", verkündet François mit zusammengebissenen Zähnen. Zwei Arbeiter treten mit umgeschnallten Blechtrommeln auf. Sie dreschen wie wild auf das Fell und stürmen auf die Westenträger zu, um Zentimeter vor ihnen zu bremsen. Ein Arbeiter röhrt mit einem Nebelhorn, einer zündet einen Knallfrosch.

"Zermürbungstaktik", schreit François durch das Inferno. "Wir machen Lärm, um sie zu vertreiben. Sie sind nur noch zwei Dutzend - halb so viele wie am Anfang." Die PSA-Kader, mit verschränkten Armen und Pfropfen in den Ohren, rühren sich allerdings nicht vom Fleck.

Irgendwann unterbrechen die Trommler ihren höllischen Karneval. "Wir werden nicht lockerlassen, die Fabrik gehört uns", ruft Abdel, der eine Frau, drei Kinder und einen Bandscheibenvorfall hat. Das komme vom jahrelangen Schuften am Fließband, meint er und erzählt, wie er im vergangenen Juli, als die Fabrikschließung bekanntgegeben wurde, in Ohnmacht fiel.

Leben auf Arbeit ausgerichtet

François hat noch neun Jahre zu arbeiten. "Und zwar hier!", wettert der 54-Jährige, der das PSA-Angebot, in eine andere Fabrik zu übersiedeln, ablehnt: "Die meisten von uns haben in der Nähe ein Häuschen gebaut oder von ihren Eltern geerbt. Wenn PSA die Fabrik schließt, bleibt im ganzen Department kein größerer Industriebetrieb übrig."

Inzwischen herrscht in der Fabrik fast wieder Ruhe. Nur der zornige Rap des Fabrikarbeiters Franck Jautee ist noch aus einem Handy zu hören. Er reimt PSA auf "Patron Saboteur d'Avenir" - Zukunftsverbauer.

Der Zustand der Autoindustrie spricht dagegen. PSA und Renault verzeichnen vor allem in Südeuropa zweistellige Absatzeinbrüche. Schuld sind die Krise, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit französischer Produkte, die koreanische Billigkonkurrenz. In Aulnay wurde die Belegschaft seit 2004 bereits von 6500 auf die Hälfte reduziert. Die Überkapazitäten bleiben. Renault erklärte jüngst, seine Produktion in Frankreich nur mit Lohnsenkungen und Mehrarbeit behalten zu können.

"Das ist Erpressung", meint François bitter. Hilfe erwartet er höchstens noch vom Staat. Aber er weiß auch, dass dies am Grundproblem nichts ändern würde: Von den 220.000 Stellen der Autoindustrie sind tausende überzählig. Die Streikenden in Aulnay wissen es auch. Die PSA-Kader sowieso. Im Herzen der riesigen Fabrik stehen sie sich gegenüber, in einem symbolischen und doch sinnlosen Grabenkrieg. Ein Ende des Streiks ist nicht abzusehen. Die Arbeiter werden ihren Heidenlärm weiter veranstalten. Als wollten sie verhindern, dass in ihrer Fabrik einmal die endgültige, die tödliche Stille eintritt. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 14.2.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Fußball statt Autoproduktion: Im Werk Aulnay-sous-Bois wird seit drei Wochen gestreikt. Die Mitarbeiter wollen die Werksschließung 2014 nicht akzeptieren.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Seit drei Wochen wird diese Fabrik nun schon bestreikt.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sie machen Lärm, um die "Zermürbungstaktik" zu vertreiben, sagen die Arbeiter, "wir werden nicht lockerlassen, die Fabrik gehört uns", ruft Abdel.

Share if you care.