Gewalt an Frauen: ExpertInnen fordern Täterarbeitsprogramme

13. Februar 2013, 14:55
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Autonome Frauenhäuser und Männerberatung: Opfer können nur geschützt werden, wenn man auch mit Tätern arbeitet - 90 Prozent der Gewalt häuslich

Wien - In Österreich ist jede fünfte Frau von Gewalt betroffen; und Gewalt findet zu 90 Prozent in der Familie statt. Österreich hätte als Reaktion auf diese geschlechtsspezifische Form der Gewalt zwar effiziente Gesetze und Frauenhäuser, doch ebenso auch Defizite, insbesondere mangelnde Prävention. "Es gibt zu selten U-Haft, sondern nur Anzeigen auf freiem Fuß", sagte Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), bei einer Pressekonferenz am Mittwoch.

Sie forderte von der Staatsanwaltschaft bessere Gefährlichkeitseinschätzungen und verwies auf aktuelle Mordfälle im Familienkreis in jüngster Vergangenheit. Die "Staatsanwälte müssen besser geschult sein und müssen besser hinschauen", so Rösslhumer. An "Täterarbeit" zur Vorbeugung herrsche ebenfalls ein Mangel.

In "Schwächesituationen gewalttätig"

"Das Thema 'Gewalt in der Familie' sollte wie bei der Polizei auch im juristischen oder medizinischen Bereich mit Schulungen angegangen werden", lautete neben einem nationalen Aktionsplan eine weitere Forderung des AÖF. Jeder zweite Mord an einer Frau geschieht in Europa im Familienkreis, bei Männern beträgt der Anteil lediglich 15 Prozent, so die AÖF-Zahlen. "Männlichkeitsleitbilder" nannte Romeo Bissuti, Psychologe im MännerGesundheitsZentrum MEN, neben der gesellschaftlich bedingten Machtposition als Erklärung. "Männer werden insbesondere in Schwächesituationen gewalttätig" - Schwäche, die etwa dann empfunden wird, wenn eine Trennung im Raum steht.

Forderung nach Täterarbeitsprogrammen

Die Lösung in Form von "opferschutzorientierten Täterarbeitsprogrammen" wären in Form von Männerberatungsstellen zwar vorhanden, doch nicht ausreichend finanziert. Es gelte die "Täterarbeit" dahin gehend auszubauen, dass diese im Falle einer Wegweisung gesetzlich verpflichtend wird. Diese von Bissuti als "Spitze des Eisbergs" bezeichnende Maßnahme erfolgt in Österreich mehrmals täglich, wobei in 95 Prozent der Fällen Männer weggewiesen werden. Laut dem Psychologen und White Ribbon-Obmann waren in Wien 2011 rund 600 Männer in einem Programm der Männerberatung eingebunden, die Hälfte aufgrund einer Zuweisung etwa nach einer Anzeige oder Wegweisung. Die von Bissuti geforderten Täter-Programme gibt es derzeit nur in Wien: Die Hälfte der Täter wird zugewiesen, die andere Hälfte der Klienten kommt freiwillig zur Beratung.

Ökonomischer Missbrauch

Gewalt beginne bereits beim ökonomischen Missbrauch, so Eva Mückstein, Präsidentin des österreichischen Verband der Psychotherapeuten (ÖBVP), etwa, wenn der Partner der Frau die Erwerbsarbeit verbietet. Oder, wie Rösslhumer in Anspielung auf die aktuelle Sexismusdebatte nannte, in Form von verbaler Diffamierung. "Gewalt ist selten ein singuläres Ereignis", unterstützte Mückstein dabei das Anliegen nach mehr Prävention. Mannigfaltige Ursachen für die Gewalt sah Mückstein, die neben dem traditionellen Geschlechterverhältnis unter anderem Persönlichkeitsstörungen oder Alkoholmissbrauch nannte.

Überanpassung und nicht erkannte Gewalt

Ebenso sei Gewalt eine Erbe in Form einer "transgenerationalen Weitergabe" sowie einer Erziehung zur Überanpassung, die dann im Erwachsenenalter Hindernis dafür sein kann, eine Gewaltbeziehung zu beenden. Viele würden aufgrund der ständige Gewalterfahrung nicht mehr erkennen, dass sie permanenter Gewalt ausgesetzt sind.

Laut ÖBVP mangele es an einem niederschwelligen Zugang zur Psychotherapie für die Opfer, obgleich diese per Krankenschein verordnet werden kann. "Hürden bei den Anträgen und lange Wartezeiten, bis die Finanzierung geklärt ist", nannte Mückstein in diesem Zusammenhang. (APA/red, dieStandard.at, 13.2.2013)

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    Jede fünfte Österreicherin ist von Gewalt betroffen. Für viele gehöre diese so zu Alltag, dass sie kaum mehr in der Lage sind, die Gewalt als solche zu erkennen. ExpertInnen fordern nun Täterarbeitsprogramme, denn Wegweisungen seien nicht ausreichend genug.

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