Der bizarre Sex der Prachtsternschnecken

13. Februar 2013, 01:01
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Die Nacktkiemer befruchten sich bei der Kopulation gegenseitig und haben einen mit Stacheln bewehrten Penis zum "Abwerfen", der nachwächst

Homosexualität oder andere "unnatürliche" Sexpraktiken bei Tieren waren in der Biologie lange ein Tabu. Als etwa der englische Forscher George Murray Levick vor hundert Jahren Adeliepinguine bei allerlei "abartigen" Spielchen beobachtete, verschwieg er das in seiner offiziellen Studie. Und selbst Konrad Lorenz wollte lange nicht wahrhaben, dass manche Gänse einfach homosexuell sind.

Mit der gesellschaftlichen Liberalisierung häuften sich in den letzten Jahren wissenschaftliche Berichte über die seltsamsten Formen des animalischen Liebemachens. Und wie es scheint, gibt es im Tierreich nichts, was es nicht gibt. Ein neuer Bericht über das Treiben der Prachtsternschnecke (Chromodoris reticulata), einem im Pazifik lebenden Weichtier, eröffnet freilich ein ganz neues Kapitel im dicken Buch des bizarren Sexualverhaltens der Tiere.

Die Prachtsternschnecke gehört zu den besonders prächtig gefärbten Nacktkiemern, die sich in Ermangelung eines Hauses auch dank ihrer auffälligen "Bemalung" Feinde vom Leib halten. Dieser Leib wiederum enthält sowohl weibliche wie männliche Sexualorgane - Nacktkiemer sind ausnahmslos Zwitter, können sich jedoch nicht selbst befruchten.

Der Sexualakt wird entsprechend als "simultaner Hermaphrodismus" bezeichnet und von den Forschern um Ayami Skizawa im Fachblatt "Biology Letters" nach 31 beobachteten Kopulationen im Detail beschrieben: Die beiden Penisse der beiden Tiere dringen gleichzeitig in die Vagina des jeweils anderen ein, um den Partner zu befruchten.

Doch damit nicht genug: Nach dem Liebesakt, der rund zehn Minuten dauert, wird der etwa 1 cm lange Penis abgeworfen. Das bedeutet aber nicht, dass die Prachtsternschnecke damit außer Gefecht wäre: Im Tier befinden sich nämlich noch rund 3 cm eingerollter "innerer Penis", der 24 Stunden später wieder einsatzfähig ist.

Der Grund für die Wegwerf-Penisse dürfte in den Stacheln liegen, mit denen der Penis bestückt ist und die ein "Zurückziehen" kompliziert machen. Die Forscher fanden in den Stacheln auch Sperma. Womöglich räumen die Tiere damit also den Spermaspeicher ihres Partners aus, bevor sie selbst zum Zuge kommen. (tasch, DER STANDARD, 13.2.2013)

  • Nomen est omen: Die Nacktschnecke Chromodoris reticulata sieht prächtig aus und hat einen Stern auf dem Rücken. Außerdem praktizieren die Tiere eine ausgefallene Art des Geschlechtsverkehrs.
    foto: ayami sekizawa

    Nomen est omen: Die Nacktschnecke Chromodoris reticulata sieht prächtig aus und hat einen Stern auf dem Rücken. Außerdem praktizieren die Tiere eine ausgefallene Art des Geschlechtsverkehrs.

  • Die Schnecken bei der Paarung (li.), rechts im Detail: Die Pfeile verweisen auf die wechselseitig eindringenden Penisse.
    foto: a. sekizawa et al.

    Die Schnecken bei der Paarung (li.), rechts im Detail: Die Pfeile verweisen auf die wechselseitig eindringenden Penisse.

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